Studie Was der Lockdown für den digitalen Stress bedeutet

| Aktualisiert am 16.12.2020Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Deutschland fährt herunter. Wie verändert das die Arbeit im Homeoffice? Das Fraunhofer FIT hat den Einfluss des Lockdowns im Frühjahr auf die psychische Belastung untersucht.

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Das Fraunhofer FIT hat untersucht, wie der letzte Lockdown die psychische Belastung verändert hat. Der Fokus lag dabei auf der Arbeit mit digitalen Technologien im Homeoffice.
Das Fraunhofer FIT hat untersucht, wie der letzte Lockdown die psychische Belastung verändert hat. Der Fokus lag dabei auf der Arbeit mit digitalen Technologien im Homeoffice.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Das Homeoffice hat in den letzten Monaten eine vorher scheinbar unvorstellbare Bedeutung erlangt – in den letzten Monaten haben immer mehr Erwerbstätige ihre Arbeit von zu Hause erledigt. Die Covid-19-Pandemie als maßgebliche Ursache dieser veränderten Arbeitsbedingungen beeinflusst dabei nicht nur den Ort der Arbeit, sondern auch das Stressempfinden bei der Arbeit mit digitalen Technologien.

Digitale Technologien im Arbeitsalltag

Zu dieser Erkenntnis sind Autorinnen und Autoren der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und der Universität Augsburg unter der Leitung von Prof. Dr. Henner Gimpel in der groß angelegten Studie Digitale Arbeit während der Covid-19-Pandemie gekommen. Die Studie wurde im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts Prävention für sicheres und gesundes Arbeiten mit digitalen Technologien (kurz: PräDiTec) und des vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Projekts ForDigitHealth (Gesunder Umgang mit digitalen Technologien) durchgeführt. Zu zwei Zeitpunkten vor und während der Covid-19-Pandemie wurden über 1000 Erwerbstätige verschiedenster Branchen und Tätigkeiten zu ihren Arbeitsbedingungen sowie zu ihrem Umgang mit digitalen Technologien bei der Arbeit befragt.

Wir sehen an den Ergebnissen, dass die aktuelle Arbeitssituation bei vielen zu einer Reduzierung der Arbeitszeit, der emotionalen Anforderungen im Beruf und der Anzahl sozialer Konflikte bei der Arbeit führt. Gleichzeitig verlängern sich aber die Zeiträume, in denen Erwerbstätige arbeiten – zum Beispiel frühmorgens oder spätabends – da durch das Homeoffice die Trennung von Arbeits- und Privatleben immer unklarer wird.

Prof. Dr. Henner Gimpel

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Was ist digitaler Stress?

Stress beschreibt den Zustand eines Menschen mit erhöhter psychischer oder physischer Aktivierung aufgrund einer fehlenden Balance zwischen einwirkender Belastung und den individuellen Voraussetzungen, diesen Anforderungen gerecht zu werden, sowie die daraus unmittelbar resultierenden negativen Folgen (DIN EN ISO 10075-1: 2018-01). Entstehender Stress kann schließlich gesundheitsgefährdend wirken, wenn die Dauer und Intensität sowie die Häufigkeit und Vielfalt der Fehlbeanspruchung hoch sind (BGW 2006). Die verstärkte Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in der veränderten Arbeitswelt kann zu spezifischer Belastung und Fehlbeanspruchung führen und somit zu digitalem Stress. Digitaler Stress bezeichnet somit die negative Beanspruchungsfolge durch Belastungsfaktoren im Umgang mit digitalen Technologien und Medien. In der Studie „Gesund digital arbeiten?!“ (Gimpel et al., 2019) wurden insgesamt zwölf verschiedene Belastungsfaktoren bei der Arbeit mit digitalen Medien und Technologien identifiziert (s. Bild)

