Wenn große, unwegsame Flächen brennen, zählt jede Minute und jeder Tropfen. Löschflugzeuge nehmen in Sekunden mehrere Tonnen Löschmittel auf und werfen sie präzise ab. Diese Choreografie aus Geschwindigkeit, Genauigkeit und Wiederholbarkeit erfordert besondere konstruktive Anforderungen, die kaum ein anderes Flugzeug kennt.
Bei der Konstruktion von Löschflugzeugen müssen Faktoren wie das Tankvolumen und die Abwurfrate und vor allem die Beherrschung der schnell wechselnden Massen- und Schwerpunktlagen berücksichtigt werden.
Löschflugzeuge bringen Wasser, Schaummittel oder Langzeitlöschmittel gezielt in die Nähe von Vegetationsbränden. Technisch entscheidend sind dabei nicht nur das Tankvolumen und die Abwurfrate, sondern vor allem die Beherrschung der schnell wechselnden Massen- und Schwerpunktlagen, eine präzise dosierbare Abgabe sowie robuste, zertifizierbare Einbausysteme.
Die Technik wird durch zwei Grundkonzepte geprägt:
Konzept
Typische Plattform
Aufnahme des Löschmittels
Einsatzprofil
Amphibisches Wasserflugzeug („Scooper“)
Canadair CL-415/CL-415EAF
Wasseraufnahme im Gleitflug aus See oder Meer über ausfahrbare Stauwasser-Einläufe
Viele kurze Umläufe bei geeigneten, nahe gelegenen Gewässern
Tankflugzeug
Umgerüstete Verkehrs- und Transportflugzeuge, etwa C-130, BAe 146 oder DC-10
Bodenbefüllung über Pumpen bzw. Tankstellen
Große Lasten, weite Distanzen, insbesondere Abwurf von Langzeitlöschmittel
Wasser wirkt hierbei primär durch Kühlung und Benetzung. Schaummittel verbessert die Haftung und Eindringtiefe. Langzeitlöschmittel („retardant“) bildet dagegen eine chemische Barriere auf der Vegetation und soll den Brandfortschritt bremsen. Es wird daher oft vor der eigentlichen Flammenfront abgeworfen. Retardants werden zudem häufig eingefärbt, damit die Abwurfstellen am Boden vom Piloten besser sichtbar sind. Einsatzkräfte am Boden können anhand der Färbung wiederum besser nachvollziehen, welche Bereiche bereits behandelt wurden, um die Brandbekämpfung besser zu koordinieren. [1]
Wie erfolgt die Wasseraufnahme?
Bei einem Scooper erfolgt die Aufnahme nicht durch eine Pumpe oder Vakuumtechnik. Stattdessen gleitet das Flugzeug mit hoher Geschwindigkeit auf der Wasseroberfläche, wobei ausfahrbare „Scoop-Hutzen“ hinter der Rumpfstufe das Wasser auffangen. Durch den dynamischen Druck der Relativströmung wird der Rumpftank aufgefüllt. Für die CL-415 werden ein Fassungsvermögen von rund 6.140 Liter Wasser genannt. Die Aufnahmezeit beträgt etwa zwölf Sekunden. Das Löschmittel wird über vier längs angeordnete Abwurfklappen abgeworfen.
Bei Tankflugzeugen wird das Löschmittel am Boden eingefüllt, wodurch der Einsatz von viskoserem Langzeitlöschmittel und erheblich größere Volumina ermöglicht wird. Das Roll-on/Roll-off-Kit eines Airbus A400M nutzt einen Tank im Frachtraum. Wasser oder Retardant wird per Schwerkraft durch die hintere Rampe abgegeben. Das System ist für bis zu 20.000 Liter Löschmittel ausgelegt und laut Airbus mit konventionellen Bodenpumpen in weniger als zehn Minuten nachfüllbar. [2]
Welche Abwurf- und Dosiersysteme werden eingesetzt?
Der Abwurf erfolgt entweder über bodenseitige Klappen, Schieber oder Rohrleitungen. Das Löschmittel verlässt den Tank entweder über die Schwerkraft oder bei bestimmten Systemen auch druckunterstützt. Das Ziel besteht nicht in einem möglichst schnellen Wasserabwurf, sondern in einer definierten Verteilung des Löschmittels am Boden. Die Menge pro Fläche, die Linienlänge und die Tropfenverteilung müssen daher zum jeweiligen Brandabschnitt passen.
