Suchen

GPS-Normen

Wie Festo die Umsetzung der GPS-Normen eingeführt hat

| Autor/ Redakteur: Anne Peters, Eberhard Klaiber, Kien Jiu Phung, Tobias Hübsch / Ute Drescher

Festo hat die Umsetzung der GPS-Normen verpflichtend eingeführt. Das hat einige Anstrengung gekostet. Doch der Aufwand lohnt sich, wie unsere Autoren berichten.

Firmen zum Thema

Im Zuge der Umsetzung der GPS-Normen haben die beteiligten Disziplinen ein neues Grundverständnis für die Zusammenarbeit entwickelt.
Im Zuge der Umsetzung der GPS-Normen haben die beteiligten Disziplinen ein neues Grundverständnis für die Zusammenarbeit entwickelt.
(Bild: ©fizkes - stock.adobe.com)

GPS – Geometrische Produktspezifikationen – sind weder ein bestimmtes Verfahren noch eine bestimmte Norm, sondern schlicht die Umsetzung aktueller Normen, die den Stand der Technik widerspiegeln. Dieser Stand der Technik ist in rund 180 ISO-Normen beschrieben – mehr oder weniger komplex und bei Festo mehr oder weniger anwendbar.

Richtig oder falsch gibt es bei GPS nicht. Das Zusammenspiel zwischen der funktionalen Anforderung, der Herstellbarkeit bei Eigenfertigung oder bei Zulieferern sowie der Möglichkeit, im laufenden Produktionsprozess wirtschaftlich zu messen, bestimmt, was technisch notwendig und wirtschaftlich sinnvoll ist. Nur das ist für den Einzelfall richtig.

Nachdem Festo rund 10 % der gesamten weltweiten Belegschaft in zweitägigen Schulungen unterrichtet hat, ist das Thema GPS nicht mehr eines weniger Spezialisten. Doch nicht alle Geschulten waren von Anfang an von Notwendigkeit und Nutzen überzeugt. Die Spanne der Reaktionen reichte von Ablehnung („Das bringt doch nichts.“) über Unsicherheit („Wer soll diese Komplexität beherrschen?“) bis hin zu Erleichterung („Endlich kann ich mein Bauteil hinreichend genau beschreiben!“).

GPS-Symbolsprache wird angewendet

Die flächendeckende Schulung und das Beratungsangebot sowie nicht zu vergessen die Etablierung eines Expertenkreises hat zumindest bewirkt, dass in vielen Abstimmungsrunden die Symbolsprache GPS mit einbezogen wird. Ob nun mit Begeisterung oder mit Widerwillen diskutiert wird, sei dahingestellt. Wichtig ist, überhaupt im Gespräch zu sein. Nach und nach wird die GPS-Symbolsprache in den Zeichnungen tatsächlich angewendet.

Regeln auch anwenden

Das setzt voraus, alle Regeln, die in der Schulung vermittelt wurden, auch anzuwenden. Dabei galt: „Eine Zeichnung ist dann GPS-4-Festo-konform, wenn die aktuellen GPS-Normen angewendet und die Zeichnung zwischen Entwicklung, Fertigung und Einkauf sowie Messwesen abgestimmt wurde.“ Um diesen Abstimmungen eine gute Basis zu geben, wurden die Gruppen gemischt geschult und umfassten jeweils eben die vier Fachfunktionen Entwicklung, Fertigung, Einkauf sowie das Messwesen.

Ergänzendes zum Thema
Darauf sollten Konstrukteure bei der Umsetzung des GPS-Normensystems achten

Die Umsetzung des komplexen GPS-Normensystems bedeutet einen gewissen Aufwand. Die Erfahrung bei Festo hat gezeigt, dass dieser Aufwand sinkt, wenn die folgenden Punkte beachtet werden:

Know-how aufbauen

Schulungen sollten flächendeckend über die Fachbereiche Entwicklung, Einkauf, Messtechnik, Versuch und Produktion erfolgen. Das gilt nicht nur intern. Auch der ein oder andere Zulieferer kann mit GPS nichts anfangen. Die Partnerschaft mit einem externen Trainer ermöglicht kostengünstige Schulungen. Festo hat sie zum Beispiel über feste Ansprechpartner im Einkauf vermittelt.

