Corona-Pandemie Anpacken statt einpacken

Autor: Ute Drescher

Noch immer hält die Pandemie die Industrie fest im Griff. Doch seit ihrem Ausbruch vor einem Jahr ist viel passiert – auch Gutes: Etliche Unternehmen haben ihre Abläufe optimiert.

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In den vergangenen Monaten haben viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter Flexibilität bewiesen und der Krise mit Tatkraft und Kreativität getrotzt.
In den vergangenen Monaten haben viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter Flexibilität bewiesen und der Krise mit Tatkraft und Kreativität getrotzt.
(Bild: Fotodesign Märzinger)

Der Wissenschaftler Dr. Christian Lerch und seine Kollegen vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung wollten wissen: Welche Industriebereiche haben bisher am stärksten unter der Corona-Pandemie gelitten? Wer meldete Kurzarbeit an? Haben Umstrukturierungsmaßnahmen stattgefunden? Welche Rolle spielte die Digitalisierung während des Lockdowns?

Diese und weitere Fragen stellten Lerch, der am Fraunhofer ISI das Geschäftsfeld Industrieller Wandel und neue Geschäftsmodelle leitet, und seine Kollegen im Herbst 2020 im Rahmen einer Sonderbefragung zum Thema „Folgen der Corona-Pandemie in der Produktion“ 237 Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes.

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Produktion kommt zum Erliegen

Die Studienergebnisse bestätigen, dass die deutsche Industrie in weiten Teilen massive Produktionsverluste hinnehmen musste. Ausschlaggebend waren in vielen Fällen Zulieferschwierigkeiten, die jeweils die Produktion einschränkten oder zum Erliegen brachten. In der Folge musste Kurzarbeit angemeldet werden. Nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 lief die Produktion nur schleppend wieder an, kaum ein Betrieb hatte im Herbst 2020 das Vorkrisenniveau erreicht.

Mit den Folgen kämpft die Industrie bis heute. Doch die Krise birgt auch Chancen: So haben 51 Prozent der befragten Betriebe entweder ihre Produktionsabläufe neu organisiert oder planen, ihr Zuliefernetzwerk umzustrukturieren. „Das macht die Produktionsabläufe und -netzwerke robuster“, urteilt Christian Lerch. Darüber hinaus erwarten Lerch und Kollegen einen Digitalisierungsschub in der Industrie: „Etliche Betriebe haben über sämtliche Bereiche hinweg schon während des ersten Lockdowns neue digitale Lösungen eingeführt und planen dies auch in Zukunft verstärkt zu tun.“ Auffallend sei gewesen, dass Betriebe, die bereits vor der Krise der Digitalisierung offener gegenüberstanden, auch während der Krise eher neue digitale Lösungen einführten, um die Produktion aufrechtzuerhalten.

ZVEI und VDMA sehen positive Signale

Positive Signale registrieren die beiden Branchenverbände VDMA und ZVEI. „Die Erholung, die im Herbst 2020 begonnen hat, setzt sich fort“, bilanzierte etwa Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des VDMA. Im Dezember 2020 verbuchten die Unternehmen ein Auftragsplus von 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, selbst wenn dieser eine niedrige Ausgangsbasis darstellt. Wiechers warnt jedoch: „Diese Erholung steht unverändert auf wenig festem Grund.“ Für die exportorientierte Branche sei entscheidend, dass die globale Nachfrage wieder stärker in Schwung komme und störungsfrei bedient werden könne.

Optimistisch zeigte sich der ZVEI auf der Jahrespressekonferenz Anfang Februar 2021.Trotz Verlusten habe sich die deutsche Elektroindustrie „etwas besser geschlagen als manch andere Branche des verarbeitenden Gewerbes“, bewertete Dr. Gunther Kegel die Lage. Der ZVEI-Präsident wies unter anderem darauf hin, dass die Zahl der Beschäftigten dank Kurzarbeit nur moderat auf 873.000 zurückgegangen sei. Zuletzt war noch jeder Achte in Kurzarbeit. Für 2021 erwartet der ZVEI ein Plus von fünf Prozent bei der Produktion. Schlüsselrollen auf dem Weg aus der Krise spielen für Gunther Kegel sowohl die Elektrifizierung der Gesellschaft als auch die Digitalisierung der Industrie.

Lieferketten sind verwundbar

Gezeigt hat die Corona-Krise die Verwundbarkeit interna­tionaler Lieferketten. „Daraus den Schluss zu ziehen, die Produktion wieder zurück in die Heimatländer zu holen, ist extrem teuer und daher der falsche Weg“, warnt aber IfW-Präsident Gabriel Felbermayr. Das zeige ein Gutachten, das die Wissenschaftler des IfW Kiel im Auftrag der Impuls-Stiftung des VDMA erstellt haben. Zielführender wäre es, die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft zu verbessern, zum Beispiel indem man bei den Zulieferern stärker diversifiziere, mehr Ware auf Lager halte oder auch das Recycling verbessere, rät Felbermayer.

Auf die persönliche Situation der Mitarbeiter am stärksten ausgewirkt hat sich neben der Kurzarbeit mit Sicherheit vor allem der plötzliche Wechsel ins Homeoffice als Folge der Pandemie. Während die Kurzarbeit nur eine vorübergehende Phase und in vielen Fällen längst abgeschlossen ist, fragen sich die meisten Arbeitnehmer, ob sie auch in Zukunft von den Vorteilen der Arbeit zu Hause wie Flexibilität und Vereinbarkeit von Beruf und Familie profitieren werden.

Home Office wird bleiben

Laut einer im März und im Oktober 2020 unter Erwerbstätigen im Homeoffice durchgeführten Umfrage veränderte sich die Präferenz zur Anzahl der Homeoffice-Tage pro Woche zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten leicht. Im Oktober wünschten sich die Befragten tendenziell eher weniger Tage im Homeoffice pro Woche als noch im März. Quelle: Statista
Laut einer im März und im Oktober 2020 unter Erwerbstätigen im Homeoffice durchgeführten Umfrage veränderte sich die Präferenz zur Anzahl der Homeoffice-Tage pro Woche zwischen den beiden Erhebungszeitpunkten leicht. Im Oktober wünschten sich die Befragten tendenziell eher weniger Tage im Homeoffice pro Woche als noch im März. Quelle: Statista
(Bild: Statista)

Die von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beauftragte Befragung „Betriebe in der Covid-19-Krise“ deutet an, dass viele Betriebe auch nach der Corona-Krise die Möglichkeiten des Homeoffice weiter nutzen oder gar ausbauen wollen. Sie hoffen, als Arbeitgeber so attraktiver zu sein. Das würde viele Mitarbeiter motivieren und schafft so die besten Voraussetzungen, gemeinsam anzupacken.

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Über den Autor

 Ute Drescher

Ute Drescher

Chefredakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht