Zwischen Bionik, KI-Agenten und zeichnungsloser Serie Das war das fünfte Konstruktionsleiter-Forum 

Von Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler 5 min Lesedauer

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Volles Haus im Vogel Convention Center: Rund 300 Konstruktions- und Entwicklungsleiter trafen sich am 29. Oktober in Würzburg, um die Produktentwicklung neu zu denken. Statt Bedenkenträgerei gab es auf dem fünften Konstruktionsleiter-Forum handfeste Praxiseinblicke und zukunftsweisende Impulse. 

Volles Haus beim fünften Konstruktionsleiter-Forum am 29. Oktokber 2026.(Bild:  Stefan Bausewein/VCG)
Volles Haus beim fünften Konstruktionsleiter-Forum am 29. Oktokber 2026.
(Bild: Stefan Bausewein/VCG)

Wenn sich rund 300 Führungskräfte aus Konstruktion, R&D und Engineering an einem klaren Oktobertag in Würzburg versammeln, dann geht es längst nicht mehr um bloße Theorie. Der Druck auf den Maschinenbau ist real: Entwicklungszeiten müssen halbiert werden, regulatorische Hürden wie der digitale Produktpass rücken näher, und die Produktkomplexität steigt exponentiell. Doch wer geglaubt hatte, in Würzburg auf kollektives Stöhnen zu treffen, wurde eines Besseren belehrt: Die Stimmung auf dem fünften Konstruktionsleiter-Forum war geprägt von Pragmatismus, Tatendrang und einer gehörigen Portion Lust auf Veränderung.

Bionik-Auftakt: Wie die Natur Komplexität einfach weglacht

Schon der Vorabend im besonderen Ambiente des Bürgerbräu-Maschinenhauses setzte den passenden Ton für das Forum. Mit Prof. Dr. Claus Mattheck vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) stand eine echte Legende der Biomechanik auf der Bühne. Unter dem Motto „Bionik für Entscheider“ bewies Mattheck in seiner gewohnt mitreißenden „Volksmechanik“, dass echte Innovation oft darin besteht, Ballast abzuwerfen.Gänzlich ohne trockenes Formelwerk, dafür gespickt mit treffsicheren eigenen Cartoons, zeigte der Wissenschaftler, wie Bäume und Knochen seit Jahrmillionen spannungsoptimiert wachsen. Das Leichtbauprinzip der Natur – Material nur dort anzulagern, wo Kräfte wirken – lässt sich direkt auf moderne Maschinenbauteile übertragen. Matthecks leidenschaftliches Plädoyer für intelligentes Design zeigte den Teilnehmern eindrucksvoll: Wer die Werkzeuge der Bionik versteht, baut Bauteile nicht nur deutlich leichter, sondern auch mechanisch robuster und nachhaltiger. Ein inspirierender Ausklang für den Anreisetag und der perfekte Nährboden für die Fachdiskussionen des Haupttages.

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Die neuen Spielregeln: Vom Engineering-Paradoxon zur 24/7-Entwicklung

Den Auftakt des Haupttages machte Prof. Dr.-Ing. Michael Riesener von der RWTH Aachen University mit einer aufrüttelnden Keynote zu den neuen Spielregeln der Produktentwicklung. Riesener brachte das aktuelle Branchengefühl auf den Punkt: „Wir waren noch nie so gut im Engineering – und stehen uns gleichzeitig oft selbst im Weg.“ Während westliche OEMs heute vier bis fünf Jahre bis zum Serienanlauf (SOP) benötigen, schaffen chinesische Mitbewerber dieselbe Strecke oft in der Hälfte der Zeit. Rieseners Analyse sticht ins Wesentliche: Entwickler verbringen einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit Suchen, Abstimmen und Verwalten – real bleiben oft nur rund neun Prozent der Wochenarbeitszeit für eigentliche, kreative Konstruktionsarbeit übrig.

Wir waren noch nie so gut im Engineering – und stehen uns gleichzeitig oft selbst im Weg.

Prof. Riesener

Die Lösung liegt laut Riesener im systematischen Komplexitätsmanagement und einem neu gedachten Engineering-Operating-Model. Wenn Produkte zu vernetzten, lernenden Systemen werden, reicht klassisches CAD-Denken nicht mehr aus. Gefragt sind wandelbare Produktarchitekturen, Systemdenken und das Zusammenspiel von Mensch und KI. Seine Vision einer „24/7 R&D“, bei der autonome Agententeams nachts Routineanalysen durchführen und Entwickler morgens abgesicherte Ergebnisse vorfinden, ist längst keine Science-Fiction mehr – wie die nachfolgenden Praxisberichte eindrucksvoll untermauerten.