Neuere Systeme nutzen dafür:
Segmentierte Tanks: Mehrere Kammern ermöglichen Teilabwürfe, senken freie Flüssigkeitsoberflächen, die das Hin- und Herschwappen des Löschmittels begünstigen, und ermöglichen eine bessere Beherrschung des Schwerpunktes.
Abwurfklappen mit großen effektiven Querschnitten, häufig über Hydraulik oder elektromechanische Stellantriebe betätigt.
Durchfluss-, Füllstands- und Positionssensoren zur Rückmeldung an die Steuerung.
Computergestützte Abwurfregelung, die den Klappenöffnungsgrad während des Abwurfs nachregelt.
Cockpit-Bedienelemente für Gesamt- oder Teilabwurf, Abwurfmenge und Abdeckung.
Manuelle oder mechanisch unabhängige Notabwürfe, um bei Störungen oder einer kritischen Fluglage das Gewicht unverzüglich zu reduzieren. [3]
Die konstruktiven Schlüsselthemen und ihre Herausforderungen [4]:
Konstruktionsfeld
Technische Herausforderung
Typische Lösung
Strukturintegration
Hohe Nutzlasten und dynamische Abwurfkräfte in den Rumpf einleiten
Der Abwurf verändert die Masse und den Schwerpunkt innerhalb weniger Sekunden massiv. Daher gehört das Löschsystem funktional in die Flugsteuerungs- und Missionsplanung, wodurch der Abwurfzeitpunkt, die Fluggeschwindigkeit, die Flughöhe, die Klappenstellung und das Abwurfmuster als Gesamtsystem ausgelegt werden müssen. [5]
Anzahl an Löschflugzeugen in der EU [6]:
EU-Land
Größere Löschflugzeuge
Davon z. B. Canadair
Bemerkung
🇮🇹 Italien
ca. 18
18 CL-415
Größte CL-415-Flotte der EU
🇪🇸 Spanien
ca. 18
ca. 18 CL-215 und CL-415
Mischung aus älteren CL-215 und CL-415
🇬🇷 Griechenland
ca. 17
ca. 17 CL-215 und CL-415
Große Amphibienflugzeugflotte für Waldbrandbekämpfung
🇫🇷 Frankreich
12
12 CL-415
Ältere Flotte deren Verfügbarkeit wegen Wartung und Modernisierung schwankt
🇭🇷 Kroatien
6
6 CL-415
Fünf Flugzeuge laut kroatischer Regierungsangabe regulär einsatzbereit
🇵🇹 Portugal
Wenige größere Amphibienflugzeuge
–
Setzt stark auf kleinere Löschflugzeuge.
🇨🇾 Zypern
–
–
Mehrere kleinere Löschflugzeuge und Hubschrauber, keine große Canadair-Flotte
🇸🇪 Schweden
–
–
Setzt unter anderem kleinere AT-802 Fire Boss ein
🇨🇿 Tschechien
–
–
Schwerpunkt auf Hubschraubern und kleineren Luftfahrzeugen
🇩🇪 Deutschland
–
–
Keine eigene große Canadair- bzw. CL-415-Flotte
Es handelt sich hierbei um die nationalen Flotten. Der gesamte Bestand an in der EU verfügbaren Löschflugzeugen ist geringer: 22 Flugzeuge in der von der EU im Rahmen des Katastrophenschutzes unterstützten Löschflugzeugflotte. 14 Amphibienflugzeuge. 12 neue Canadair/DHC-515, die in Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Portugal und Spanien stationiert werden sollen. (Stand: 2026)
Konstruktive Herausforderungen der Wasseraufnahme im Flug
Die Wasseraufnahme im Flug (Scooper) während eines kontrollierten Gleitvorgangs auf der Wasseroberfläche verbindet die Beanspruchungen eines Wasserflugzeugs mit denen eines sehr schnell befüllten Flüssigkeitstanks. Wie weiter oben bereits beschrieben, werden bei einer CL-415 etwa 6.100 Liter innerhalb von rund 12 Sekunden aufgenommen. Damit steigt die Masse um etwa 500 kg/s. [7]:
Die konstruktiven Herausforderungen [8]:
Herausforderung
Konstruktive Bedeutung
Hydrodynamische Stoßlasten
Beim Aufsetzen und Gleiten wirken wechselnde Druckspitzen auf Bootsrumpf, Rumpfstufe, Kielbereich und die Befestigungen der Scoops (Wasseraufnahmesonden). Besonders bei Wellengang entstehen hohe dynamische Lasten. Die Struktur muss sie ohne bleibende Verformung überstehen, die Aerodynamik, Hydrodynamik oder Mechanik beeinträchtigen würde.
Wasserwiderstand und Antriebsreserve
Die ausgefahrenen Einlaufhutzen erzeugen erheblichen Widerstand. Bei der CL-415 steigen oberhalb von etwa 80 kn die Widerstände, die notwendigen Steuerkräfte und das erforderliche Triebwerksdrehmoment deutlich. Das Flugzeug braucht daher ausreichend Leistungsreserve für die Beschleunigung und den Steigflug nach dem Beladen.
Einlaufgeometrie der Scoops
Einlässe müssen bei etwa 70 kn Wasserfahrt einen ausreichend hohen, stabilen Volumenstrom liefern, ohne Kavitation, Strömungsabrisse, Lufteintrag oder lokale Druckspitzen zu erzeugen. Gleichzeitig dürfen sie den Rumpf nicht beschädigen, falls sie Treibgut, Grundkontakt oder Hindernisse berühren. Beim CL-215 waren die rotierenden Aluminium-Scoops deshalb als Sollbruch-Bauteile ausgeführt.
Schneller Masse- und Schwerpunktwechsel
Innerhalb kurzer Zeit verschieben sich Flugmasse, Trägheitsmomente und Schwerpunkt. Deshalb liegen die Haupttanks möglichst nahe am Schwerpunkt. Andernfalls verändern sich Längsstabilität und erforderliche Steuerkräfte beim Befüllen unzulässig.
Flüssigkeitsschwappen
Das teilweise gefüllte Tanksystem ist einer freien Flüssigkeitsoberfläche, Beschleunigungen und Wellenschlägen ausgesetzt. Tankunterteilung, Schwallbleche und eine symmetrische Fülllogik müssen die daraus resultierenden Kräfte, Schwerpunktwanderungen und Resonanzeffekte begrenzen.
Tankentlüftung und Überlauf
Die Luft aus den Tanks muss beim Füllen kontrolliert entweichen. Zu geringe Entlüftungsquerschnitte verursachen Überdruck und mindern den Volumenstrom. Schlecht geführte Überläufe können ungleichmäßige Befüllung oder unerwünschte Lasten hervorrufen. Die EASA-CRI-Vorgabe nennt deshalb eine ungehinderte Befüllung und begrenzt die Tankdruckdifferenz beim Skimming (Wasseraufnahme) auf 29.420 Pa.
Füllstandbegrenzung
Die Füllrate hängt von Fahrt, Eintauchtiefe, Wellen, Einlassgeometrie und Tankgegendruck ab. Überlaufleitungen, Füllstanderfassung und Steuerlogik müssen Überfüllung verhindern und gleichzeitig eine definierte Nutzlast sicherstellen. Beim CL-215 führen Überlaufkanäle überschüssiges Wasser seitlich aus dem Rumpf ab.
Stabilität auf dem Wasser
Der Rumpf muss Richtungs- und Rollstabilität während des Skimming halten. Seitliche Schwimmer an den Tragflächenspitzen, Bootsrumpf und Rumpfstufe müssen Strömungsführung, Querkräfte und eine mögliche asymmetrische Welleneinwirkung beherrschen.
Korrosion und Fremdkörper
Wasseraufnahme aus Seen und besonders aus dem Meer belastet Tank, Scoops, Ventile, Sensorik, Befestigungselemente und Rumpf durch Korrosion, Schwebstoffe und Treibgut. Erforderlich sind korrosionsbeständige Werkstoffe, Beschichtungen, Spül- und Inspektionsmöglichkeiten sowie schadenstolerante Einlaufbaugruppen.
Wechselwirkung von Flugzeug und System
Wasseraufnahme ist kein isolierter Tankvorgang: Einlassklappen, Scoops, Entlüftung, Triebwerksleistung, Höhenruder, Ruder und Flugregelung müssen zeitlich abgestimmt arbeiten. Die Auslegung muss den kompletten Lastfall „Anflug–Aufsetzen–Skimming–Befüllung–Abheben“ abbilden.
Ein anschauliches Konstruktionsbeispiel: Bei einer Aufnahme von 6.137 Liter in 12 Sekunden beträgt der mittlere Massenstrom etwa ṁ ≈ 511 kg/s. Bei nur zwei Prozent Unterschied zwischen linker und rechter Tankseite würden bereits rund 120 kg asymmetrische Masse entstehen. Das ist nicht zwingend kritisch, verdeutlicht aber, warum symmetrische Einläufe, Tankkammern und Entlüftungswege entscheidend sind.
Wie wirken sich Redoppler-Manöver und Impact- sowie Scherkräfte aus?
Beim erneuten Aufsetzen bzw. kurzzeitigen Wiedereintauchen (Redoppler-Manöver) während des Skimmings, dem Aufnehmen von Wasser im Flug, sind die Lasten deutlich komplexer als bei einer gleichförmigen Gleitfahrt. Lokal auftretende Wasserschläge („slamming“) erzeugen kurzzeitige Druckspitzen, während Scherkräfte und Biegemomente die Rumpfhaut, die Stringer (längs verlaufende Verstärkungselemente der Flugzeugstruktur), die Spanten (quer zur Längsachse des Flugzeugs verlaufende Versteifungs- und Tragstrukturen) sowie den Tankboden belasten. Für Löschflugzeuge ist dies ein zentraler Dauerfestigkeitsfall, weil die Wasseraufnahme während eines Einsatzes vielfach wiederholt werden. [9]
Stand: 08.12.2025
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Impact- und Scherkräfte [10]:
Phänomen
Bedeutung für Rumpf und Tankboden
Impact- bzw. Slamming-Lasten
Beim Redoppler trifft der Bootsrumpf mit einer Vertikalgeschwindigkeit erneut auf die Wasseroberfläche. Die Verdrängung des Wassers erzeugt hohe, räumlich und zeitlich stark konzentrierte Druckimpulse. Kritisch sind insbesondere Kiel, Rumpfstufe, Chines (Kimm oder Kimmkante) sowie die Paneele (flächenförmige Bauteile der Rumpfstruktur) dazwischen. Die EASA fordert daher den Nachweis der Wasserlasten bei Start und Landung sowie ausreichende Festigkeit ohne bleibende Verformung, die Hydrodynamik, Aerodynamik oder Funktion beeinträchtigen könnte.
Lokale Scherkräfte
Die Drucklast greift nicht gleichmäßig an: Beim partiellen Eintauchen wandert die benetzte Fläche und erzeugt lokale Querkraftsprünge in Rumpfhaut, Spanten, Stringern und Tankboden. Daraus folgen Schubspannungen in Niet- bzw. Schraubverbindungen, Klebverbindungen, Befestigungslaschen und Schottanschlüssen. Die FAA-Vorschriften verlangen ausdrücklich eine Lastverteilung über Rumpf- oder Schwimmerboden, um überhöhte lokale Scherkräfte und Biegemomente zu vermeiden.
Globale Biegung und Torsion
Ein asymmetrisches Wiedereintauchen, etwa bei Seitenwind oder Wellen, belastet den Rumpf als Träger in Biegung und Torsion. Der Tank wirkt dabei als große, zeitabhängig verteilte Masse und leitet dynamische Kräfte über Lager, Spanten und Rumpflängsträger ein.
Tankbodenbelastung
Der Tankboden erfährt von innen hydrostatischen Druck, durch Beschleunigungen verstärkte Flüssigkeitslasten sowie durch Schwallbewegungen lokale Impulse. Von außen wirken die hydrodynamischen Rumpflasten. Bei integralen oder rumpfnahen Tanks überlagern sich diese Lastpfade – eine typische Ursache für Kerbspannungen an Durchbrüchen, Auslassarmaturen und Schottanschlüssen.
Schwall- und Stoßkopplung
Bei teilgefülltem Tank kann ein Redoppler eine Flüssigkeitswelle auslösen. Schwallbleche und Kammertrennungen reduzieren zwar die freie Flüssigkeitsoberfläche, müssen aber selbst für wiederkehrende Stoß- und Scherlasten ausgelegt werden.
Auswirkung von Zuladung und Schwerpunktverschiebung auf Aerodynamik und Flugstabilität
Zuladung und Schwerpunktlage bestimmen, wie viel Auftrieb das Flugzeug erzeugen muss, welche Trimmmomente auftreten und wie gut es sich in Nick-, Roll- und Gierachse stabilisieren lässt. Bei Löschflugzeugen ist dies besonders anspruchsvoll, weil die Wasser- oder Retardantlast beim Abwurf innerhalb weniger Sekunden abnimmt.
Eine höhere Löschmittelmasse erhöht das Fluggewicht. Im stationären Geradeausflug muss der Flügel daher denselben Auftrieb erzeugen.
Der Schwerpunkt des Flugzeugs ergibt sich aus den entsprechenden Massen und Hebelarmen. Er muss innerhalb der zugelassenen vorderen und hinteren Grenzen liegen. Außerhalb des zulässigen Bereichs werden Steuerbarkeit und Stabilität beeinträchtigt. Die FAA (Federal Aviation Administration) als US-amerikanische Luftfahrtbehörde hebt insbesondere die Probleme eines zu vorderen oder zu weit hinten liegenden Schwerpunkts hervor:
Schwerpunktlage
Aerodynamische und flugdynamische Wirkung
Zu weit vorn
Das Flugzeug wird längsstabiler, benötigt aber meist ein höheres Leitwerksgegenmoment. Dadurch steigt der notwendige Tragflächenauftrieb und damit der Widerstand bzw. die Stallgeschwindigkeit. Beim Abfangen, Start und Steigflug kann die Höhenruderautorität fehlen, um die Flugzeugnase ausreichend anzuheben.
Nahe der hinteren Grenze
Die erforderliche Leitwerkskraft sinkt, wodurch der Widerstand reduziert werden kann. Gleichzeitig werden Längsstabilität und Dämpfung geringer, die Steuerkräfte leichter und die Rückkehr aus einem Stall oder Trudeln schwieriger.
Seitlich versetzt
Eine asymmetrisch gefüllte oder entleerte Tankkammer erzeugt ein Rollmoment. Das erfordert eine Querruder- und gegebenenfalls eine Seitenruderkorrektur, erhöht den Widerstand und kann bei geringer Geschwindigkeit die Sicherheitsmarge reduzieren.
Vertikal verschoben
Ein höherer Schwerpunkt reduziert die Rollstabilitätsreserve und kann die Kopplung von Rollen und Gieren verstärken. Bei einem niedriger liegenden Schwerpunkt kann sich die Rollcharakteristik ebenfalls verändern.
Ein Löschflugzeug muss sich bei vollem Tank, Teilabwurf und leerem Tank innerhalb des zulässigen Schwerpunktbereichs befinden. Die Tankanordnung und Abwurfsequenz sind daher Teil der Flugzeugauslegung:
Tanks werden möglichst nahe am Schwerpunkt positioniert.
Mehrkammer-Tanks werden symmetrisch befüllt und entleert.
Der Abwurf wird oft in Paaren aus vorderen und hinteren Kammern sequenziert, damit sich Schwerpunkt und Trimmzustand möglichst wenig ändern.
Der Flugregelungs- bzw. Trimmbedarf muss für den schnellen Lastwechsel nachgewiesen werden. [11]
Wie wird der abrupte Massenverlust beim Wasserabwurf bewältigt?
Der abrupte Massenverlust wird, wie bereits oben beschrieben, vor allem durch eine schwerpunktnahe, symmetrische Tankanordnung, gesteuerte Abwurfsequenzen und strukturmechanisch robuste Klappen- sowie Tankbefestigungen bewältigt. Ziel ist, dass sich beim Abwurf weder der Schwerpunkt noch das Trimmmoment oder Roll-/Giermoment stark verändern.
Tanks werden somit möglichst um den zulässigen Flugzeugschwerpunkt angeordnet. Dadurch reduziert sich die Schwerpunktwanderung zwischen vollem und leerem Tank und das Leitwerk muss nach dem Abwurf weniger stark nachtrimmen. [12]
Tank- und Abwurfarchitektur [13]:
Bauteil oder Prinzip
Funktion beim Abwurf
Mehrkammertank
Begrenzung der freien Flüssigkeitsoberfläche und gezielte, kontrollierbare Teilabwürfe
Symmetrische Tankpaarung
Gleichzeitiges Leeren von vorderen/hinteren bzw. linken/rechten Kammern, damit keine großen Nick-, Roll- oder Giermomente entstehen
Schwallbleche und Trennschotten
Dämpfen Flüssigkeitsschwappen; reduzieren trägheitsbedingte Lastspitzen auf Tankwand, Boden und Befestigung
Große, schnell steuerbare Bodenklappen
Ermöglichen einen definierten Volumenstrom, Teilabwürfe und einen Vollabwurf innerhalb der zugelassenen Abwurfdauer
Füllstandsmessung und Cockpitanzeige
Zeigen Voll- und Teilfüllstände und unterstützen eine Abwurfsequenz innerhalb des zugelassenen Gewichts- und Schwerpunktbereichs
Unabhängiger Notabwurf
Reduziert die Flugmasse im Gefahrfall; die Betätigung muss vom normalen Tank-/Klappensystem unabhängig bleiben
Warum der Wasserabwurf für Piloten kritischer ist als die Wasseraufnahme
Der Wasserabwurf findet in einer hochdynamischen Tiefflugphase über unübersichtlichem Brandgelände statt und verändert zugleich Masse, Schwerpunkt und Flugverhalten abrupt. Daher ist er für Piloten meist kritischer als die Wasseraufnahme, die in einem vorab gewählten Gewässerbereich mit definierteren Randbedingungen und kontinuierlich zunehmender Masse erfolgt. [14]
Warum der Wasserabwurf kritischer als die Wasseraufnahme ist. Ein Vergleich [15]:
Aspekt
Wasseraufnahme
Wasserabwurf
Umgebung
Freie Wasserfläche kann vor dem Skimming auf Wellen, Hindernisse und Wind geprüft werden
Enges, oft ansteigendes oder maskierendes Terrain mit Rauch, Hitze, Turbulenz, Bäume, Stromleitungen und eingeschränkter Sicht
Flugprofil
Niedrige, aber vergleichsweise gleichförmige Gleitfahrt auf dem Wasser
Präziser Anflug in geringer Höhe, gezieltes Auslösen, anschließender Abflug bzw. Steigflug. Deutlich weniger Fehlertoleranz
Massenänderung
Die Masse steigt über etwa 10 bis 15 Sekunden kontinuierlich an
Mehrere Tonnen können in Sekunden oder einem einzigen Salvenabwurf abgegeben werden. Damit ändern sich Gewicht, Schwerpunkt und Trägheitsmomente abrupt.
Steuerung
Scoops, Füllstand, Leistung und Fluglage werden während eines planbaren Vorgangs koordiniert
Pilot muss Abwurfmenge, Abwurfpunkt, Höhe, Geschwindigkeit, Flugbahn, Windversatz und Ausweichweg gleichzeitig beherrschen.
Folgen eines Fehlers
Abbruch ist meist möglich: Scoops einfahren, Aufnahme beenden oder Wasserfläche erneut anfliegen
Fehlplatzierung kann Einsatzkräfte, Fahrzeuge oder Infrastruktur gefährden. Ein zu niedriger Abwurf kann Personen durch Löschmittel, Äste oder aufgewirbelte Gegenstände verletzen.
Flugmechanik beim Abwurf
Der Abwurf ist nicht automatisch gefährlich, weil das Flugzeug leichter wird, denn ein geringeres Gewicht verbessert grundsätzlich die Steigleistung. Kritisch ist die Geschwindigkeit, in der die Änderung stattfindet:
Bei einem Vollabwurf von beispielsweise 6.000 Liter Wasser nimmt die Flugzeugmasse um rund 6 Tonnen ab. Erfolgt dies in wenigen Sekunden, verändert sich der notwendige Auftrieb, das Nickmoment und die Schwerpunktlage schnell.
Werden Tankkammern nicht symmetrisch oder nicht in der vorgesehenen Reihenfolge geleert, entstehen Seitenmomente und Roll- bzw. Gierkorrekturen.
Der Löschmittelstrahl kann bei hoher Abgabemenge die Flugzeuglängsachse und Rumpfunterseite aerodynamisch beeinflussen. Zudem erzeugt das Abreißen des Flüssigkeitsstroms transiente Kräfte.
Der Pilot muss den Ausleit- bzw. Steigflug bereits vor dem Auslösen planen. Die US-Behörden fassen dies mit ASHHE zusammen: Approach, Speed, Horizontal Separation, Height, Exit – also Anflug, Geschwindigkeit, seitlicher Abstand, Höhe und Ausflugweg. [16]
Brandumgebung und Zielgenauigkeit
Ein Wasser- oder Retardantabwurf muss genau auf eine Brandkante oder eine zu schützende Vegetationslinie treffen. Gleichzeitig können Rauch sowie Thermik die Sicht und Flugbahn beeinflussen. Zudem versetzen wechselnde Winde die Tropfenwolke.
Die Abwurfphysik begrenzt die Höhe: Das Löschmittel soll vor dem Auftreffen seine Vorwärtsgeschwindigkeit weitgehend verlieren und möglichst senkrecht „abregnen“. Ist der Abwurf zu niedrig, trifft die Flüssigkeit mit hoher horizontaler Geschwindigkeit auf Bodenpersonal oder Vegetation. Neben der Flüssigkeitslast können dadurch Äste, Steine und andere Trümmer beschleunigt werden. Die sichere Höhe steigt mit der Abwurfmenge und der Spitzen-Durchflussrate. [17]