In unserer Serie „Technik kurz erklärt“ stellen wir regelmäßig Meisterwerke der Konstruktion und besondere Entwicklungen vor. Heute: das Spektrometer.
Auf der Hannover Messe 2026 konnten sich Besucher mit dem digitalen Zwilling von Joseph von Fraunhofer unterhalten – das Metaverse und KI machen es möglich.
(Bild: Fraunhofer-Gesellschaft)
Am 7. Juni 2026 jährt sich der Todestag von Joseph Fraunhofer, seit 1824 Ritter von Fraunhofer, bereits zum 200. Mal. Wir nehmen das zum Anlass, seinen Werdegang und seine bedeutenden Entdeckungen und Erfindungen näher zu beleuchten – im Besonderen das Spektrometer.
Forschung für industrielle Prozesse
Wird heute eine CNC-Maschine mit optischen Encodern kalibriert oder eine Schichtdickenmessung mittels Spektroskopie durchgeführt, kommen Technologien zum Einsatz, deren physikalische Grundsteine in einer bayerischen Glashütte des frühen 19. Jahrhunderts gelegt wurden: Joseph von Fraunhofer (1787 – 1826) war nicht nur ein genialer Forscher, sondern auch ein visionärer Unternehmer – er erkannte, dass Spitzenforschung wertlos ist, wenn sie nicht in reproduzierbare industrielle Prozesse mündet – ein Credo, das heute aktueller denn je ist.
Mit 18 Dukaten vom Kurfürst in die Freiheit
Joseph Fraunhofer startete allerdings unter schwierigen Bedingungen: Als elftes Kind einer Glaserfamilie in Straubing früh verwaist, landete er in einer harten Lehre in München. Der Wendepunkt war der Gebäudeeinsturz seines Lehrbetriebs im Jahr 1801: Der damals 14-jährige Joseph Fraunhofer wurde unter den Trümmern verschüttet und Stunden später lebend geborgen. An den Rettungsarbeiten nahm auch der bayerische Kurfürst Maximilian IV. Joseph persönlich teil – ein Glücksfall für Fraunhofer, denn die Rettungsaktion brachte ihm die Aufmerksamkeit vom Kurfürsten und auch vom Unternehmer Joseph von Utzschneider ein. Der Kurfürst schenkte dem überlebenden Jungen 18 Dukaten. Mit diesem Geld kaufte sich Fraunhofer von den restlichen Lehrjahren frei und erwarb eine eigene Glasschleifmaschine. Weitere finanzielle Mittel und Förderung, u.a. durch Joseph von Utzschneider, ermöglichte es ihm, Bücher zu kaufen und Unterricht zu besuchen, was den Grundstein für seine Karriere als Optiker legte. Mit 19 Jahren (1809) trat er in das Mathematisch-Feinmechanische Institut von Utzschneider und Reichenbach ein. In den Werkstätten des Klosters Benediktbeuern stieg er rasch auf und übernahm bereits mit 22 Jahren die Leitung der Glasherstellung. Hier vollzog er einen entscheidenden Schritt: Er verwandelte das „Alchemie-Labor“ der Glashütte in eine reproduzierbare industrielle Fertigung.
1814 entdeckte Fraunhofer bei Versuchen mit Sonnenlicht und Prismen hunderte dunkle Absorptionslinien. Während andere sie nur am Rande bemerkten, erkannte Fraunhofer ihr Potenzial als absolute Referenzmarken. Fraunhofer entdeckte, dass im Sonnenspektrum 574 dunkle Linien existieren. Diese entstehen, wenn chemische Elemente in einer Gasatmosphäre spezifische Wellenlängen des Lichts absorbieren. Die markantesten Linien bezeichnete er mit den Buchstaben A bis K.
Um diese Linien zu vermessen, erfand Fraunhofer das Spektrometer, auch Spektroskop genannt. Sein Aufbau bestand aus einem Prisma, das auf einem präzisen Teilkreis montiert war, und einem Fernrohr zur Beobachtung.
Spektrale Zerlegung: Das einfallende „weiße“ Licht trifft auf das Prisma oder Gitter und wird physikalisch nach seinen Wellenlängen in die Spektralfarben aufgefächert.
Sichtbarmachung von Absorptionslinien: Die dunklen Linien dienten Fraunhofer als natürliche, unveränderliche Maßstäbe. Er richtete sein Fernrohr exakt auf eine Linie aus und las den Winkel am Theodoliten ab.
Präzisionsbestimmung: Durch diese Winkelmessung konnte er den Brechungsindex verschiedener Glasarten für exakt definierte Wellenlängen berechnen. Dies war die Voraussetzung für die Fertigung farbfehlerfreier (achromatischer) Linsen in industrieller Qualität.
Chemische Analyse (Fingerabdruck-Prinzip): Da jedes Element ein charakteristisches Linienmuster (ähnlich einem Strichcode) erzeugt, lässt sich über das Spektrometer die Zusammensetzung der Lichtquelle oder des durchstrahlten Mediums bestimmen
Fehlerquellen: Er erkannte, dass thermische Instabilitäten und Inhomogenitäten im Glas die Ergebnisse verfälschen, und steuerte prozesstechnisch gegen.
Fraunhofer wollte eigentlich nur die Qualität seiner Glaslinsen verbessern. Dass die dunklen Linien im Sonnenlicht verraten, aus welchen chemischen Elementen die Sonne besteht, fanden erst Jahrzehnte später Kirchhoff und Bunsen heraus.
Für Fraunhofer war das Spektrometer kein Selbstzweck für die Astronomie. Es diente ihm als objektiver Maßstab, um die Qualität seines Glases zu prüfen. Er konnte nun sicherstellen, dass eine Linse aus einer neuen Schmelze exakt die gleichen optischen Eigenschaften hatte wie die vorherige.
Die Geburtsstunde der Standards
Fraunhofer war ein Pionier der Standardisierung. Indem er Wellenlängen (via Spektrallinien) als universelle Konstanten nutzte, schuf er die Basis für die heutige Metrologie. Er machte Ergebnisse unabhängig vom Geschick des einzelnen Handwerkers und legte den Grundstein für die industrielle Serienfertigung optischer Komponenten.
In der heutigen Astronomie dienen diese Linien etwa als „Fingerabdruck“ chemischer Elemente im All, im Maschinenbau ermöglichen sie die Kalibrierung optischer Sensoren auf atomarer Ebene.
Weitere wichtige Entwicklungen von Fraunhofer
In den Jahren 1820 bis 1821 arbeitete Joseph Fraunhofer am optischen Beugungsgitter. Seine vielleicht beeindruckendste mechanische Leistung war die Konstruktion einer Ritzmaschine für Beugungsgitter. Mit einem Diamanten ritzte er bis zu hunderte feinste parallele Linien pro Millimeter in Glasoberflächen (Gitterkonstante bis zu 0,003 mm). Er nutzte diese Erfindung, um die Wellenlängen des Sonnenlichts exakt zu vermessen.
Fraunhofer revolutionierte auch den Bau von Teleskopen durch die Kombination von exakter Mathematik und neuartigen, schlierenfreien Glassorten. Mit einem seiner Teleskope wurde 1846 der Planet Neptun entdeckt. Das Heliometer ist ein spezielles Fernrohr zur Messung kleinster Winkelabstände; damit bestimmte Friedrich Wilhelm Bessel erstmals die Entfernung zu einem Fixstern.
Stand: 08.12.2025
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25.000: So viele Absorptionslinien sind heute im Sonnenspektrum bekannt, im Vergleich zu den 574, die Fraunhofer mit seinen Instrumenten erstmals systematisch erfasste.