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Digitalisierung „Wir brauchen Talente und Co-Creation“

Autor: Ute Drescher

Wie aus einem Sehnsuchtsbild ein Bauprojekt wurde und warum Co-Creation die Zukunft des Mittelstands sichert, erklären Encoway-Geschäftsführer Christoph Ranze und Lenze-CTO Frank Maier im Interview mit konstruktionspraxis.

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Christoph Ranze, Geschäftsführer der Lenze-Tochter (li.) und Frank Maier, Chief Technology Officer bei Lenze erklären die Gründe für den Bau des Digital Hub Industry im Gespräch mit konstruktionspraxis.
Christoph Ranze, Geschäftsführer der Lenze-Tochter (li.) und Frank Maier, Chief Technology Officer bei Lenze erklären die Gründe für den Bau des Digital Hub Industry im Gespräch mit konstruktionspraxis.
(Bild: Lenze)

konstruktionspraxis: Herr Ranze, Frank Maier bezeichnet Sie im Zusammenhang mit der Grundsteinlegung des Digital Hub Industry als Mann der ersten Stunde. Warum?

Christoph Ranze: Frank Maier denkt sicher an die erste Start-up-Welle vor etwa 20 Jahren. Damals hatte Lenze ein großes F&E-Projekt mit der Universität Bremen. Ich hatte das Glück, daraus mit Lenze ein Start-up gründen zu dürfen. Jetzt, zwei Dekaden später, befinden wir uns in einer ähnlichen Phase: Mit der Digitalisierung kommt der nächste Innovationsschub für die Industrie. Um möglichst viele jetzt gefragte Kompetenzen an einem Ort zu bündeln, hat Lenze den Grundstein für den Digital Hub Industry gelegt, gemeinsam mit der Universität Bremen und dem Land Bremen.

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Digital Hub Industry

Gemeinsam mit der Universität Bremen und dem Land Bremen hat Lenze im September 2020 den Grundstein für den Digital Hub Industry gelegt. Als Ideen-, Experimentier- und Kollaborationsraum mit industriellem Schwerpunkt soll der Digital Hub Industry ein Ort sein, an dem sich Industrieunternehmen mit Forschungsbereichen der Universität und Hochschulen austauschen können, um so die digitale Transformation voranzubringen.

konstruktionspraxis: Warum ausgerechnet in Bremen?

Christoph Ranze: Bremen bietet ausgezeichnete Rahmenbedingungen. Bei der Digitalisierung der Industrie geht es vor allem um die Vernetzung von Maschinen. In Bremen gibt es verschiedene Institute, die sich mit 5G-Technologie sowie IoT auseinandersetzen, außerdem einen großen KI-Schwerpunkt. Und eine Industriemathematik, die ihresgleichen sucht – allesamt Technologien, die jetzt gefordert sind. Vor allem können wir aus diesem Umfeld viele junge Talente gewinnen. Der Digital Hub entsteht mitten auf dem Campus der Universität Bremen, einige Institute ziehen sogar ein – ideale Voraussetzungen für Lenze gemeinsam mit den Kunden an Digitalisierungslösungen zu arbeiten.

konstruktionspraxis: Welches sind die größten Herausforderungen, die Industrieunternehmen bewältigen müssen?

Frank Maier: Meines Erachtens nach gehört der Schwenk von einem Hardware-gestützten Prozess – sowohl Entwicklungsprozess als auch Geschäftsmodell – hin zu softwarebasierten Entwicklungen und softwarebasierten Geschäftsprozessen zu den größten Herausforderungen der Zukunft. Und: Die Rekrutierung junger Talente, die wir brauchen, um in diese neuen Welten hineinzukommen, ohne die alten aufzugeben.

Wir werden in Zukunft sehr genau überlegen müssen, wie wir die Arbeit so verteilen, dass wir mit der endlichen Ressource Nachwuchskräfte auskommen.

Frank Maier, Chief Technology Officer, Lenze

konstruktionspraxis: Aber junge Software-Spezialisten gibt es nicht wie Sand am Meer...

