Faszination Technik Nachhaltiger Leichtbau mit Magnesium und Muschelkalk

Quelle: Helmholtz-Zentrum Hereon 2 min Lesedauer

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In unserer Rubrik „Faszination Technik“ stellen wir Konstrukteuren jede Woche beeindruckende Projekte aus Forschung und Entwicklung vor. Heute: Wie aus gemahlenem Austernschalenpulver Magnesiumschaum für den Fahrzeugbau wird.

Der Magnesiumschaum (Mitte) besteht aus gemahlenem Muschelschalenpulver (links), Calcium und Magnesium (rechts).  (Bild:  Hereon/Rabea Osol)
Der Magnesiumschaum (Mitte) besteht aus gemahlenem Muschelschalenpulver (links), Calcium und Magnesium (rechts).
(Bild: Hereon/Rabea Osol)

Austernschalen fallen weltweit in großen Mengen als Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie an. Bislang werden sie meist deponiert oder in Gewässern entsorgt. Forschende des Hereon-Instituts für Material- und Prozessdesign haben nun eine Möglichkeit gefunden, die Schalen als nachhaltige Ressource zu Magnesiumschaum verarbeiten. Das Team hat Austernschalenpulver mittels eines Schmelzofens in eine Magnesium-Calcium-Legierung eingerührt. Da die Schalen überwiegend aus Calciumcarbonat (Kalk) bestehen, reagiert das Pulver unter hohen Temperaturen zu Kohlendioxid (CO2). Das Gas bildet Blasen, die in der dickflüssigen Schmelze bestehen bleiben und damit den Schaum formen. Nach dem Abkühlen und Aushärten entsteht ein Metallschaum mit einer homogenen Porenstruktur. Das entstandene CO2 verbleibt in diesen Poren. Das Besondere am neuen Werkstoff: Er ist nachhaltig produziert, vollständig recycelbar, ultraleicht und für verschiedenste Anwendungen geeignet.

Geschlossener Recyclingkreislauf 

Austernschalen sind weltweit ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Sie bestehen zum Großteil aus Claciumcarbonat, also Kalk. (Bild:  Hereon/Rabea Osol)
Austernschalen sind weltweit ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Sie bestehen zum Großteil aus Claciumcarbonat, also Kalk.
(Bild: Hereon/Rabea Osol)

Alle verwendeten Rohstoffe können aus dem Meer gewonnen werden: Das Muschelschalenpulver stammt von Austern, die für die Lebensmittelindustrie aus dem Meer geerntet wurden, Magnesium und Calcium bleiben als Nebenprodukte bei der Meerwasserentsalzung zurück. „Nach Lebensende könnte der Werkstoff ins Meer zurückgeführt werden. Er würde sich im Wasser einfach auflösen“, sagt Dr. Hajo Dieringa, Materialwissenschaftler am Hereon und Co-Autor der Studie. Er und seine Kollegen haben dies mit künstlichem Meerwasser im Labor getestet.
Um die Verträglichkeit des Werkstoffes für das marine Ökosystem zu untersuchen, haben die Materialforscher mit Wissenschaftlern vom Hereon-Institut für Umweltchemie des Küstenraumes zusammengearbeitet. Chemische Analysen von Küstenforscher Dr. Daniel Pröfrock zeigen, dass bei der Rückführung des Magnesiumschaums keine schädlichen Einflüsse entstehen würden, beispielsweise durch die Freisetzung von toxikologisch relevanten Metallen die in den eingesetzten Rohstoffen als Verunreinigung enthalten sein könnten. „In einem echten geschlossenen Recyclingkreislauf wird das Material aber eher eingeschmolzen und als neue Magnesiumlegierung wiederverwendet“, sagt Dieringa.

Porenstruktur macht Material formbar

Der Magnesiumschaum hat eine homogene Porenstruktur, die ihn formbar macht.(Bild:  Hereon/Rabea Osol)
Der Magnesiumschaum hat eine homogene Porenstruktur, die ihn formbar macht.
(Bild: Hereon/Rabea Osol)

Die Porenstruktur macht den Magnesiumschaum sehr formbar und sorgt dafür, dass er viel Energie aufnehmen kann. Dadurch eignet er sich besonders für Leichtbauteile zum Dämpfen von Schwingungen oder Stößen, wie etwa Knautschzonenteile von Fahrzeugen.
„Wir verbinden technologische Leistungsfähigkeit mit ökologischer Verantwortung, auch im Sinne der Rohstoffsicherheit für kritische Metalle wie Magnesium“, sagt Dieringa. Er und seine Kollegen planen künftig weitere Aufschäumversuche mit anderen Legierungssystemen und mit der Zugabe von recycelten Kohlenstofffasern, die die Schmelze stabilisieren. So soll die Schaumbildung noch besser kontrolliert und die Porenstruktur optimiert werden.
Zukünftige Einsatzmöglichkeiten sehen die Forschenden auch im Schiffsbau, in der Luftfahrt oder in Schutzkleidung wie Sicherheitswesten oder Protektoren, bei denen geringes Gewicht und hohe Energieaufnahmefähigkeit entscheidend sind.

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