Suchen

Automatisierung So will Schneider Electric in Zukunft Wissen teilen

| Autor: Ute Drescher

Eine Community bilden und Know-how teilen – das sind Ziele der Exchange-Plattform, die Schneider Electric ins Leben gerufen hat. Jürgen Siefert, Vice President Industry bei Schneider, erklärt, warum Konstrukteure davon profitieren. Und berichtet außerdem, was in Schützen steckt.

Firmen zum Thema

„Mit unserer Exchange-Plattform verbinden wir Menschen und schaffen so eine Community“, erklärt Jürgen Siefert, Vice President Industry von Schneider Electric Deutschland.
„Mit unserer Exchange-Plattform verbinden wir Menschen und schaffen so eine Community“, erklärt Jürgen Siefert, Vice President Industry von Schneider Electric Deutschland.
(Bild: Ralf Riba, Riba Business Talk)

konstruktionspraxis: Schneider Electric baut ein offenes, standardbasiertes Ökosystem auf. Wie sieht das konkret aus?

Jürgen Siefert: Wir gehen bei Schneider Electric einen ganz neuen Weg. Heute befindet sich viel Know-how einzig und allein in den Köpfen der Mitarbeiter. Trifft man aber einen Kollegen gerade nicht an, ist das Know-how auch nicht verfügbar. Genau diese Lücke wollen wir mit unserer Exchange-Plattform schließen. Sie umfasst im Wesentlichen vier Bausteine. Das erste wichtige Thema ist Connect: Mit der Plattform verbinden wir Menschen und schaffen so eine Community. Daran beteiligen sich schon jetzt in der Demo-Version etwa 33 0000 Nutzer, sowohl interne als auch externe von rund 2000 Unternehmen. Das hat sogar mich überrascht!

„Mit unserer Exchange-Plattform verbinden wir Menschen und schaffen so eine Community“, erklärt Jürgen Siefert, Vice President Industry von Schneider Electric Deutschland.
„Mit unserer Exchange-Plattform verbinden wir Menschen und schaffen so eine Community“, erklärt Jürgen Siefert, Vice President Industry von Schneider Electric Deutschland.
(Bild: Ralf Riba, Riba Business Talk)

konstruktionspraxis: Welche weiteren Möglichkeiten eröffnen sich neben dem Vernetzen von Menschen?

Jürgen Siefert: Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Thema Collaborate. Wir möchten mit dem Ökosystem zur Zusammenarbeit animieren, indem wir Kunden den Zugang zu Informationen verschaffen – nicht nur über unsere Produkte und Software, sondern auch über ihre Anwendung. So gibt es zum Beispiel zahlreiche Systemintegratoren, die viel Know-how erarbeitet haben. Mit Exchange bieten wir ihnen die passende Plattform, genau dieses Wissen zu teilen. Das Portal setzt auf Anwenderfreundlichkeit: Man bewegt sich mit einfachen Suchworten auf der Plattform, aber in einem geschützten Raum. In Chatrooms hat der Kunde die Möglichkeit, sich direkt und diskret mit einem Systemintegrator zu unterhalten.

Das bringt uns zum dritten Thema, dem Shop. Auch unsere Integratoren, Programmierer, Partnerunternehmen und Industrial-Automation-Distributoren bieten sehr viel Anwender-Know-how. Sie alle haben die Möglichkeit, auf unserer Plattform auch fertige Lösungsbausteine anzubieten. Das ist ähnlich, wie in einem App-Store Apps zu kaufen. Vieles davon ist kostenlos und spezialisierte Expertise für ein konkretes Kundenproblem.

konstruktionspraxis: Wir bewegen uns aber fast ausschließlich in der Schneider-Welt?

