Suchen

ERP

So senkt ein Produktkonfigurator die Durchlaufzeit bei der Entwicklung selbst kleinster Losgrößen

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Nutzfahrzeugaufbauten in Losgröße 1-5, made in Germany – das ist das Spezialgebiet von Spier. Dabei setzt das Unternehmen auf einen Produktkonfigurator, der bei hoher Variantenvielfalt die Prozesskette vom Angebot bis zum Produktionsauftrag effizient steuert.

Firmen zum Thema

Extrem hohe Variantenvielfalt ist eine Herausforderung, der das Unternehmen Spier begegnet. Mit einem Produktkonfigurator steuert Prozesskette Spier die Prozesskette vom Angebot bis zum Produktionsauftrag.
Extrem hohe Variantenvielfalt ist eine Herausforderung, der das Unternehmen Spier begegnet. Mit einem Produktkonfigurator steuert Prozesskette Spier die Prozesskette vom Angebot bis zum Produktionsauftrag.
(Bild: Spier GmbH & Co. Fahrzeugwerk KG)

Sich anpassen an die Erfordernisse der Zeit: Das war und ist das Erfolgsgeheimnis der Spier GmbH & Co. Fahrzeugwerk KG. 1872 als Stellmacherei- und Wagenbau-Betrieb gegründet, transformierte sich das Unternehmen mit dem Aufkommen der ersten Automobile zum Anbieter für Aufbauten motorisierter Nutzfahrzeuge. Heute bietet der mittelständische Systemlieferant ein vielfältiges Fertigungs- und Dienstleistungsspektrum rund um Aufbauten und Transportlösungen, vom Kastenwagen bis zum Schwer-Lkw. Dabei machen Individuallösungen einen Großteil des Geschäfts aus.

Individualisierung als Erfolgsfaktor

Der Markt für Nutzfahrzeuge ist international heiß umkämpft – auch im Segment Auf- und Ausbauten. Deshalb ist die Spier GmbH & Co. Fahrzeugwerk KG laufend auf der Suche nach Möglichkeiten, sich von den zahlreichen Mitbewerbern im In- und Ausland zu differenzieren. Unter dem Motto „Erfolg entsteht immer durch Andersartigkeit“ arbeiten die Ostwestfalen kontinuierlich an Veränderung und Innovation in Produkten und Prozessen.

Bildergalerie

Zu den Kunden von Spier gehören Nutzfahrzeughersteller, Autovermietungen, Kurier-, Express- und Paketdienste, Lebensmittelhersteller, Logistiker, Küchen- und Möbelhersteller sowie -händler. Deren Anforderungen wandeln sich laufend. „Dem begegnen wir mit einer hochindividualisierten Produktpalette an Auf- und Ausbauten, in einer Vielzahl an Varianten. Wir fertigen daher Kleinstserien, oft sogar Losgröße 1“, erklärt geschäftsführender Gesellschafter Jürgen Spier, der das Unternehmen in der vierten Generation leitet.

„Oft“ ist dabei nicht übertrieben, dann tatsächlich fertigt das Unternehmen über zwei Drittel seiner Aufträge in niedriger Losgröße von 1 bis 5 Stück. Eine organisatorische Herausforderung, die nur mit digitaler Hilfe zu bewältigen ist: „Ohne den Produktkonfigurator von Pro-Alpha könnten wir diese große Vielfalt an Aufträgen nicht mehr managen. Dadurch minimieren wir die Durchlaufzeit und vermeiden Fehler“, erklärt Spier.

Produktkonfigurator: Dreh- und Angelpunkt für das Geschäft

Vertriebsinnen- und außendienst arbeiten täglich mit dem Konfigurator. Das beginnt bei der Erstellung der Angebote, die sich anschließend direkt in einen Auftrag übernehmen lassen – inklusive systemgenerierter Seriennummer. Der Konfigurator erstellt zudem technische Unterlagen, darunter auch Maßblätter für die Ladebordwand sowie eine Zeichnung für die Beschrifter. „Früher fertigte eine Kollegin halbtags diese Skizzen. Diese kann sich jetzt komplett um andere Dinge kümmern“, erzählt Jens Kaletta, der seit 2007 die Prozesse rund um Pro-Alpha und die Anwendungsbetreuung verantwortet.

Mehr Prozesssicherheit durch Plausibilitätsprüfung

Der Konfigurator prüft außerdem die technische Plausibilität und Machbarkeit. Dadurch konnte Spier die Prozesssicherheit deutlich steigern. Gleichzeitig hilft das Pro-Alpha Workflow Management dabei, rechtzeitig zu agieren. Ein Beispiel: Damit Liefertermine zuverlässig gehalten werden können, werden über Workflows Langläufer rechtzeitig bestellt, noch bevor der Produktionsauftrag formal erzeugt wurde. Denn Spier hat in der Regel nur 20 Arbeitstage ab der Anlieferung eines Fahrgestells bis zur Auslieferung des gewünschten Gesamtfahrzeugs.

Zusammen mit dem Produktionsauftrag generiert der Konfigurator auch Stücklisten sowie Arbeitspläne. Damit steht dann auch der Fertigungsablauf fest. Alle Dokumente werden im DMS hinterlegt, wo Meister oder Teamleiter sie online aufrufen können. „Damit haben wir die Papierflut schon sehr stark eingedämmt“, sagt Kaletta. Gut zwei Drittel aller Aufträge laufen heute bereits von der Bestellung bis zum Fertigungsbeginn durchgängig digital.