Frank Maier: Tatsächlich kommt hier ein weiterer oder dritter Aspekt zum Tragen. Wir werden in Zukunft sehr genau überlegen müssen, wie wir die Arbeit so verteilen, dass wir mit der endlichen Ressource Nachwuchskräfte auskommen. Keine Bildungsinitiative, keine Migration wird dieses Problem lösen. Wir haben einen höheren Bedarf – bei bestenfalls stabilen Ressourcen. Das heißt: Wir müssen effizienter werden. Der größte Hebel der Entwicklungsproduktivität heißt ganz einfach „Wiederverwendung“. Wir müssen wesentlich enger mit den Kunden in der gesamten Wertschöpfungskette zusammenarbeiten. Mit Encoway hat Lenze die Chance, unser „Hardwaresyndrom“ – an dem auch unsere Mitbewerber und viele unserer Kunden leiden – zu überwinden.

konstruktionspraxis: Wir sprechen also gar nicht über die Weiterentwicklung von Technologien, sondern über neue Formen der Zusammenarbeit?

Frank Maier: Natürlich brauchen wir auch weiterhin Technologien, ohne können wir nicht bestehen. Lenze ist ein Technologieunternehmen. Aber elementar sind das Modell der Co-Creation mit unseren Kunden und die Beschaffung von Talenten. Das sind die beiden Megatrends, die wir in den nächsten Jahren beherrschen müssen, damit sich auch das Land weiterentwickelt.

Nach der Graphic-Recording-Methode ist dieses „Sehnsuchtsbild“ entstanden.
Nach der Graphic-Recording-Methode ist dieses „Sehnsuchtsbild“ entstanden.
(Bild: U. Drescher/konstruktionspraxis)

konstruktionspraxis: Die Idee zum Digital Hub stammt eigentlich von Ihnen, Herr Ranze. Wie kamen Sie darauf?

Christoph Ranze: Zunächst einmal brauchen wir mehr Platz für das wachsende Softwaregeschäft der Encoway. Aus unserer Erfolgsgeschichte haben wir gelernt, wie junge Talente mit Kunden, einem Investor und der Universität gemeinsam etwas Großes entwickeln können. Aus dieser Erfahrung haben wir dann ein Sehnsuchtsbild entworfen – und das wird mit dem Digital Hub nun in Beton gegossen. Es entsteht ein Innovations-Ökosystem, in dem talentierte Menschen und die geschickte Anwendung digitaler Technologien die entscheidenden Faktoren sind. Im zukünftigen Digital Hub werden Wissenschaftler, Mitarbeiter von Encoway und Lenze sitzen, aber auch unsere Kunden. An einem solchen Ort zünden Ideen. Große Unternehmen können solche Orte aus eigener Kraft schaffen. Aber auch mittelständische Kunden sind an neuen Formen der Zusammenarbeit interessiert. Der Digital Hub ist genau der Ort, an dem alle zusammenfinden – ein Traumprojekt.

Frank Maier: Ich möchte betonen: Wir brauchen ein lebendiges Netzwerk des Mittelstands, um im Konzert der Großen zu bestehen - gerade im Spielfeld der für uns neuen digitalen Technologien.

Christoph Ranze: Diesen Unternehmen sagen wir: Bring doch Dein Gerät mit, wir schließen es hier an die Cloud an und sammeln Daten. So schaffen wir einen einfachen Zugang, sich mit der Technologie und der Anwendung zu beschäftigen – ein Riesenvorteil für unsere Kunden. Und wir lernen die Nöte und Herausforderungen unserer Kunden kennen.

Frank Maier: In kleinen Schritten zu gehen, ist aus unserer Sicht der richtige Weg. Zu drohen, wer morgen keine digitalen Geschäftsmodelle hat, ist tot, erzeugt nur Ängste, das hat keinen Sinn.

konstruktionspraxis: Vielen Dank Herr Maier, vielen Dank Herr Ranze.

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Über den Autor

 Ute Drescher

Ute Drescher

Chefredakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht