Automatisierung „Wir zahlen erst jetzt den richtigen Preis für Energie“

Von Ute Drescher

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Als Executive Vice President ist Barbara Frei weltweit verantwortlich für das Industrial-Automation-Geschäft bei Schneider Electric. Im Interview erklärt sie, warum wir heute den richtigen Preis für Energie zahlen und unter welchen Bedingungen europäische Unternehmen weltweit erfolgreich sein können.

„Die Automatisierung muss in den nächsten Jahren sehr viel offener und Software-gesteuerter werden", sagt Barbara Frei, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric.
„Die Automatisierung muss in den nächsten Jahren sehr viel offener und Software-gesteuerter werden", sagt Barbara Frei, Executive Vice President Industrial Automation bei Schneider Electric.
(Bild: U. Drescher/konstruktionspraxis )

Wie wird sich die Automatisierung in den nächsten Jahren entwickeln?

Barbara Frei: Die Automatisierung ist essenziell für die Produktion, vor allem im Hinblick auf Effizienz, Arbeitssicherheit und Qualität. Besonders die Automatisierung kann diese Eckdaten verbessern. Darüber hinaus treibt der Fachkräftemangel die Automatisierung voran. Sie ist schlicht notwendig, um lokale Produktion zu erhalten bzw. diese wieder anzusiedeln. In Zukunft werden immer noch viele Menschen in der Produktion arbeiten, aber im Hintergrund wird es viel mehr Menschen geben, die Daten analysieren und optimieren. Das sind die interessanteren Jobs.

Außerdem muss die Automatisierung aus meiner Sicht in den nächsten Jahren sehr viel offener und Software-gesteuerter werden. Änderungen in der Hardware sind teuer und Ressourcen-intensiv. Sobald sich die Funktionalität über die Software steuern lässt, werden die Prozesse agiler und schneller. Ich sehe zwei Entwicklungen: Offenheit im Sinne eines unkomplizierten Datenaustauschs zwischen den Systemen, die heute noch sehr proprietär und geschlossen sind. Und gleichzeitig die Möglichkeit, über das Sammeln von Daten sehr schnell Analysen und Optimierungen zu fahren.

Darüber hinaus gibt es eine dritte Entwicklung. In Zukunft werden sich zwei parallele Prozesse durchsetzen: Auf der einen Seite den Real-time-Prozess in der Produktion und auf der anderen Seite das Edge Computing, das die Integration Künstlicher Intelligenz ermöglicht und so den Produktionsprozess relativ schnell mittels Algorithmen optimiert.

Zur Person

Barbara Frei ist seit Mai 2021 Executive Vice President des globalen Geschäftsbereichs Industrial Automation bei Schneider Electric. Von Zürich aus berichtet Frei direkt an Jean-Pascal Tricoire, Chairman & CEO von Schneider Electric. Die Ingenieurin kam 2016 als Country President Deutschland zu Schneider Electric und erweiterte im Folgejahr ihren Aufgabenbereich als Zone President DACH.
Frei startete ihre Karriere als Entwicklungsprojektmanagerin für Motoren und Antriebe bei ABB Schweiz und bekleidete danach verschiedene leitende Positionen im ABB-Konzern, unter anderem mit regionaler Verantwortung als Country Managerin für die Tschechische Republik und als Regionalmanagerin für den Mittelmeerraum in Italien. Die Managerin hat einen Doktortitel als Maschinenbauingenieurin von der ETH Zürich und einen MBA vom IMD Lausanne. Frei ist darüber hinaus Mitglied des Verwaltungsrats der Swisscom AG.

Welche Rolle spielt der digitale Zwilling in diesem Szenario?

Barbara Frei: Auch der digitale Zwilling spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Wenn wir bei Schneider Electric ein Design machen, zum Beispiel bei der Entwicklung des Multicarriers, tun wir das zunächst ausschließlich auf Basis der Simulation über einen Digitalen Zwilling. Das beschleunigt die Produktentwicklung, auch Änderungen lassen sich sehr schnell nachstellen. Gebaut wird dann am Ende die optimale Lösung.

Gerade der Digitale Zwilling ermöglicht sehr viel. Er macht uns effizienter, ist ressourcenschonender und schützt nicht zuletzt das Entwicklungsinvestment – ganz gleich, ob es um Capex- oder Opex-Betrachtungen geht, ob industrielle Anwendungen oder Gebäudebereiche im Fokus stehen. Gerade auch in kritischen Infrastrukturen der Prozessindustrie wird der digitale Zwilling auch zur Schulung des Personals genutzt.