Jürgen Siefert: Nein, und das ist genau das Attraktive dabei! Jeder kann sich registrieren. Hat zum Beispiel ein OEM an den Maschinenbauer eine bestimmte Frage, findet er auf der Plattform einen Integrator, der genau eine solche Aufgabe schon einmal gelöst hat. Wir vermitteln dieses Know-how nur. Es entstehen ja gerade viele neue Dinge, etwa neue Geschäftsmodelle. In unserem Bereich Apps, Analytics und Services bieten wir eigene Lösungen an, zum Beispiel den Machine Advisor, der auch im Shop zur Verfügung steht. Viel interessanter aber sind Lösungen. Die bietet unter Umständen ein Startup-Unternehmen, das auf der Exchange-Plattform Analysetools offeriert. Und das zeigt: Es handelt sich nicht in erster Linie um eine Hausplattform von Schneider Electric, sondern um eine Community, von der alle Teilnehmer gleichermaßen profitieren.

konstruktionspraxis: Der Zugang ist einfach möglich?

Jürgen Siefert: Genau. Sie sind mit wenigen Klicks dabei: ,easy to use' – das ist uns wichtig. Reingehen, lernen, Fragen stellen und gute Antworten bekommen.

konstruktionspraxis: Nun ist Schneider Electric nicht die erste Firma, die eine solche Plattform ins Leben ruft. Schafft sich nicht jedes Unternehmen so seine eigene Community?

„Dinge, über die wir uns den Kopf zerbrechen, haben andere längst gelöst. Und darum geht es!“, so Jürgen Siefert weiter.
„Dinge, über die wir uns den Kopf zerbrechen, haben andere längst gelöst. Und darum geht es!“, so Jürgen Siefert weiter.
(Bild: Ralf Riba, Riba Business Talk)

Jürgen Siefert: Wir spechen hier ja nicht nur über Schneider Electric – und selbst hier kennen viele Anwender und Kunden nicht die komplette Palette unserer Möglichkeiten –, auch andere Unternehmen wie Aveva gehören zu uns. So entsteht ein originäres Netzwerk. Wir haben über 140 000 Mitarbeiter weltweit und einen Umsatz von über 25 Milliarden Euro. Allein das ist ein riesiges Ökosystem. Viele Dinge, über die wir uns den Kopf zerbrechen, haben andere längst gelöst. Und darum geht es! Nicht jeder muss für sich jedes Mal das Rad neu erfinden. Stattdessen lässt sich das vorhandene Know-how auf der Plattform teilen.

konstruktionspraxis: Welche Hürden sehen Sie für die Exchange-Plattform?

Jürgen Siefert: Wir sehen momentan keine Hürden. Allerdings wissen wir auch noch nicht genau, wohin uns dieser Weg führt. Um es einmal anschaulich zu formulieren: Es ist, als ob man sich auf einer Brücke befände, in deren Mitte eine Nebelwand ist. Dennoch gehen Sie voran, immer auf Sicht. Das heißt, wir lernen Schritt für Schritt, welche neuen Chancen entstehen – aber möglicherweise auch, ob sich Hürden auftun.

konstruktionspraxis: Auf der Hannover Messe 2019 hat Schneider Electric aber auch neue Produkte vorgestellt, darunter die Lastmanagementlösung Tesys Island. Was ist das Besondere an dieser Lösung?

Die volldigitale Lastmanagementlösung Tesys Island spart Design-, Verdrahtungs- und Inbetriebnahmezeit, da sie auf multifunktionalen Geräten und vorgefertigten Funktionen – den sogenannten Avataren für industrielle Anwendungen – für Lasten bis zu 80 A basiert.
Die volldigitale Lastmanagementlösung Tesys Island spart Design-, Verdrahtungs- und Inbetriebnahmezeit, da sie auf multifunktionalen Geräten und vorgefertigten Funktionen – den sogenannten Avataren für industrielle Anwendungen – für Lasten bis zu 80 A basiert.
(Bild: Schneider Electric)