Die Belastungsfaktoren der digitalen Arbeit wurden in der 2019 veröffentlichten Studie „Gesund digital arbeiten?!“ des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT, der Bunde-sanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und des BF/M-Bayreuth mittels einer groß angelegten Befragung von über 5.000 Beschäftigten in Deutschland identifiziert und auf deren Verbreitung, mögliche Einflussfaktoren und deren Folgen hin untersucht.
Die Belastungsfaktoren der digitalen Arbeit wurden in der 2019 veröffentlichten Studie „Gesund digital arbeiten?!“ des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT, der Bunde-sanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und des BF/M-Bayreuth mittels einer groß angelegten Befragung von über 5.000 Beschäftigten in Deutschland identifiziert und auf deren Verbreitung, mögliche Einflussfaktoren und deren Folgen hin untersucht.
(Bild: PräDiTec)

Die Ergebnisse der Studie in der Zusammenfassung

  • Kernergebnis 1: Arbeit wird weniger, aber länger. Die Arbeitsmenge und berufliche Anforderungen sinken aufgrund der veränderten Arbeitssituation durch Covid-19. Dazu zählen Netto-Arbeitsstunden, emotionale Anforderungen durch die Berufstätigkeit sowie die Anzahl sozialer Konflikte, die alle deutlich gesunken sind. Dennoch verlängern sich die Zeiträume, in denen gearbeitet wird, durch die stärkere Vermischung von Arbeits- und Privatleben.
  • Kernergebnis 2: Private Anforderungen steigen. Private Anforderungen steigen in vielen Dimensionen: Insbesondere die finanziellen Sorgen und die quantitativen privaten Anforderungen (i.S.v. zu Hause ist viel zu tun), aber auch emotionale Anforderungen. Gleichzeitig finden die Befragten innerhalb des eigenen Haushalts weniger Unterstützung, da viele gleichermaßen betroffen sind. Die Auswirkungen zeigt sich unter anderem in einem erhöhten Work-Home-Konflikt.
  • Kernergebnis 3: Gegenläufige Entwicklungen bei digitalen Belastungsfaktoren. Während manche digitale Belastungsfaktoren steigen, sinken andere. Probleme, die der digitalen Arbeit zuzuordnen sind, wie die Nichtverfügbarkeit von Technik, mangelnde Erfolgserlebnisse, oder die Omnipräsenz, nehmen zu. Dagegen nehmen Aspekte, die auf Unerfahrenheit im Umgang mit IT zurückzuführen sind, wie die Verunsicherung oder Jobunsicherheit, ab.
  • Kernergebnis 4: Digitaler Stress im Homeoffice ist sehr individuell. Wie Menschen mit der veränderten Arbeitssituation klarkommen, ist hochgradig individuell. So sind. Menschen mit Führungsverantwortung stärker an die digitale Arbeit gewöhnt, Menschen mit Kindern leiden stärker und Menschen mit Erfahrung bzw. Zuversicht im Umgang mit digitalen Technologien und Medien kommen besser mit der Homeoffice-Situation zurecht.

40 Jahre digitaler Stress

Generell bedeutet das Arbeiten im Homeoffice für die Mehrheit der Beschäftigten einen intensiveren Einsatz von digitalen Technologien und Medien während der Arbeitszeit. So wird beispielsweise die persönliche Kommunikation in der Regel vollständig in die digitale Welt verschoben. Dabei ist es bereits in der Wissenschaft hinreichend bekannt, dass die Auswirkungen des Einsatz digitaler Technologien und Medien am Arbeitsplatz auf die Beschäftigten ambivalent zu bewerten ist und durch eine zunehmende Nutzung digitaler Technologien und Medien zunehmend ein Verständnis der Art und des Umfangs der Auswirkungen immer mehr von Bedeutung wird.

Die Forschung hat seit Mitte der 1980er-Jahre digitalen Stress als spezifische Stressform ausgemacht (Brod, 1982). Ursprünglich verstanden als „eine moderne Krankheit, die durch die Unfähigkeit des gesunden Umgang mit neuen Computertechnologien“ entsteht, hat sich der Begriff digitaler Stress kontinuierlich weiterentwickelt und bezieht sich heutzutage auf eine Stressreaktion bedingt durch Belastungsfaktoren digitaler Arbeit, wie zum Beispiel, Leistungsüberwachung, Unzuverlässigkeit, Überflutung, Unterbrechung oder Mangelndes Erfolgserlebnis (Gimpel et al., 2019).

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