Weil Sie die Offenheit angesprochen haben: Wo steht die Universal-Automation-Initiative heute?

Barbara Frei: Wir haben im letzten November das universalautomation.org in Belgien mit neun Unternehmen gegründet. Früh Entwicklungen zu forcieren und Ideen umzusetzen, entspricht unserem Selbst-Verständnis als early adopter: Das ist heute so, wenn wir über offene Systeme in der Automatisierung sprechen, und das war auch vor mehr als 20 Jahren mit der Transparent Factory so, die der Vorläufer unserer aktuellen IoT-Architektur Ecostruxure war.

Inzwischen sind 24 Unternehmen Mitglied der Vereinigung, darunter Endkunden, Systemintegratoren, Maschinenhersteller sowie Zulieferer. Der Wunsch nach dieser Initiative ging von den Endkunden aus, die offene Systeme benötigen, um die Datenanalyse möglichst schnell voranzutreiben. Die Daten sind das Gold der Zukunft. Es wird – neben der Datenanalyse – darum gehen, die Daten zu veredeln, indem man die richtigen Eigenschaften hinzufügt.

Demnach hat sich inzwischen der Gedanke durchgesetzt, dass die Herausforderungen der Zukunft nur unternehmensübergreifend zu bewältigen sind?

Barbara Frei: Das hat sich durchgesetzt, aber noch nicht überall. Dahinter steht natürlich ein ganzes Ökosystem. Da gibt es Systemintegratoren, Maschinenbauer, Endkunden. Bei den Endkunden ist die Adaption am einfachsten, denn sie spüren den Schmerz am stärksten beim Einsatz unterschiedlicher Systeme.

Ein weiteres Thema, das Schneider Electric massiv vorantreibt, ist die Nachhaltigkeit.

Barbara Frei: Damit haben wir schon vor 20 Jahren begonnen. Sowohl der ehemalige CEO Henri Lachmann als auch sein Nachfolger Jean-Pascal Tricoire wussten, wenn Schneider Electric nachhaltig sein will, müssen wir die Gesellschaft, die Menschen und die Umwelt einbeziehen. Im Jahr 2005 hat Schneider Electric die ersten sustainibility parameter veröffentlicht, um transparent zu machen, welche Zahlen gemessen werden und wo sich das Unternehmen verbessern will. Im Anschluss daran haben wir Drei-Jahres-Pläne ausgelegt, mit dem Ziel, in bestimmten Bereichen Energie und Ressourcen einzusparen. Das hat uns für Scope 1 und Scope 2 (Begriffserklärung siehe Kasten) enorm geholfen. Ursprünglich hatte Schneider Electric Nachhaltigkeitsziele für 2030 festgelegt. Die konnten wir schon für die Jahre 2019 auf 2025 vorverlegen, weil wir schneller sind als ursprünglich geplant. Wir haben auch vom Momentum am Markt profitiert, plötzlich waren alle mit uns. Das war vor zehn Jahren noch undenkbar.

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Laufen nicht viele Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit mit dem Mainstream?

Barbara Frei: Nein, Nachhaltigkeit setzt sich durch, schon allein weil der Druck der Investoren auf die Unternehmen massiv gestiegen ist. Bei der Bewertung von Unternehmen spielen ESG-Werte heute bereits eine sehr große Rolle. Außerdem müssen Unternehmen die EU-Taxonomie im Auge behalten. Um hier erfolgreich zu sein, muss das gesamte Ökosystem einbezogen werden. Neben Scope 1 und Scope 2 gibt es ja auch noch Scope 3. Da liegen die größten Potenziale, unsere CO2-Emissionen zu senken. Wir beziehen zum Beispiel unsere Lieferanten mit ein, auch sie müssen ihre CO2-Emissionen bis 2025 deutlich reduzieren. Inzwischen hat sich am Markt eine Dynamik entwickelt, die es vorher nicht gab. Wer Teil einer Lieferkette ist, muss das Thema ernst nehmen.

Was Scope 1 2 3 bedeutet

Das systematische Erfassen, Bewerten und Monitoring der direkten und indirekten Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen wird als Carbon Accounting bezeichnet. Zum Carbon Accounting im Unternehmen gehören neben dem Erfassen der Emissionen die Zuordnung zu Organisationseinheiten, Prozessen, Produkten oder Dienstleistungen. Etabliert ist die Differenzierung der Emissionsquellen nach den drei Scopes des GHG Protocol:

  • Scope 1-Emissionen stammen aus Emissionsquellen innerhalb der betrachteten Systemgrenzen, etwa unternehmenseigenen Kraftwerken oder Fahrzeugflotten.
  • Scope 2-Emissionen entstehen bei der Erzeugung von Energie, die von außerhalb bezogen wird. Dies sind vor allem Strom und Wärme aus Energiedienstleistungen.
  • Scope 3-Emissionen sind sämtliche übrigen Emissionen, die durch die Unternehmenstätigkeit verursacht werden, aber nicht unter der Kontrolle des Unternehmens stehen, zum Beispiel bei Zulieferern, Dienstleistern, Mitarbeitern oder Endverbrauchern.

Besteht die Gefahr, dass die Pandemie und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine stark von der Verfolgung der Klimaziele ablenken?

Barbara Frei: Nein, ich sehe das als Chance. Wir hatten die Pandemie, die die Digitalisierung enorm beschleunigt hat. Der Green Deal wurde mit dem Wiederaufbaufond – trotz allgemeiner Bedenken – sogar noch bestätigt. Und die tragische Krise in der Ukraine zeigt, wie abhängig wir von gewissen Dingen sind. Dieser Krieg wird viele Dinge beschleunigen, die vorher auf die lange Bank geschoben wurden. Auch Geschäftsmodelle rechnen sich plötzlich mit den heutigen Energiepreisen, das wäre vor drei Jahren noch nicht der Fall gewesen. Ich glaube, wir zahlen erst jetzt den richtigen Preis für Energie.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hürden bei der Umsetzung der Klimaziele?

Barbara Frei: Die Hürden liegen aus meiner Sicht immer in der Konkurrenzfähigkeit des Standortes. Die Techniken, über die wir heute in der Automatisierung sprechen, gibt es teilweise seit 20 Jahren. Gesunken sind vor allem die Kosten für diese Technologien, etwa für Sensorik oder Kommunikationskomponenten. Ist aber die Konkurrenzfähigkeit des Standorts nicht gegeben, tauchen Blockaden auf; viele Unternehmen haben dann das Gefühl, diese Technologien nicht implementieren zu können. Dahinter steckt vor allem in Europa die Sorge, dass jemand, der nicht mit den gleichen Regeln spielt, plötzlich konkurrenzfähiger wird. Gerade in der exportorientierten Stahlindustrie besteht diese Gefahr. Hier sind Gesetze nötig, um Abhilfe zu schaffen.

Grundsätzlich sind europäische Industrieunternehmen global aufgestellt. Das wird auch so bleiben, wenn aufgrund der Transportkosten und der Resilienz einige Produktionsschritte wieder regionalisiert werden. Aber dann sieht es gut aus für die Zukunft der europäischen Industrie.

Müssen wir Angst vor der chinesischen Industrie haben?

Barbara Frei: Nein, wir Europäer sind ja immer stark gewesen, uns am Markt zu positionieren, das werden wir auch in Zukunft tun. Für mich spielt die Skalierbarkeit unserer Technologien und Produkte die Hauptrolle für unseren Erfolg. Warum ist der chinesische Markt so attraktiv für uns? Weil wir skalieren. Wenn wir Produkte für Europa entwickeln und sie auch in China einsetzen können, werden wir Erfolg haben.

Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass sich die USA und Europa bei den Normen stärker einander angleichen.

Barbara Frei

In den USA ist das anders, dort gibt es relativ starke Normen, an die wir uns anpassen müssen. Daher ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, dass sich die USA und Europa stärker in den Normen einander angleichen. Das wird nicht schmerzfrei funktionieren. In der Marine und der Luftfahrt beispielsweise ist das schon gelungen, andere Bereiche sollten hier unbedingt nachziehen. Eine innovative Lösung skaliert nur, wenn sie auf verschiedenen Märkten verkauft werden kann.

Wo wird Schneider Electric in fünf Jahren stehen?

Barbara Frei: Bis 2025 sind wir klimaneutral, das haben wir uns fest vorgenommen. Aber gerade vor dem Hintergrund der fragilen Entwicklungen in den letzten zwei bis drei Jahren haben wir gelernt, mit unterschiedlichen Szenarien zu arbeiten und uns auf verschiedene Situationen vorzubereiten. Daher wird es uns auch in Zukunft sehr helfen, dass wir als Schneider Electric so agil aufgestellt sind.

Vielen Dank Frau Frei.

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