KI & Automatisierung in der Praxis: Klick-Ballast raus, Köpfe frei

Dass künstliche Intelligenz den Sprung aus dem Labor in den harten Arbeitsalltag geschafft hat, bewiesen gleich mehrere Industriepartner hautnah auf der Hauptbühne:

  • Hansgrohe & Synera (Agentisches Engineering): Pascal Jonat (Hansgrohe) und Tobias Wigand (Synera) demonstrierten, wie agentische KI als „virtueller Engineering-Mitarbeiter“ eingesetzt wird. Bei Hansgrohe führt ein Multi-Agenten-System automatische Zeichnungsprüfungen gegen interne Regelkataloge und Normen durch – in rund fünf Minuten pro Zeichnung im Hintergrund. Die Spritzgusssimulation startet der Konstrukteur nachmittags, der Agent sucht passende Bestandsteile samt historischer Berichte heraus, und am nächsten Morgen liegt das Ergebnis vor. Das finale Go bleibt beim Menschen, doch die lästige Routine entfällt.
  • Benteler Mechanical Engineering (CAD-Automatisierung): Marc Rogalsky und Max Alexew brachten die Kernphilosophie moderner Entwickler auf den Punkt: „Die Wertschöpfung des Konstrukteurs liegt in seinem Gedanken – nicht im Klicken!“ Durch konsequente CAD-Automatisierung und KI-unterstützte Makros reduzierte Benteler den Klick-Aufwand drastisch (beispielsweise eine Plansenkung in 3 statt 35 Klicks) und steigerte die Prozesssicherheit signifikant. Seit vier Jahren gab es dort keinen Stücklistenfehler mehr.
  • Luminarity (Echtzeit-Sollkosten am CAD): Hans-Peter Gysel stellte vor, wie Produktdaten-Intelligenz die Kostenkalkulation revolutioniert. Da über 70 Prozent der Herstellkosten bereits in der Konstruktion entstehen, liefert die KI Luminarity autonome Sollpreisberechnungen in Echtzeit direkt am 3D-Modell – unter Berücksichtigung physikalischer Fertigungsregeln und ERP-Daten, ganz ohne langwierige Schleifen mit der Kalkulation.

Durchgängige Prozessketten: Zeichnungslos in Serie und zirkulärer Produktpass

Medienbrüche zwischen 3D-Modell, 2D-Zeichnung und Fertigung gehören zu den größten Effizienzfressern im Maschinenbau. Wie der Ausstieg aus der Zeichnungswelt gelingt, zeigten Lucca Flum und Günther Probst von Bucher Hydraulics: Das Unternehmen hat seine Serienfertigung konsequent auf Model-Based Definition (MBD) umgestellt. Das 3D-CAD-Modell fungiert als einzige verbindliche Informationsquelle (Single Source of Truth), in der Form- und Lagetoleranzen sowie Fertigungshinweise (PMI) direkt hinterlegt sind. Die Bilanz überzeugt selbst Skeptiker: 30 Prozent weniger Konstruktionsaufwand und bis zu 70 Prozent Zeitersparnis bei der NC-Programmierung.

Auch beim Thema Digitaler Produktpass (DPP) wurde deutlich: Wer die ab 2027 greifenden EU-Vorgaben nur als lästige Bürokratie abbucht, verschenkt das eigentliche Potenzial. Christian Kürpick (Fraunhofer IEM) demonstrierte gemeinsam mit Böllhoff im Projekt iPassPro, wie Felddaten aus Nutzung, Wartung und Recycling mittels KI automatisiert aufbereitet werden. So wird der DPP zum intelligenten Rückkopplungssystem, das Konstrukteuren hilft, langlebigere und kreislauffähige Produkte zu entwickeln. Dass man vor teuren Werkzeugeinführungen erst den eigenen Reifegrad bestimmen muss, unterstrich Josefine Meibert (Fraunhofer IEM) mit einem systematischen Capability Assessment, während Dirk Franzmann (Plasmatreat) für pragmatische Umsetzung warb: „Machen geht vor Perfektion!“

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Das Netzwerktreffen: So erlebten die Teilnehmer das Forum

Die Begeisterung aus den Vortragsräumen setzte sich nahtlos in den Kaffeepausen, an den Ständen der Fachausstellung, an der Meet-the-Experts-Bühne und im digitalen Nachgang auf LinkedIn fort. In den Posts und Kommentaren der Teilnehmer spiegelte sich wider, wie exakt das Würzburger Programm den Nerv der Zeit getroffen hat: Ein Teilnehmer zog ein rundum positives Fazit: „Die Themen der Zeit wurden erkannt, die richtigen Fragestellungen aufgegriffen und mit passenden Inhalten vertieft. Für mich macht genau das eine gute Fachveranstaltung aus – nicht nur Trends zu benennen, sondern sie einzuordnen und echten Mehrwert für die eigene Arbeit zu geben.“ Besonders intensiv diskutierte die Community die gezeigten Praxisbeispiele. Während das MBD-Projekt von Bucher Hydraulics als Paradebeispiel gefeiert wurde, wie man ganz ohne KI-Hype 30 Prozent Aufwand einspart, sorgte der Benteler-Ansatz „Solange man als Konstrukteur etwas machen muss, um die Idee auf den Bildschirm zu bringen, gibt es Optimierungspotenzial“ für viel Zustimmung.
 

Mit Mut und System in die Zukunft der Konstruktion

Das fünfte Konstruktionsleiter-Forum in Würzburg hat eindrucksvoll bewiesen: Der Wandel im Engineering lässt sich nicht mehr aufschieben, aber er lässt sich gestalten – die Werkzeuge stehen bereit. Wer Komplexität nicht als Bedrohung, sondern als strategischen Wettbewerbsvorteil begreift, nimmt aus Würzburg reichlich Rückenwind mit. 

Wir danken allen Referenten, Partnern und den Teilnehmern für den inspirierenden Austausch auf Augenhöhe – und freuen uns schon jetzt auf das Wiedersehen beim nächsten Konstruktionsleiter-Forum am 13. Oktober 2027!