Schulungskonzept erarbeiten

Es empfiehlt sich, die Schulungsinhalte nach Wissen (Warum?) und Tun (Wie?) im CAD aufzubauen. Mit diesem Konzept kann vielen Skeptikern der Wind aus den Segeln genommen werden.

Projekt klar definieren

Wichtig ist auch ein klares Commitment zur Umsetzung des GPS-Normensystems für klar definierte Projekte. Hier sollten von Anfang an alle nötigen Fachbereiche involviert sein. Schwieriger wird es, Fachbereiche – etwa die Messtechnik, die Arbeitsvorbereitung (Fertigung) sowie die Konstruktion – noch im Nachhinein mit an Bord zu holen. Werden einzelne Bereiche zu spät eingebunden, lässt sich der Veränderungsprozess nicht komplett umsetzen.

Key-User bestimmen

Allein mit den Schulungen ist es nicht getan. Folgen muss der wichtige Transfer von der Theorie in die Praxis. Um Unsicherheiten effektiv zu begegnen, sollten Key-User und Expertengremien als Ansprechpartner für die direkte Umsetzung im Alltag bestimmt werden. Diese Gremien sollten bereichsübergreifend zusammengesetzt sein, damit sie in Problemvorstellungsrunden schnelle und kompetente Antwort geben können. Festo hat darüber hinaus die Möglichkeit geschaffen, Online Requests zu stellen sowie eine Best-Practice-Datenbank aufgebaut.

Projektleiter einsetzen

Der Projektleiter sollte über die nötige Kapazität verfügen und Zugang zu den Entscheidergremien haben.

Rückendeckung durch das Management

Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die Rückendeckung durch das Management.

In der Praxis und im Tagesgeschäft gelingt die Abstimmung nicht in jedem Einzelfall. Das ist nachvollziehbar. Allerdings wurde ein neues Grundverständnis für die Zusammenarbeit geweckt und gelebt.

Die Vorteile der Einführung machen sich schon jetzt bemerkbar. Aufgrund der engen Abstimmung zwischen Produktion, Messtechnik und Entwicklung schon im frühen Produktentstehungszyklus sind Abstimmungen im Nachgang deutlich seltener notwendig. Es gibt inzwischen ein gemeinsames Verständnis zwischen Konstruktion, Produktion und Messtechnik. Damit verbessert sich die Qualität nachhaltig, die Kosten sinken. Darüber hinaus lässt sich jetzt eine normgerechte Zeichnungsdarstellung, genauer eine funktionsbezogene Anwendung der Normen, sicherstellen.

Geblieben ist dennoch eine gewisse Verunsicherung, ob GPS bei allen Entwicklungsprojekten angewendet werden darf. Manche Projektverantwortlichen und Führungskräfte befürchten, dass sie ihre Ziele aufgrund des erhöhten Aufwands in der GPS-Eingewöhnungsphase nicht halten können. Die Erkenntnis, dass die Früchte von GPS unter Umständen erst mittel- oder langfristig geerntet werden können, hat sich noch nicht überall durchgesetzt.

Verändert hat sich, dass sich an GPS teilweise ablesen lässt, wie fähig unsere Zulieferer sind. Auch dort sind die Reaktionen sehr unterschiedlich und reichen von „Haben wir noch nie gesehen, können wir nicht liefern“ bis hin zu „Endlich hat Festo auch begriffen, dass GPS richtig und notwendig ist“. (ud)

Seminartipp

Die Teilnehmer des Seminars Erfolgreiche Führung von Projektteams lernen mit Herausforderungen bei der Führungsarbeit von Projekten professionell umzugehen und gezielt wirkungsvolle Führungsmethoden einzusetzen.

* Anne Peters, Product Management Pneumatic Supply, Eberhard Klaiber, Head of Standards and Classification, Kien Jiu Phung, Development Control Valves, Tobias Hübsch, Development Gripper, Festo AG & Co. KG Esslingen

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46181574)