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Elektroauto Weltrekord geknackt: Von 0 auf 100 km/h in 1,779 Sekunden

| Redakteur: Juliana Pfeiffer

Mit ihrem selbstgebauten Elektroauto haben Studenten des GreenTeams an der Uni Stuttgart den Beschleunigungs-Weltrekord zurück nach Deutschland geholt. Die Schwaben unterboten den bisherigen Guinness-Rekord des Akademischen Motorsportvereins an der ETH Zürich um gerade mal sechs Tausendstelsekunden: von 0 auf 100 km/h in 1,779 Sekunden.

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Im friesischen Mariensiel „kesselt“ Prisca Schmid in nur 1,779 Sekunden von 0 auf 100 km/h – neuer Weltrekord für Elektroautos.
Im friesischen Mariensiel „kesselt“ Prisca Schmid in nur 1,779 Sekunden von 0 auf 100 km/h – neuer Weltrekord für Elektroautos.
(Bild: Green Team)

Um die Leistung der „Hochschul-Schrauber“ einordnen zu können, hilft ein Blick auf die Formel 1: Gemessen an den hochgezüchteten Boliden von Rosberg, Vettel und Co. beschleunigen die Studenten etwa sechs Zehntel schneller. Eine Zehntelsekunde entspricht ungefähr einem menschlichen Wimpernschlag – und der stellt schon fast eine Ewigkeit dar, wenn man ihn zu den sechs Tausendsteln Vorsprung in Relation setzt, die das GreenTeam jetzt herausfahren konnte. „Die extremen Beschleunigungen und minimalen Unterschiede im Spitzenfeld der selbstgebauten Autos zeigen, dass die Studenten inzwischen in technische Grenzbereiche vorstoßen“, so Manfred E. Neubert, Vorsitzender der Geschäftsführung der SKF GmbH. „Anders ausgedrückt: Was die Nachwuchs-Konstrukteure hier bauen, sind wirklich Meisterwerke der Ingenieurskunst!“

Mehr als 100 Komponenten von SKF stecken im Rennboliden

Zum Meisterwerk des GreenTeams hat die deutsche SKF mehr als 100 Komponenten beigesteuert. Dazu gehören unter anderem Lager und Dichtungen oder auch Gelenkköpfe. Viele davon sind unter Gewichts- und Reibungsgesichtspunkten optimiert. „SKF ist ja schon sehr lange mit dem Rennsport verbunden“, erläutert Neubert, „und deshalb verfügen wir über erhebliche Erfahrungen im automobilen Höchstleistungsbereich. Beispielsweise statten wir heutzutage fast jedes Formel 1-Team mit extrem leistungsfähigen Lösungen aus. Umso mehr freue ich mich darüber, dass von unserem Know-how in der Königsklasse des Motorsports nun auch der Konstrukteurs-Nachwuchs profitieren konnte!“

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Neben Komponenten von SKF verhalf auch die Dynamik der Servomotoren des Kirchheimer Motorenexperten AMK zum Rekord. Beim Weltrekordauto wird jedes Rad von einem Synchronservomotor mit eingebetteten Magneten angetrieben. Dabei ist die hohe Leistungsdichte entscheidend für eine geringe Masse des Antriebs. 4 x 32 kW sorgen so für den nötigen „Drive“. Da es bei einem Beschleunigungsrekord immer auf jedes Gramm ankommt, sind die ultra-kompakten Servowechselrichter von AMK ideale Komponenten, die mit einer ausgeklügelten Regelung des Beschleunigungsvorgangs einen nicht unerheblichen Beitrag zu den ausgezeichneten Beschleunigungswerten leisten.

Weltrekordversuch unter stürmischen Bedingungen

Eingefahren haben die Schöpfer des „E0711-5“, so der nüchterne Name des Stuttgarter Elektroflitzers, ihren neuen Weltrekord im Rahmen des „Jade Race“. Dabei handelt es sich um eine Dragster-Veranstaltung in Mariensiel bei Wilhelmshaven. Im hohen Norden hatte das GreenTeam zwar mehrfach mit dem böigen Wind am vergangenen Wochenende zu kämpfen; am Ende gelang es Fahrerin Prisca Schmid aber doch, zwei extrem schnelle Läufe (in entgegengesetzte Richtungen) hinzulegen: im Mittel beider Läufe gerade schnell genug, um das „Grimsel“ genannte Auto der „Schweizer Garde“ vom Guinness-Thron zu stoßen. Die bisherigen Weltrekordhalter vom Akademischen Motorsportverein Zürich nahmen die Nachricht vom Stuttgarter Erfolg extrem sportlich und gehörten zu den ersten Gratulanten.

„Zum Glück ist es mir gelungen, trotz des Windes möglichst wenig zu lenken“, so Prisca Schmid, „denn jede Lenkbewegung kostet wertvolle Zeit!“ Außerdem kam dem GreenTeam das geringe Gewicht der zierlichen Fahrerin entgegen: „Wie beim Auto selbst ist natürlich auch beim Piloten jedes überflüssige Gramm zu viel“, meinte Schmid mit einem Lächeln im Gesicht, „und deshalb hatte ich gegenüber den Jungs in unserem Team deutlich bessere Chancen!“

Doppelt so schnell wie der freie Fall

„Wir wiegen 160 Kilogramm“, erläuterte Weltrekord-Versuchsleiter Benedikt Bauersachs in Bezug auf das Fahrzeug, „und haben 120 Kilowatt Leistung zur Verfügung. Dadurch konnten wir eine Beschleunigung von bis zu 1,8 g erreichen. Anders ausgedrückt: Wir waren fast doppelt so schnell wie der freie Fall.“

Karten neu gemischt

Das nächste direkte Aufeinandertreffen der beiden Spitzenteams findet ab dem 28. Juli auf dem Hockenheimring statt. Dort wird mit der „Formula Student Germany“ der „reguläre“ Grand Prix der Nachwuchs-Konstrukteure ausgetragen. In diesem Wettbewerb werden die Karten komplett neu gemischt, da das Beschleunigungsvermögen des Autos nur einen Bruchteil des Anforderungsprofils darstellt, das die Eigenkonstruktionen erfüllen müssen: In Hockenheim geht es um eine Kombination aus Ingenieurskunst, Rennperformance, Finanzplanung und Verkaufsargumenten.

Formula Student Germany – Grand Prix der Nachwuchs-Konstrukteure

Ziel der Formula Student ist es somit, den Studierenden praktische Erfahrungen in Konstruktion und Fertigung sowie wirtschaftlichen Aspekten des Automobilbaus zu vermitteln. Der akademische Nachwuchs soll aktiv gefördert werden, um damit langfristig dem nach wie vor drohenden Ingenieurmangel entgegenzuwirken. „Aus unserer Sicht als Automobilzulieferer hat dieser Wettbewerb zwei entscheidende Vorteile“, erklärt Bastian Mattlener, Manager Corporate Communication & Employer Branding bei SKF: „Durch eine Jury- oder Sponsorentätigkeit können wir nicht nur mit potenziellen Mitarbeitern in Kontakt treten. Wir haben darüber hinaus die Chance, sehr früh künftige Kunden kennenzulernen. Denn man darf getrost davon ausgehen, dass mancher der hier so unfassbar engagierten Nachwuchs-Ingenieure später bei einem renommierten Automobilhersteller unterkommt!“

Aus Gründen wie diesen ist SKF einer der Hauptsponsoren der Formula Student Germany, die nunmehr ihren zehnten Geburtstag feiert. Beim Jubiläum sponsert das Schweinfurter Unternehmen insgesamt acht Teams: in der Klasse mit Verbrennungsmotoren die Rennställe FaSTTUbe Berlin, HAWKS Racing Hamburg und den Rennstall Hochschule Esslingen. In der Konkurrenz der elektrisch angetriebenen Eigenkonstruktionen erhalten Elbflorace Dresden, Elefant Racing Bayreuth, Fast Forest Deggendorf, das GreenTeam der Uni Stuttgart und das Team Starcraft Ilmenau Unterstützung von der deutschen SKF.

Insgesamt werden in Hockenheim 112 Teams aus über 30 Ländern an den Start gehen und überlegen, wie man den neuen Weltrekordhalter wohl wieder überholen könnte. Darunter mit der TU Delft noch ein weiterer Beschleunigungsspezialist: Die Holländer hatten das GreenTeam im Jahr 2013 schon einmal aus dem Guinness-Buch getilgt, bevor die Akademischen Motorsportler aus Zürich Ende vergangenen Jahres das Radiergummi für die Delfter zückten. (jup)

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