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Schnittstellen im Engineering, Teil 1

Wie verschiedene Sprachen den Begriff Schnittstelle umschreiben

| Autor/ Redakteur: Andreas Loebner / Monika Zwettler

Das Wort „Schnittstelle“ ist bei Engineeringprojekten ein zentraler Begriff und häufig die Ursache von Problemen. Die erste Folge unserer Serie betrachtet den Begriff aus sprachlicher Sicht und zeigt überraschende Unterschiede.

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Schnittstellen machen im Engineering häufig Probleme. Unsere Serie dazu beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten - im ersten Teil wird der Begriff semantisch untersucht.
Schnittstellen machen im Engineering häufig Probleme. Unsere Serie dazu beleuchtet das Thema von verschiedenen Seiten - im ersten Teil wird der Begriff semantisch untersucht.
( Bild: gemeinfrei / CC0 )

Die Hälfte aller Pro­bleme bei Engineeringprojekten, so die Literatur [1], sind Schnittstellenprobleme. „Schnittstellen sind Störstellen“ lautet der Tenor. Nähern wir uns dem Begriff einmal von der sprachlichen Seite her, erst im Deutschen und dann auch in anderen Sprachen, bevor wir auf handfestere Aspekte des arbeitsteiligen Vorgehens kommen.

Schnittstelle: Rechthaberei und Kompromisslosigkeit

Sowohl das Zusammenfügen der beiden Wörter „Schnitt“ und „Stelle“ als auch das Zusammentreffen der Konsonanten in der Mitte schafft ein Wort, das seinen Inhalt, nämlich die Trennung, vom Klang her kaum deutlicher zum Ausdruck bringen könnte. Vom „lyrischen“ Klang des Wortgebildes her tönt es nach Rechthaberei und Kompromisslosigkeit.

Überraschenderweise klingt es in anderen Sprachen erheblich sanfter:

  • Im Englischen: Allseits geläufig ist der Ausdruck „interface“. Da kann man sich zwei menschliche Gesichter vorstellen, die sich ansehen und die etwas miteinander verbindet, auch wenn dieses Bild etymologisch nicht korrekt ist.
  • Noch kommunikativer, wie sollte es auch anders sein, wird unter anderem „Schnittstelle“ ins Italienische übersetzt: „punto di incontro“ [Treffpunkt, Berührungspunkt]. Das Bild von einem belebten Café im Süden mit zusammenkommenden, Espresso trinkenden, sich austauschenden Menschen erscheint vor dem inneren Auge.
  • Noch weiter weg, geradezu gegensätzlich zum Deutschen, wird im Französischen für „Schnittstelle“ auch der Begriff „liaison“ [Verhältnis, Beziehung, das Binden] verwendet. Hier geht es um Verknüpfung, Verbindung hin bis zu Herzens- und Bettangelegenheiten. Von Trennen, Schneiden usw. ist keine Rede.

Schnittstelle ersetzt heute den älteren Begriff Nahtstelle

Suchen wir etwas weiter [2] so kommt zu Tage, dass „Schnittstelle“ ein junges Wort ist, das sich erst ab etwa 1980 ausgebreitet hat. Das viel mildere, näher an den anderen Sprachen liegende deutsche Synonym „Nahtstelle“ ist um 1900 aufgekommen und hatte in der Nachkriegszeit die größte Verbreitung. Mit dem Anstieg der „Schnittstelle“ hat es an Verbreitung verloren.

Teil 2 der Serie veranschaulicht die Schnittstelle am Beispiel eines Engineeringprojektes

Diese Unterschiede im Ausdruck für ein- und dasselbe in den vier Sprachen sind für uns verblüffend. Da man in allen Sprachen mit dem jeweiligen Wort zurechtkommt, kann keines davon falsch sein. Die vier Ausdrücke spiegeln unterschiedliche Herangehensweisen und Formen der Kommunikation wider. Dahinter erahnen wir auch die viel zitierten „Mentalitätsunterschiede“ zwischen den Menschen unterschiedlicher Sprachregionen. Am Beispiel eines Engineeringprojekts des Anlagenbaus wollen wir uns das in der nächsten Folge versuchen zu veranschaulichen.

(Die Literaturangaben finden Sie zusammengefasst in der fünften und letzten Folge unserer Serie.)

* Andreas Loebner, Bern

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