Jürgen Siefert: Im Maschinenbau oder bei industriellen Endpunkten befinden sich überall Schütze im Einsatz, ein Produkt, das technisch mehr oder weniger ausgereift ist. In unserer Architektur zählen Schütze auf der untersten Ebene – der Feldebene – zu den sogenannten „connected products“. Wir haben uns nun überlegt: Was tut eigentlich so ein Schütz? Er schaltet Lasten. Frequenzumrichter zum Beispiel verfügen über alle Daten des Antriebs, die sich über Schnittstellen auf höhere Ebenen melden lassen. Das war bisher bei einer einfach geschalteten Last nicht möglich. Hier schaltet der Schütz die Last zu oder auch nicht. Beispiele sind Heizungen etwa in einer Folienschweißmaschine. Diese Heizung wird ein- oder ausgeschaltet, ist aber ebenso ein potenzieller Produktionsunterbrecher wie ein Antrieb. Und hier beginnt die Story. Unser Tesys Island kann nun einfachste Lasten genauso überwachen und Anomalitäten erkennen wie etwa ein Frequenzumrichter.

Typischerweise lässt sich über die Ströme, die geschaltet werden, erkennen, ob diese Last in Ordnung ist oder nicht. In Kombination mit unserem Machine Advisor lassen sich die typischen Ober- und Untergrenzen für diese Last ermitteln

konstruktionspraxis: Welche Aufgabe übernimmt Tesys Island in diesem Fall?

Jürgen Siefert: Irgendwann beginnt auch eine Heizung kaputtzugehen. Bisher hat man das über einen Sensor kontrolliert und reagiert. Unsere Idee ist, zu agieren. Der Schütz erkennt die Stromabweichungen schon, bevor die Heizung kaputt ist, meldet diese Information nach oben und gibt dem Anwender die Möglichkeit, proaktiv zu reagieren. Das Interessante ist ja, dass auch ein so relativ einfaches Produkt ebenso viel Störungszeit in einer produzierenden Anlage erzeugt wie ein hochkomplexer 5-Megawatt-Drive. Wir möchten dem Anwender den Arbeitsalltag möglichst einfach machen, indem wir fertige Lösungen anbieten, die diese Anomalitäten erkennen. Wir haben also aus einem „dummen“ Schütz ein intelligentes Produkt gemacht.

konstruktionspraxis: Lässt sich Tesys Island nur in der Schneider-Electric-Welt einsetzen?

Jürgen Siefert: Wir bieten die Tesys-Island-Lösung natürlich für unsere eigene Steuerungswelt an, sind aber auch für andere Steuerungslösungen offen. Wir leben diese Offenheit schon seit vielen Jahren. Auch unsere Systemarchitektur Ecostruxure haben wir offen und kompatibel konzipiert. Und diese Offenheit zeigen wir damit, dass der Kunde nicht nur mit unserer Steuerungswelt solche Innovationen nutzen kann.

konstruktionspraxis: Ist für Sie Offenheit nur auf die Welt der Technik begrenzt?

Jürgen Siefert: Ganz und gar nicht. Neben meiner Aufgabe bei Schneider Electric bin ich auch Vorstandsmitglied im Fachverband Elektrische Automation des VDMA. Dort sitzen wir zusammen an einem Tisch und diskutieren über gemeinsame Projekte. Und das geht noch weiter. Bei einer Diskussion mit Sigmar Gabriel zur Frage, ob Europa noch Zukunft hat, sagte der Politiker, es gebe nicht mehr die G20 oder G7, sondern nur noch die G2 – Asien und USA. Wir müssen dafür sorgen, dass es ein G3 wird. Und deswegen ist es auch wichtig, dass wir uns nicht gegenseitig auf die Füße treten, sondern gemeinsame Herausforderungen auch gemeinsam angehen. Jeder wird weiterhin seine Spezialitäten haben und sich damit differenzieren. Aber die Differenzierung sollte nicht darin resultieren, dass man sich dem Markt nicht öffnet. Sonst verlieren wir alle gemeinsam.

konstruktionspraxis: Vielen Dank, Herr Siefert.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45929509)

Über den Autor

 Ute Drescher

Ute Drescher

Chefredakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht