Additive Fertigung Mit nachhaltigen Drucktinten funktionelle Organe herstellen

Von Fraunhofer ISC 4 min Lesedauer

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Mit dem 3D-Biodruck lassen sich Organe und Gewebe herstellen. Allerdings bilden die Biotinte die physiologische Struktur und Zusammensetzung von Geweben jedoch nicht ausreichend nach. Fraunhofer-Forscher haben hierfür Bio-Drucktinten aus den gängigsten Gewebeproteinen entwickelt.

Im Projekt PhysioINK entwickeln Fraunhofer-Forschende Bio-Drucktinten aus den gängigsten Gewebeproteinen. Unter dem Mikroskop sind die lebenden Gewebezellen (Fibroblasten) in der gedruckten Gitterstruktur erkennbar: Blau ist der Zellkern, grün das Zytoskelett.(Bild:  Tobias Weigel/Fraunhofer ISC)
Im Projekt PhysioINK entwickeln Fraunhofer-Forschende Bio-Drucktinten aus den gängigsten Gewebeproteinen. Unter dem Mikroskop sind die lebenden Gewebezellen (Fibroblasten) in der gedruckten Gitterstruktur erkennbar: Blau ist der Zellkern, grün das Zytoskelett.
(Bild: Tobias Weigel/Fraunhofer ISC)

Jährlich stehen allein in Deutschland  8000 Menschen auf einer Warteliste für eine Organspende, wovon etwa zehn Prozent vergeblich warten. Der 3D-Biodruck gilt als mögliche Lösung der weltweiten Knappheit von Spenderorganen. Er soll es ermöglichen, implantierbare, individuell auf den Patienten zugeschnittene Organe oder Teile von Organen automatisiert „auf Knopfdruck“ herzustellen.
Die Technologie könnte zudem den Druck von pathologischen, also erkrankten Gewebemodellen zur Erforschung von Krankheiten sowie zur Testung und Entwicklung von Wirkstoffen erlauben. Doch eine bislang nicht gelöste Herausforderung des 3D-Biodrucks sind die Drucktinten, die entweder gute Druckeigenschaften aufweisen, aber nicht die natürliche Gewebestruktur abbilden können, oder umgekehrt die Abbildung der Gewebestruktur, aber keine ausreichende Druckbarkeit zulassen. 
Die Fraunhofer-Institute für Silicatforschung ISC, für Angewandte Polymerforschung IAP, für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS und für Zelltherapie und Immunologie, Institutsteil für Bioanalytik und Bioprozesse IZI-BB wollen diese Hürde überwinden. Im Projekt PhysioINK wollen sie nachhaltige, prozessoptimierte Bio-Drucktinten entwickeln, die die präzise Nachbildung von physiologischen humanen Organstrukturen ermöglichen, die sich in verschiedenen 3D-Druckverfahren praxistauglich einsetzen lassen. Geplant ist, zwei Anwendungen zu realisieren: Standardisierte Darmtumor-Modelle für die Wirkstoffentwicklung und physiologisches Herzgewebe als Schritt hin zu funktionsfähigen Implantaten für die personalisierte, regenerative Medizin.

Buchtipp: Additive Fertigung

(Bild: VCG)

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Hochkonzentrierte Drucktinten auf Basis von Kollagen und Elastin

3D-Druck freistehender Gitterstrukturen(Bild:  K. Selsam/Fraunhofer ISC)
3D-Druck freistehender Gitterstrukturen
(Bild: K. Selsam/Fraunhofer ISC)

Im menschlichen Weichgewebe sind faserförmige, strukturbildende Proteine enthalten: Kollagen und Elastin. Je nach Gewebeart haben sie einen Anteil von 60 bis 100 Prozent. „Bislang werden komplett synthetische oder stark chemisch veränderte Materialien für Drucktinten verwendet. Wir hingegen nutzen physiologisches Material, also solches, aus dem die Organe bestehen“, sagt Dr. Tobias Weigel, Projektkoordinator und Wissenschaftler am Fraunhofer ISC in Würzburg. Das Projektteam entwickelt im ersten Schritt hochkonzentrierte Drucktinten auf Basis von Proteinen, speziell von Kollagen Typ I, Kollagen Typ IV und Elastin, die sich durch einen neutralen pH-Wert, physiologische Eigenschaften und eine hohe Kompatibilität mit humanen Zellen auszeichnen. Um dies zu erreichen, kombiniert das Konsortium molekular genau auf die Kollagene bzw. Strukturproteine abgestimmte Cellulose-Sulfate, die den gelösten sowie druckbaren Zustand der Proteine zunächst stabilisieren. Durch einen Temperaturtrigger wird die Stabilisierung anschließend aufgehoben, sodass sich die Strukturproteine selbstorganisiert in ihre physiologische faser- oder netzartige Struktur reorganisieren.

Positiv geladene Kollagen-Moleküle mit negativ geladenen Cellulose-Sulfaten verpacken

3D-Druck freistehender Ringstrukturen(Bild:  K. Selsam/Fraunhofer ISC)
3D-Druck freistehender Ringstrukturen
(Bild: K. Selsam/Fraunhofer ISC)

Im Rahmen von PhysioINK verpacken die Forschenden positiv geladene Kollagen- bzw. Elastin-Moleküle mit jeweils passenden negativ geladenen Makromolekülen basierend auf nachhaltigen Cellulose-Derivaten (CS). „Das Cellulose-Sulfat ist sehr ähnlich zu menschlichen großen Zuckermolekülen und ist in der Lage, an das Kollagen zu binden, um zunächst dessen Reorganisation zu verhindern. Diese erfolgt nämlich selbstständig, wobei sich die Proteinketten zu sogenannten Fibrillen – sehr kleinen, fadenförmigen Fasern – aneinanderwinden und für eine hohe Festigkeit sorgen, sodass das Kollagen für die Formge-bung nicht mehr verwendet werden kann“, erklärt Weigel. „Das Cellulose-Sulfat bremst die Reorganisation kurzzeitig und stabilisiert den gelösten bzw. druckbaren Zustand der Proteine. Nach dem Druck können wir den natürlichen Prozess der Reorganisation durch Erhöhen der Temperatur erneut auslösen, sodass sich die Strukturproteine selbsttätig in ihre physiologische faser- oder netzartige Struktur reorganisieren und wir somit ein Gewebe mit Fibrillenstruktur erhalten.“ Dieses Schlüsselprinzip haben die Forschenden bereits zum Patent angemeldet. Basierend darauf entwickeln die Partner im Projekt PhysioINK drei verschiedene Drucktinten (basierend auf Kollagen Typ I, Kollagen Typ IV und Elastin). Langfristig soll das Schlüsselprinzip jedoch auch auf andere Proteine übertragen werden. Hierfür muss das Cellulose-Sulfat entsprechend angepasst werden.

Erste Hautgewebe erfolgreich gedruckt

Für erste Druckversuche verdruckten die Forschenden die Kollagen Typ I-Tinte mit drei, fünf und sieben Prozent mit verschiedenen Druckdüsen und untersuchten dabei die Strukturstabilität sowie die Zellvitalität. Während bei drei Prozent Kollagenanteil nach dem Druck bzw. während der Gelierung die Tinte noch verläuft, zeigte sich bei den beiden höheren Konzentrationen, dass ein freistehender Druck möglich ist. Erste Hautgewebemodelle wurden bereits erfolgreich gedruckt, die die Anwendbarkeit der Kollagen Typ I-Tinte demonstrieren. Eine Echtzeitüberwachung des Stoffwechsels der humanen Zellen ermöglicht zudem die kontinuierliche Kontrolle der Nährstoffversorgung des Zellgewebes. Auf diese Weise kann die Qualität der gedruckten Gewebestrukturen bewertet und deren Architektur gezielt optimiert werden.Die neue Technologie erlaubt einen großen Entwicklungssprung, denn aus Kostengründen werden derzeit fast alle Drucktinten mit tierischen und stark modifizierten Kollagenen hergestellt, die nur bedingt die menschliche Physiologie abbilden können. Im Gegensatz dazu werden die PhysioINK-Drucktinten aus physiologischen und idealerweise humanen Komponenten bestehen – vielversprechende Voraussetzungen für die Wirkstoffforschung und den Druck von maßgeschneiderten lebensfähigen, implantierbaren Organen.

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