Autonomes Fahren Robocar - halb Auto, halb Roboter

Auf der Baidu World 2021 hat Baidu seinen Robocar-Prototyp vorgestellt. Einen futuristisch aussehenden Zweisitzer mit einer kantigen Schnauze, Glasdach und nach oben zu öffnenden Flügeltüren. Auf Lenkrad und Pedale wird verzichtet – auf einen Fahrer ebenfalls.

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Baidu-Mitbegründer und CEO Robin Li (re.) und CCTV-Moderator Beining Sa sitzen im kürzlich präsentierten Baidu Robocar.
Baidu-Mitbegründer und CEO Robin Li (re.) und CCTV-Moderator Beining Sa sitzen im kürzlich präsentierten Baidu Robocar.
(Bild: Baidu, Inc.)

In der Zukunft werden Autos eher so etwas wie Roboter sein. Daran glaubt jedenfalls Robin Li, der gerade einen Prototypen namens „Robocar” vorgestellt hat. Robin Li ist der CEO von Baidu, dem „Google Chinas“. Den futuristisch aussehenden Zweisitzer mit einer kantigen Schnauze, Glasdach und nach oben zu öffnenden Flügeltüren hat er am Mittwoch dieser Woche auf der Konferenz „Baidu World 2021“ vorgestellt, wo der chinesische Tech-Konzern einmal jährlich seine neuesten Produkte vorstellt.

Noch wichtiger am Robocar ist all das, was es nicht hat. Ein Lenkrad fehlt im Inneren ebenso wie Pedale. Das Gefährt ist für das autonome Fahren der Stufe 5 ausgerüstet, wo kein Fahrer mehr gebraucht wird. Bei Baidu, glaubt man fest an eine Zukunft, in der Algorithmen sicherer navigieren als die ständig Fehler machenden Menschen.

Das Gefährt ist für das autonome Fahren der Stufe 5 ausgerüstet, wo kein Fahrer mehr gebraucht wird.

Über Sprach- und Gesichtserkennung Wünsche entgegennehmen

Über Sprach- und Gesichtserkennung kann Robocar die Wünsche seiner Insassen entgegennehmen, sagte Li auf der Konferenz. Dank seiner KI sei es in der Lage, ständig dazuzulernen, sich für in den verschiedensten Verkehrs-Szenarien immer weiter selbst zu verbessern.

Nun ist das alles zwar sehr zukunftsorientiert, das Robocar von Baidu ist aber keinesfalls das erste Auto ohne Lenkrad und Pedale. In München haben sie bereits den ersten Prototyp dieser Art ins Museum gestellt. Das Auto „Firefly“ (Glühwürmchen) von Waymo, des aus einem Google-Projekt hervorgegangenen Startp-ups, steht im Verkehrszentrum des Deutschen Museums.

Doch das Robocar von Baidu könnte das erste Auto dieser Art werden, dass es tatsächlich zur Serienproduktion schafft. Dafür sprechen all die anderen Anstrengungen, die Baidu parallel zur Entwicklung des Prototyps unternimmt. Schon seit 2013 investiert der ehemalige Suchmaschinen-Konzern stark in die Künstliche Intelligenz. Inzwischen ist Baidu eher ein “Internet-und-KI-Konzern“.

Die Baidu World 2021 im Video:

Fahrerlose Robotaxis in Peking unterwegs

In Peking und einer Reihe anderer Städte in China sind bereits „Robotaxis“ von Baidu unterwegs, die fahrerlos Kunden befördern. Es sitzt zwar noch ein „Beifahrer“ zur Sicherheit mit im Wagen, der aber nur im Notfall eingreifen soll (Stufe 4 des autonomen Fahrens). Außer in Peking sind die Robotaxis in Guangzhou, Changsha und Cangzou unterwegs, meist kostenlos und direkt über die Smartphone-Karten-App von Baidu bestellbar.

