Suchen

Konstruktionsmethoden Achtung vor diesen heuristischen Fallen

| Autor / Redakteur: Andreas Loebner* / Juliana Pfeiffer

Heuristische Entscheidungen, bekannt als Bauchentscheidungen, sind schnell gefällt – bergen jedoch Risiken, in "heuristische Fallen" zu geraten. Im zweiten Teil werden die heuristischen Fallen "Anerkennung", "Die Aura des Experten", "Soziale Förderung" und "Seltene Gelegenheit"besprochen.

Firmen zum Thema

Queren einer an den Vortagen abgegangenen Lawine.
Queren einer an den Vortagen abgegangenen Lawine.
(Bild: Reto Barandun)

Heuristische Entscheidungen, salopp auch als Bauchentscheidungen bezeichnet, sind im Vergleich zu methodischem Vorgehen sehr schnell und zumeist auch zielführend [1],[2]. Sie bergen jedoch Risiken in „heuristische Fallen“ zu geraten, die dann zu Fehlentscheidungen führen. Der Begriff und die Aufzählung der „heuristischen Fallen“ wurde einem Artikel über tödliche Lawinenunfälle bei Skitouren entnommen [3][4]. Davon ausgehend, wurden diese Fallen auf den Konstruktionsprozess übertragen. Im ersten Teil dieses Artikels wurden die heuristischen Fallen „Vertrautheit“ und „Festlegung auf ein Ziel“ behandelt. Nun folgen die vier verbleibenden Punkte.

3. Heuristische Falle : Anerkennung

Bei Lawinenunfällen hat sich herausgestellt, dass in gemischten Gruppen mit Männern und Frauen, die Männer dazu neigen, größere Risiken einzugehen um den Frauen zu imponieren und Anerkennung zu bekommen. Mc Cammons Untersuchung belegt die höhere Unfallwahrscheinlichkeit bei gemischt-geschlechtlichen Gruppen.

Dieser Aspekt ist auf den Bereich Konstruktion übertragbar. Es geht um Erfüllung des sehr starken, grundlegenden menschlichen Bedürfnisses nach Anerkennung, hier also um die Anerkennung von Kollegen, Vorgesetzten, Kunden. Vom Konstrukteur wird es als selbstverständlich erwartet, funktionstüchtige Lösungen zu erarbeiten. Anerkennung ist erst einmal bei Einhaltung von Terminzielen und vielleicht auch Kostenzielen erfahrbar. Werden diese Ziele verfehlt stellt sich Nichtanerkennung ein, die sich z.B. in Nichtbeachtung, Zurückweisung hin bis zum „Mobbing“ äußern kann.

Es liegt also ein Anreiz für den Konstrukteur in diesem System, beim Gesichtspunkt „hinein konstruierte Produktqualität“ eher auf Lösungen der Klasse „ausreichend, aber schnell“ als der Klasse „erstklassig aber mit Neuheitsrisiko behaftet und zeitintensiv“ zu setzten. Die momentane, schnell erreichbare Anerkennung für eine erstklassige Lösung wird ausbleiben, sofern der Fertigstellungstermin danebengeht. Den Terminverzug mit der besseren Qualität zu begründen erfordert zumeist intensive Überzeugungsarbeit über mehrere „Etagen“ der Unternehmenshierarchie.

4. Heuristische Falle : Die Aura des Experten

Die Untersuchung zu den Lawinenunfällen zeigt, dass in vielen Gruppen ein informeller Führer dabei war, dessen vermeintlicher Expertise die Gruppe folgte und dennoch einen Unfall erlitt. Das Wort des „Experten“ wiegt schwerer und Teilnehmer halten ihre Einwände zurück. Sie verhalten sich konform.

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, verschiedene Auren zu katalogisieren. Es gibt natürlich viele ausgewiesene Experten, deren Wort zu Recht Gewicht hat und die ernst zu nehmen sind. Für die Experten innerhalb eines Unternehmens mögen die folgenden Merkmale stehen. Die Begriffe sprechen für sich und werden nicht weiter erläutert.

  • Hierarchie-Aura
  • Dienstalters-Aura
  • Alphatier-Aura
  • Akademiker-Aura
  • Gruppenzugehörigkeits-Aura
  • usw.

Neben den Auswirkungen der verschiedenen Aura-behafteten Menschen innerhalb einer Firma kommen diejenigen von Außenstehenden dazu.

  • Kunden: Hier treten die oben aufgeführten Aura-Profile genauso auf, werden aber durch die Asymmetrie Kunde – Auftragnehmer noch verstärkt.
  • Lieferanten: Vertreter von Lieferanten – hier ist die Asymmetrie umgekehrt - neigen dazu, sich mit oben angegebenen Auren zu umgeben, um beim Kunden mangelnde Sachkenntnis überspielend und/oder Schwachpunkte der angebotenen Produkte oder Leistungen versteckend, gut da zustehen.
Bildergalerie

5. Heuristische Falle: Soziale Förderung

Die Analyse der Lawinenunfälle bei Tourenfahrer brachte zutage, dass Skitourengruppen, die vor dem Unglück anderen Gruppen begegnet sind, danach höhere Risiken eingehen, als solche, die alleine unterwegs waren. Zudem wurde ermittelt, dass Gruppen, die über Verhalten im winterlichen Gebirge gut geschult waren, nach der Begegnung mit Anderen zu risiko-freudigerem Verhalten neigten. Weniger gut ausgebildete Sportler hingegen, setzten die Tour vorsichtiger und risikoscheuer fort.