Entlastung für die Konstruktion

Dadurch wird auch die Konstruktionsabteilung entlastet: Diese musste früher jede Bestellung anpacken, selbst wenn es sich beispielsweise nur um eine Farbvariante handelte. Zwischen 70 und 80 % solcher sich wiederholenden Routineaufgaben wickelt der Konfigurator inzwischen direkt ab. Die Konstrukteure können sich somit auf spezialisierte Aufgaben konzentrieren. Denn sie rhalten per Workflow nur noch Aufträge, die tatsächlich eine kundenindividuelle Konstruktion erfordern. „Der Produktkonfigurator unterstützt die gesamte Prozesskette“, fasst Kaletta zusammen. „Er ist so wichtig geworden, dass er bei Bedarf rund um die Uhr, 7 Tage die Woche läuft.“

CAD-Integration über das ERP-System

Um sich vom Wettbewerb zu unterscheiden, setzt Spier auf hundertprozentige Eigenentwicklung. Dabei arbeiten die Experten des Spezialanbieters oft eng mit den Ingenieuren der großen Nutzfahrzeughersteller zusammen. Erleichtert wird dies durch eine CA-Link genannte CAD-Integration, die alle 2D- und 3D-CAD-Systeme aus der Entwicklung von Spier sowie der kundenspezifischen Konstruktion mit Pro-Alpha koppelt. Sämtliche Indizierungen, Versionierungen und Freigaben der Zeichnungen laufen über das ERP-System.

SEMINARTIPPDas Seminar „Die Steuerung des Konstruktionsbereichs“ vermittelt, wie Kennzahlen als Steuerungsinstrument helfen können, was die wichtigsten Parameter sind und wie ein geeignetes Kennzahlensystem implementiert wird – anhand eines praktischen Beispiels.
Weitere Informationen

Produktionssteuerung niedriger Losgrößen

Ist der Produktionsauftrag erstellt, geht es an die Fertigungsplanung: „Pro-Alpha unterstützt uns entscheidend, bei der Vielfalt und Menge von ca. 700 Produktionsaufträgen je Monat die nötigen Ressourcen zu organisieren“, betont Geschäftsführer Spier. Denn das Advanced Planning and Scheduling (APS) von Pro-Alpha koordiniert sämtliche Personalressourcen, Betriebsmittel sowie Materialien. Unter Berücksichtigung aller Abhängigkeiten lastet es die Aufträge zunächst entsprechend der Kapazitäten ein. Nach dieser Grobplanung machen sich Teamleiter und Meister in Pro-Alpha an die Feinplanung – ebenfalls im ERP- System, um alle Details zentral festzuhalten. Damit auch Rückmeldung und Fertigmeldung aus der Produktion direkt ins ERP-System fließen, hat Spier sämtliche Fertigungslinien mit Terminals ausgestattet. Nach dem Scannen der Barcodes übernimmt die ERP-Software automatisch die nötigen Zeitberechnungen.

Lagerinformationen in Echtzeit

Ohne eine Digitalisierung des „chaotisch“ geführten Lagers wäre all dies nicht möglich. Für eine dynamische Lagerhaltung sind bei Spier alle Artikel, Flächen und Bereiche mit Barcodes gekennzeichnet. Materialzu- und -abgänge buchen die Lageristen mit mobilen Geräten in Echtzeit. Dies beschleunigt den Informationsfluss. Das weitläufige Firmengelände und die Größe der Aufbauten machen es erforderlich, dass alle Mitarbeiter den echten Bestand kennen und sehen, ob sich ein bestimmtes Teil bereits auf dem Weg zur Montage befindet.

Unverzichtbar im Hintergrund: das Dokumenten Management System (DMS)

Bei alledem darf die Dokumentation nicht zu kurz kommen. Daher ist das in Pro-Alpha integrierte DMS eine „feste Größe in der täglichen Arbeit fast aller Abteilungen“ geworden, so Kaletta. Sämtliche mit einem Fahrzeug verbundenen Dokumente werden dort abgelegt. Dazu gehört das im Rahmen der Fahrzeug-Typenprüfung nötige Certificate of Conformity (COC) ebenso wie die Prüfprotokolle. Um alles digital vorzuhalten, werden gescannte Dokumente in einem nächtlichen Batchlauf archiviert. Das DMS archiviert diese dann entsprechend der vorgegebenen Ordner- strukturen. Nicht auftragsspezifische Prozesse werden hier ebenfalls dokumentiert. Zukünftig ist geplant, das DMS auch für die automatische Rechnungskontrolle sowie für eine Barcode-gestützte Archivierung zu nutzen.

Digitale Zukunft und Fachkräftemangel meistern

Dass solche Ergänzungen jederzeit möglich sind, bestätigt Spier: 1999 hat man mit Pro-Alpha die richtige Wahl getroffen. Denn Hauptbedingung für die damals neue ERP-Lösung war: Es sollte eine Standardsoftware sein, die ständig weiterentwickelt wird und mit den Anforderungen des Unternehmens mitwächst. Für Geschäftsführer Jürgen Spier spielt das ERP-System zudem eine wesentliche Rolle, um mit dem Fachkräftemangel besser umzugehen. Dank der benutzerfreundlichen Mehrfenstertechnik finden sich Mitarbeiter nämlich schneller in neuen Aufgaben und Prozessen zurecht. Workflows, die Abläufe standardisieren und automatisieren, unterstützen sie in ihrer täglichen Arbeit. So sieht sich Spier heute für den digitalen Wandel bestens aufgestellt – um durch Andersartigkeit weiterhin erfolgreich zu sein.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45978909)