Bis Ende Juni dieses Jahres ist dieses Projekt auf insgesamt 20 chinesische Städte ausgeweitet worden, berichtet die South China Morning Post (SCMP) in Hongkong. Bis Ende Juni hatten sich die Robotaxis so bereits 12 Millionen Test-Kilometer „erfahren“. Das Projekt wird Schritt für Schritt auf immer weitere Städte ausgeweitet.

Vor drei Jahren hat Baidu seine Apollo-Plattform für autonomes Fahren entwickelt und als „Open Source“ allen interessierten Partnern angeboten. Es wird von der chinesischen Regierung unterstützt. Außerdem hat Baidu mächtige OEM-Partner wie Toyota und Volkswagen als Partner für das Projekt gewinnen können. Chinesische Autohersteller wie die staatseigene FAW-Gruppe und das Elektro-Start-up Weltmeister haben bereits E-Autos auf den Markt gebracht, in denen Apollo installiert ist.

Hohe Investitionen in Elektrofahrzeuge mit autonomen Fahrfunktionen geplant

Auch experimentiert Baidu in einem Joint-Venture mit dem chinesischen OEM Geely bereits selbst mit der Herstellung von Elektrofahrzeugen. Baidu hält 55 Prozent der Anteile an „Jidu Auto“ und hat angekündigt, in den nächsten fünf Jahren 50 Milliarden Yuan (rund 6,6 Milliarden Euro) in die Entwicklung von Elektrofahrzeugen mit autonomen Fahrfunktionen investieren zu wollen.

Im Juni dieses Jahres hat Baidu auch eine neue Partnerschaft mit dem großen, staatlichen Autohersteller BAIC angekündigt. Gemeinsam will man in den kommenden drei Jahren 1.000 fahrerlose Autos bauen, unter anderem um den Robotaxi-Service zu kommerzialisieren und über ganz China auszuweiten, berichten chinesische Medien.

Zweite Generation des KI-Chips Kunlun II vorgestellt

Am Mittwoch dieser Woche hat Baidu nicht nur sein futuristisches Robocar vorgestellt. Der Konzern hat auch bekannt gegeben, dass er mit der Serienproduktion der zweiten Generation seines KI-Chips begonnen hat. Der „Kunlun II” ist für das autonome und vernetzte Fahren ausgelegt und basiert auf recht fortschrittlicher 7-Nanometer-Technologie.

„Baidu hat bei der Entwicklung von selbstfahrenden Autos wegen seiner Apollo-Plattform einen Vorsprung,“ zitiert SCMP Peter Chen, einen Ingenieur beim Zulieferer ZF TRW in Shanghai. Und genau diese Plattform ist nun für das Robocar weiterentwickelt worden. „Luobo Kuaipao“ heisst Baidus neueste Plattform für autonomes Fahren.

Wie lange es noch dauern wird, bis Prototypen wie das Robocar mit autonomen Fahrfunktionen der Stufe 5 serienmäßig produziert werden, ist noch unklar. Baidu hat bei der Konferenz keine Timeline genannt.

Debatte: Wie sicher ist autonomes Fahren?

Es wird wohl noch einige Jahre dauern. Momentan bewegt der tödliche Unfall eines jungen chinesischen Unternehmers namens Lin Wenqin die chinesische Öffentlichkeit. Er hatte kürzlich in seinem NIO ES8 den Autopiloten benutzt und war dann verunglückt. Auch in China verschärft sich daher gerade wieder die Debatte, ob autonomes Fahren wirklich so sicher ist, wie es seine Befürworter behaupten.

Dennoch: Auch ohne konkrete Timeline ist Baidus Robocar eine ernste Kampfansage an die traditionellen Autohersteller der Gegenwart und auch an sämtliche E-Auto-Start-ups. „Wir glauben, dass die Autos der Zukunft Robocars sein werden,“ sagte Robin Li auf der Baidu World 2021.

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