Dahinter verbirgt sich der Begriff der „sozialen Förderung“: Ist der „Könner“ beobachtet, gelingt ihm sein Tun, das bei seinen Beobachtern Anerkennung auslöst, noch besser. Dem „Nichtkönner“ hingegen, dem, der den Respekt nicht gewinnt, gelingt es noch schlechter.

Inwiefern ist diese heuristische Falle auf den Bereich Konstruktion übertragbar? Der Zustand der „des beobachtet Werdens“ ist mehr oder weniger stets gegeben: Besprechungen im Kollegenkreis, mit Chefs, mit Nachbarabteilungen usw. finden laufend statt. Der Konstrukteur fühlt sich selbstverständlich als kompetenter Fachmann. Er strebt danach diesen Ruf zu festigen und auszuweiten. Die Voraussetzungen für die heuristische Falle „soziale Förderung“ sind demnach gegeben. So wie eine selbstbewusste Tourengruppe mit einem fröhlichen: “packen wir‘s an“ in Richtung lawinenexponierter Hang die andere Gruppe verlässt, so mag sich der ein oder andere Konstrukteur in einer Sitzung zu einer Zusage hinreißen lassen, die er ohne Publikum nie gemacht hätte. Auch die Beobachtung, dass auf Sitzungen bevorzugt dass diskutiert wird, von dem die meiste Sachkunde bei den Teilnehmern gegeben ist und nicht unbedingt das, was eigentlich wichtig ist, ist ein Hinweis auf die heuristische Falle „soziale Förderung“.

Zu den nahe beieinanderliegenden heuristischen Fallen „Anerkennung“, „Aura des Experten“ und “Soziale Förderung“ einige Überlegungen.

  • Die weitverbreiteten, institutionalisierten und bewährten Teamarbeiten wie z.B. FMEA oder HAZOP werden, ob man es will oder nicht, von den heuristischen Fallen unbemerkt begleitet.
  • Bei der Zusammensetzung der Teams können Fallen geöffnet werden, die im Projektverlauf unbemerkt zuschnappen, da z.B. ein Experte mit übergrosser Aura Aufmerksamkeit und Zeit bindet ohne entsprechende Gegenleistung für das zu verhandelnde Thema zu bringen.
  • Die Gruppengrösse sollte bedacht werden. Die Erfahrungen aus den Skitouren legen Gruppen zwischen zwei und fünf Teilnehmern nahe. Für komplexere Themen sind das zu wenige Teilnehmer.
  • Der Konformitätsdruck kann eine gewichtige Rolle spielen. Er wird die Entscheidungen vorzugsweise in die Richtung des Wertesystems der Institution schieben. Spielt z.B. die Sicherheit eines zu entwickelnden Produkts eine beherrschende Rolle, so wird das konforme Bewerten von Lösungen z.B. den Kostenaspekt geringer bewerten.

6. Heuristische Falle: Seltene Gelegenheit

Die Untersuchungen der Lawinenunfälle zeigen, dass die Chance einen Neuschneehang ohne Spuren als Erster zu befahren, zu erhöhter Risikobereitschaft führt. Die Wissenschaft spricht dabei von “Seltenheitsheuristik“, was besagt, dass seltene Gelegenheiten als wertvoller empfunden werden und ein höheres Risiko „rechtfertigen“ als alltäglichere Situationen.

Die Übertragung auf den Bereich Industrie gelingt hier nur als Metapher. Bei schlechter Auftragslage wird ein Unternehmen eher bereit sein, die seltene Chance eines Auftrags anzunehmen. Die knappe Auftragsdecke lässt den Blick für die Risiken unschärfer werden. Der Autor hat in solchen Situation festgestellt, dass sich dieses Übersehen von Risiken in Krisenzeiten bei vielen Firmenangehörigen einstellt, da die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes in der Luft liegt. Aber auch eine umgekehrte Situation wurde schon beobachtet: Eine spezielle Konstellation im Markt, z.B. „Vorsprung durch Technik“, hohe kurzfristige Ertragserwartungen beim Kunden usw. öffnen für den Lieferanten die Aussicht auf einen sehr guten Auftrag. Von Risiken, vornehmlich von Terminrisiken, spricht man dann nur ungern.

Zusammenfassung und Ausblick

Zur Relativierung aber keinesfalls zur Verniedlichung der hier dargelegten Analogie zwischen Wintersport und Konstruktion noch ein Blick auf die Häufigkeit von Lawinenunfällen und Konstruktionsfehlern: Beide Ereignisse sind relativ selten, hinterlassen jedoch im Fall Wintersport deutliche Spuren in den Medien, im Fall Konstruktion schmerzhafte Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis der betroffenen, sprich den Schaden tragenden, Firma bzw. deren Kunde. Das Anliegen des Artikels ist es, berufstätigen Konstrukteuren mit den sechs Bildern bzw. Metaphern, die der Autor in der Lawinenforschung gefunden hat, eine kleine Hilfe zur Selbstreflektion bzw. der Beurteilung der Interaktionen im Team bei der täglichen – eben nicht „Routinearbeit“ - zu geben. (jup)

  • 1. K.Ehrlenspiel, H.Meerkamm; Integrierte Produktentwicklung; 6.überarbeitete und erweiterte Auflage 2017
  • 2. G. Gigerenzer; Bauchentscheidungen.Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition; München 2007
  • 3. Ian McCammon; Heuristic Traps in Recreational Avalanche Accidents: Evidence and Implications; Avalanche News, No.68, Spring 2004
  • 4. Chris Utzinger; Human Factors USA (2)- Heuristischen Fallen bei Lawinenunfällen; Bergundsteigen 1/2004

* Furnace Design GmbH Bern

(ID:45445546)