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Schaltschrankbau Wie digitale Prozesse ihren Weg in den Schaltschrankbau finden

Wago unterstützt Schaltschrankbauer auf dem Weg, Prozesse im Schaltschrankbau immer digitaler zu gestalten. Nicole Kreie gibt Tipps, wie auch kleine Unternehmen in die Digitalisierung einsteigen können.

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Redakteurin Sandra Häuslein (re.) im Gespräch mit Nicole Kreie (li.), die bei Wago den Bereich Projektservice International leitet.
Redakteurin Sandra Häuslein (re.) im Gespräch mit Nicole Kreie (li.), die bei Wago den Bereich Projektservice International leitet.
(Bild: Wago )

konstruktionspraxis: An wen wenden Sie sich mit dem Thema Digitalisierung im Schaltschrankbau?

Nicole Kreie: Beim Thema Digitalisierung im Schaltanlagenbau sind wir darauf bedacht, den gesamten Wertschöpfungsprozess – wir sprechen hier von Customer-Journey – in den Fokus zu stellen. Durch die Betrachtung des Prozesses lässt sich feststellen, dass die erste Kontaktgruppe zum großen Teil aus Konstrukteuren besteht. Diese haben die Aufgabe, den Schaltschrank zu engineeren, bevor sich Arbeitsvorbereitung, Fertigung und Mechanik anschließen.

konstruktionspraxis: Was ist mit einem digitalen Prozess eigentlich gemeint?

Nicole Kreie: Der klassische Schaltschrank wird beauftragt. Erst dann beginnt die Arbeit der Konstruktionsabteilung: hier werden Schaltschrank und entsprechende Software geplant und konstruiert. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Produktentstehung sind digitale Prozesse eingebunden. Bei Wago stellen wir beispielsweise alle Produkte, die auf einer TS35-Schiene adaptiert werden können, in einem digitalen Zwilling zur Verfügung. Es wird hierbei ein digitales Abbild erzeugt und kann in dieser Form von unterschiedlichen Daten in verschiedene Software-Tools übernommen werden. Wago übernimmt somit gleich zwei Arbeitsschritte für den Konstrukteur. Erstens: Er muss die Daten der entsprechenden Komponenten nicht mehr selbst bereitstellen, zeichnen und umsetzen. Zweitens: Unsere Daten sind passgenau auf Systeme wie WSCAD, Eplan, Zuken E3 usw. abgestimmt. So kann der Konstrukteur einfach und schnell übergreifend mit den Daten arbeiten. Je digitaler der Wertschöpfungsprozess eines Kunden ist, desto besser sind unsere unsere Daten für ihn durchgängig nutzbar.

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konstruktionspraxis: Welche Services rund um die Digitalisierung bieten Sie noch an?

Nicole Kreie: Wir begleiten unseren Kunden durch den gesamten Prozess, der über die reine Datennutzung hinausgeht. Wir stellen ihm webbasierte Tools zur Verfügung, wie beispielsweise den Smart Designer. Mit diesem Tool werden die benötigten Tragschienen mit Wago-Komponenten konfiguriert und bestückt. Abschließend kann hieraus direkt die automatisierte Bestellung ausgelöst werden. Somit unterstützen wir einen weiteren Prozess des Kunden: Die arbeitsvorbereitenden Maßnahmen müssen nicht mehr von ihm selbst ausgeführt werden. Die Kommissionierung einzelner Wago-Produkte ist nicht mehr notwendig. Das Gegenteil ist der Fall, denn der Kunde kann eine komplett konfektionierte Tragschiene bei Wago beauftragen und diese zeitgenau liefern lassen. In der Konstruktion spart der Kunde daher Zeit bei dem Konstruieren und Engineeren der Einbauten. In der Arbeitsvorbereitung bzw. Montage gehen notwendige Arbeitsschritte aufgrund komplett bestückter Tragschienen schneller von der Hand.

konstruktionspraxis: Beschreiben Sie doch mal den optimalen digitalen Wertschöpfungsprozess im Schaltschrankbau.

Nicole Kreie: Die Technik entwickelt sich stetig weiter und es wird immer Verbesserungsmöglichkeiten geben – daher ist grundsätzlich nur die Momentaufnahme möglich. Diese zeigt auf, welche Möglichkeiten aktuell für den digitalen Wertschöpfungsprozess bestehen.

Die Momentaufnahme der heutigen Situation zeigt, dass der Konstrukteur die Daten bereits in digitaler Form erhält und diese in ein CAE-System eingelesen werden. Und dies ist auch sinnvoll, denn die Konstruktion eines Schaltschrankes sollte über ein CAE-System erfolgen. Bestenfalls liegen den Konstrukteuren außer den digitalen Zwillingsdaten der Komponenten von Zulieferern wie Wago auch bereits erstellte Makros, Vorlagen, Applikationseinheiten und Bauteilgruppen vor. Diese müssen abschließend nur noch aneinandergefügt werden – der Schrank wird in 2D oder 3D konstruiert. Bei Konfiguration der für den Schaltschrank benötigten Reihenklemmenleisten durch unseren Smart Designer, übernimmt dieser auch die Plausibilitätsprüfung. Das heißt, der Smart Designer prüft eigenständig, ob Produkte vergessen wurden und schlägt ergänzende Komponenten vor. Sogar Beschriftungsschilder können angefügt werden. Der anschließende Re-Import der konfigurierten Klemmleiste in die Konstruktionssoftware ermöglicht das Fortsetzen der Bearbeitung des um unsere Daten angereicherten Projektes. Auf Basis der im Smart Designer konfigurierten Version kann sich der Kunde direkt ein Angebot erstellen lassen.

Dieses Feature ist ganz neu im Smart Designer implementiert und spart viel Zeit. Es entfällt die gesamte Bearbeitungszeit, die er sonst für die Preisanfrage der Schiene bzw. Komponenten durch seinen Einkäufer bei Wago aufwenden muss. Durch einen simplen Knopfdruck im Smart Designer erhält der Kunde sofort ein tagesaktuelles Angebot, das exakt auf die in seinem Nutzerkonto hinterlegten und vereinbarten Konditionen zugeschnitten ist. Dieser Angebotspreis kann sofort im gesamten Wertschöpfungsprozess des Bestellvorganges, der Materialstückliste und der weiteren Schritte verarbeitet werden.

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konstruktionspraxis: Sie haben jetzt schon einige Male den Smart Designer erwähnt. Was genau steckt denn dahinter?

Nicole Kreie: Der Smart Designer ist ein webbasiertes Tool. Dahinter verbirgt sich ein Konfigurator, in dem unsere tragschienenfähigen Produkte – Reihenklemmen, I/O-Module, Relais, Interface-Module – auf die Tragschiene aufgerastet (also konfiguriert) werden können. Jedes eingefügte Produkt wird über ein 3D-Grafik angezeigt. Leitungen können ebenfalls angefügt werden, denn bei Wago setzen wir auf Wunsch auch konfektionierte Leitungen an die ausgelieferte Schiene.

konstruktionspraxis: Wie ist denn derzeit der Stand der Dinge bei Ihren Kunden was die Digitalisierung angeht?

Nicole Kreie: Der Digitalisierungsgrad unserer Kunden ist sehr unterschiedlich. Einige kennen ihre „pain points“ genau und wissen, wo sie noch digitaler werden könnten – dennoch fehlt hier oft die Zeit, dies umzusetzen. Andere Schaltschrankbauer unseres Kundenkreises haben eigene Mitarbeiter, die sich ausschließlich um digitale Prozesse kümmern. Da die Ausgangslagen ganz unterschiedlich sind, versuchen wir unsere Kunden von Beginn an zu unterstützen und schauen uns auch vor Ort an, welche Möglichkeiten für die Implementierung digitaler Prozesse bestehen. Mir persönlich ist wichtig, mit unseren Kunden immer im Austausch zu stehen, damit wir den Markt kennen und Lösungen entwickeln, die möglichst genau auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt sind. Daher überlegen wir gerne gemeinsam mit unseren Kunden, was noch benötigt wird um Prozesse digitaler, einfacher und effizienter zu gestalten.

konstruktionspraxis: Mit welchen Herausforderungen haben Ihre Kunden zu kämpfen, wenn sie ihre Prozesse digitaler gestalten wollen?

Nicole Kreie: Am schwierigsten ist der Einstieg in die Digitalisierung. Hierfür müssen wir klären, was Digitalisierung überhaupt bedeutet? Meiner Meinung nach bedeutet Digitalisierung einerseits, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und aufzubauen. Ergänzt wird dies durch das Schaffen neuer Technologien und die Weiterentwicklung bestehender Technologien. Gleichzeitig schließt das Thema Digitalisierung aber auch die Definition von Schnittstellen ein. Der letzte Punkt ist sicherlich der Faktor Mensch. Diesen dürfen wir bei der Digitalisierung nicht vergessen. Wichtig ist das Anschauen der eigenen Prozesse: Was ist der Ist-Zustand und wie kann dieser in den modernen Soll-Prozess überführt werden. Hier müssen alle Beteiligten gut überlegen, was wirklich gebraucht wird und was als nice-to-have einzustufen ist.

konstruktionspraxis: Haben Sie konkrete Tipps für Unternehmen, wie sie in die Digitalisierung einsteigen können?

Nicole Kreie: Ich würde damit anfangen, die Mitarbeiter einzubinden, die tief in den Prozessen stecken und wissen, wo es hakt oder Verbesserungspotenzial gibt. Anschließend lässt sich mit diesen Mitarbeitern der Ist-Prozess aufnehmen und clustern: Wo verliert das Unternehmen überhaupt Zeit? Auf dieser Basis können kleine einzelne Stufen definiert und in digitale Prozesse überführt werden. Einen gesamten Prozess umzukrempeln, ist oft zu viel für kleine und mittelständische Unternehmen.

konstruktionspraxis: Was meinen Sie – wann sind die Kunden angekommen in der digitalen Welt?

Nicole Kreie: Es ist eher ein schleichender Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist. Die Geschichte zeigt uns, dass technische Entwicklungen immer schneller voranschreiten. Nehmen wir als Beispiel die Entwicklung der Telefonie: Wie lange hat es gedauert, das Telefon zu erfinden und wie vergleichsweise kurz, bis es flächendeckend Smartphones gab? Beim Telefon sprechen wir immerhin von Jahrzehnten – beim Smartphone lediglich von 5 Jahren.

Ich glaube es lässt sich kein Zeitpunkt benennen, ab dem die Aussage „Jetzt ist alles digital“ zutrifft. Es handelt sich um einen Prozess, der kein definiertes Ende hat, denn Technologien werden sich immer weiterentwickeln. Aber eines ist klar: Wir sind diejenigen, die mitentwickeln. Wir sind die Industrie, haben Einfluss darauf und können die Zukunft mitgestalten. Wir haben tolle Kunden und es macht viel Spaß, sie zu begleiten.

konstruktionspraxis: Vielen Dank Frau Kreie.

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein

Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein

Redakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht