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Agile Entwicklungsmethoden Agile Methoden sind angekommen

Autor: Ute Drescher

Der VDMA Fachverband Software und Digitalisierung will auch Maschinenbauer und Automatisierer von agilen Entwicklungsmethoden überzeugen - mit zunehmendem Erfolg, wie der stellvertretende Vorsitzende Prof. Claus Oetter im Interview berichtet.

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Prof. Claus Oetter, stellvertretender Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Software und Digitalisierung
Prof. Claus Oetter, stellvertretender Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Software und Digitalisierung
(Bild: U. Drescher/konstruktionspraxis)

Herr Professor, der VDMA-Fachverband Software und Digitalisierung hat Mitte November den Infotag „Maschinen- und Anlagenbau goes Agile“ veranstaltet – mit großem Erfolg. Ist das Thema Agile Entwicklungsmethoden im Maschinebau angekommen?

Wir stellen fest, dass sich Maschinenbauer und Automatisierer diesem Thema gegenüber mittlerweile öffnen. Wir führen den Informationstag „Maschinen- und Anlagenbau goes Agile“ schon seit einigen Jahren durch und haben zusätzlich als Wissensplattform den Expertenkreis Agile im VDMA gegründet. Der setzt sich zusammen aus Maschinenbauern, Automatisierern und Softwarehäusern, die sich alle mit dem Thema Agile beschäftigen, schon tief im Thema stecken und sich austauschen.

In diesem Jahr stieß die Veranstaltung auf besonders hohes Interesse.

Ja, sie war schon vier Tage nach dem ersten „Save the date“ ausgebucht – ohne Programm. Das hatten wir noch nie. Der Begriff Agile löst mittlerweile etwas aus.

Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, das Thema ist mittlerweile im Maschinenbau und bei den Automatisierern angekommen. Industrie 4.0 als eine Ausprägung der Digitalisierung hat es mit vielen neuen, hoch innovativen Technologien zu tun. Für diese Herausforderungen werden auch andere Methoden für die Entwicklung notwendig. Eine dieser anderen Methoden ist die agile Vorgehensweise. Nur neue Technologien zu integrieren, ohne den Versuch zu unternehmen, auch die Prozesse zu verändern, wird nicht funktionieren. Inzwischen hat daher ein Umdenken eingesetzt. Entwickler kennen das Thema, sie sind aber bisher gegen geschlossene Türen gelaufen.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Hürden ?

Ein Problem ist, dass sich die Kosten nicht von Anfang an genau beziffern lassen. Zu Beginn des Projekts ist es schwierig, dem Kunden genau zu sagen, wie teuer das Projekt wird. Da muss der Kunde mitspielen. Wenn Sie ein mittelgroßes Standardprojekt nehmen, das nach dem klassischen V-Modell bearbeitet wird, können Sie davon ausgehen, dass am Ende ungefähr 50 % der ursprünglichen Anforderungen gleich geblieben sind. Die anderen 50 % haben sich verändert. Agile Methoden planen die Veränderungen ein. Der große Pluspunkt ist, dass ich einen Prozess habe, der Veränderungen greifbar macht.

Das steht welchem Hauptvorteil gegenüber?

Es gibt immer ein lauffähiges System. Der Kunde hat jederzeit die Möglichkeit, auf ein aktuelles, lauffähiges System zu schauen, um frühzeitig Abweichungen zu erkennen oder auch Änderungen durch neue Erkenntnisse einfließen zu lassen. Dies ist ein Vorteil von vielen, die wir mit unserer Arbeit im VDMA deutlich machen wollen.

Der Product Owner – also der Kunde – ist insgesamt viel stärker eingebunden?

Der Product Owner ist nach der klassischen Auslegung derjenige, der die Anforderungen am besten kennt und das ist der Kunde. Den Kunden jetzt in die Rolle zu bringen, sich regelmäßig an den Meetings am Ende eines Sprints zu beteiligen, um das aktuelle Produkt zu begutachten und dann vielleicht auch neue Wege zu beschreiten, das ist ein Umlernprozess. Das bedeutet bei vielen Firmen noch einen Kraftakt. Das ist eine Herausforderung für die Unternehmen, die agil mit dem Maschinenbau arbeiten wollen.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Kunde und Entwickler wünschen sich doch immer alle?

Ja, schon immer. Aber agile Methoden ändern grundlegende Prozesse, die schon fast in den Genen liegen. Das ist ein menschliches Problem. Die Tools stehen zur Verfügung, die Technologien gibt es und die Menschen möchten agil arbeiten. Die größte Herausforderung sind die Strukturen in den Unternehmen. Neue Rollen müssen eingeführt, Aufgaben neu verteilt werden. Führungsstrukturen ändern sich und die Selbstorganisation der Teams muss etabliert werden. Gerade für Traditionsunternehmen eine Herausforderung.

Vielen Dank, Herr Professor.

* Ute Drescher ist Chefredakteurin der konstruktionspraxis.

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Über den Autor

 Ute Drescher

Ute Drescher

Chefredakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht