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7. Anwendertreff Maschinensicherheit

Safety von der Gebrauchtmaschine bis zur KI

| Autor: Jan Vollmuth

Welche Herausforderungen und Pflichten hinsichtlich Safety der Handel und Betrieb von Alt- und Gebrauchtmaschinen mit sich bringt, alte und neue Normen sowie sicheres Bedienen von Maschinen waren die dominierenden Themen, die Konstrukteure, Hersteller und Betreiber auf dem 7. Anwendertreff Maschinensicherheit am 25. September 2019 in Würzburg intensiv diskutierten.

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Im Abschlussvortrag behandelte Dipl.-Ing. Alois Hüning von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall die Betreiberpflichten für Alt- und Gebrauchtmaschinen.
Im Abschlussvortrag behandelte Dipl.-Ing. Alois Hüning von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall die Betreiberpflichten für Alt- und Gebrauchtmaschinen.
(Bild: J. Untch / Vogel Communications Group GmbH & Co. KG)

„Ich habe noch keine sichere Maschine gesehen. Irgendetwas fehlt immer.“ Mit diesem provokanten Statement nahm Stefan Zander, seines Zeichens Global Director HSE bei der Rehau AG + Co, in seiner Betreiber-Keynote die Maschinenhersteller in die Pflicht. Seine Erfahrung habe gezeigt, dass „Equipment nicht immer sicher“ sei und/oder nicht dem Stand der Technik entspreche. Zudem fehlten häufig die Dokumente oder diese seien unvollständig oder lägen nicht in der Landessprache vor – womit die betreffende Maschine nicht rechtssicher sei. Die ärgerliche Konsequenz für den Betreiber: Er müsse zusätzlich in die Maschine investieren, um seinen Mitarbeitern sicheres Equipment bereitstellen zu können.

Arbeitssicherheit Hand in Hand mit Maschinensicherheit

Der Spezialist für Arbeitssicherheit unterstrich in seinem Vortrag vor rund 100 Teilnehmern, dass es für Industrie-Unternehmen immer wichtiger werde, den Anforderungen der Arbeitssicherheit auch und vor allem in der Produktion zu genügen. „Im besten Fall geht die Arbeitssicherheit mit der Maschinensicherheit Hand in Hand“: Beide hätten das Ziel, Unfälle zu vermeiden und für eine sichere Arbeitsumgebung zu sorgen. Abschließend formulierte er eine Wunschliste aus Betreiber-Sicht, wie die Zusammenarbeit mit einem Hersteller idealerweise aussehen sollte – und appellierte an deren Sorgfalt: „Wie würde die Maschine hinsichtlich Safety aussehen, würden ihre Liebsten damit arbeiten müssen?“

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Safety-Risiko Machine Learning

Um Vertrauen in die Maschine ging es im weitesten Sinne auch in der zweiten Keynote des Anwendertreffs Maschinensicherheit: In seinem Vortrag „Künstliche Intelligenz auch in sicherheitskritischen Umgebungen“ nahm Dr. Daniel Schneider vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE die Herausforderungen unter die Lupe, die der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und speziell Machine Learning (ML) unter den Gesichtspunkten der Maschinensicherheit mit sich bringt. Die Verwendung von ML-basiertem Verhalten in sicherheitskritischen Kontexten habe zwar riesiges Potenzial, die Gewährleistung der Sicherheit von ML-Komponenten sei jedoch schwierig. „Da gibt es noch viele Fragezeichen“, fasste der KI-Experte zusammen.

Ein Grundproblem sei, dass menschenverständliche und analysierbare Spezifikationen fehlen, was die Anwendung etablierter Normen und Methoden zur Absicherung sehr erschwere. Gleichzeitig sei die Nachvollziehbarkeit der von einer KI gelieferten Ergebnisse anspruchsvoll. Als Ziel formulierte eine technisch robuste, verlässliche und sichere KI. „Es wird jedoch noch einige Zeit dauern, bis wir valide Systeme haben werden, ca. fünf bis zehn Jahre“, so sein Fazit.

Theorie und Praxis im Zusammenspiel

Um handfeste Themen aus dem Alltag der Maschinensicherheit ging es in den vier Praxisforen. Dort erfuhren die Teilnehmer, wie sie im Dschungel der Maschinensicherheitsnormen den Überblick behalten; wie sich die Änderungen der DIN EN 60204-1 in der Praxis auswirken; wie der Stand der ersten Norm für sichere Geber ist; was bei der Validierung von Steuerung wichtig ist; was es bei der sicherheitsgerichteten Auswertung analoger Signale zu beachten gibt; was man beim Erweitern eines Antriebscontrollers um SIL3 beachten sollte; wie man inhärente Sicherheit von Anfang an berücksichtigt; wie eine angemessene optische Werkzeugabsicherung für MRK-Roboter aussehen sollte; oder welche Tücken die Maschinenzulassung in den USA und Kanada birgt.

Dass das Thema Security angesichts der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung von Maschinen immer stärker in die Safety hineinspielt, wurde in den Foren des Anwendertreffs Maschinensicherheit ebenfalls deutlich. So beschrieb ein Referent, was es diesbezüglich beim Umbau von Maschinen und Anlagen zu berücksichtigen gibt; es wurden smarte Safety-Konzepte für den modularen Maschinenbau vorgestellt und Aspekte und Lösungen für Safety und Security beim sicheren Bedienen von Maschinen vorgestellt.

Aufgepasst beim Export in außereuropäische Länder

Allen Maschinenbauern, die ihre Produkte ins außereuropäische Ausland verkaufen, führte Hermann Wegner vom VDMA in seinem Vortrag „Was beim Export in die BRIC-Staaten zu beachten ist“ eindringlich vor Augen, dass das CE-Kennzeichen keinen Freibrief für das außereuropäische Ausland darstellt. Der Fachreferent für technische Regelwerke im außereuropäischen Ausland mit dem Spezialgebiet Maschinen- und elektrische Sicherheit wies auf die nationalen und regionalen technische Regelwerke von Ländern außerhalb der EU hin, die sich zunehmend zu den Zöllen des 21. Jahrhunderts entwickeln würden. Am Beispiel von Brasilien, Russland, Indien und China beschrieb er die wichtigsten Unterschiede zu den in Europa bestehenden Anforderungen und gab Tipps, wie diesen begegnet werden kann.

Seminartipp

Das Seminar „CE-Kennzeichnung praxisgerecht und effizient“ erklärt, welche konkreten Maßnahmen, Aufgaben und Pflichten mit der CE-Kennzeichnung verbunden sind und wer diese erfüllen muss.

Maschinen ohne CE-Kennzeichen

„Gestern in Betrieb genommen, heute schon gebraucht.“ Mit launigen Aussagen wie dieser hielt Dipl.-Ing. Alois Hüning, Leiter Kompetenzzentrum Werkzeugmaschinen/Fertigungssysteme der Berufsgenossenschaft Holz und Metall, in seinem Abschlussvortrag „Betreiberpflichten für Alt- und Gebraucht-Maschinen“ die Zuhörer gewohnt souverän bei der Stange. Sie profitierten zudem von den profunden Tipps und aussagekräftigen Praxisbeispielen, mit denen Hüning den Teilnehmern immer wieder die Stolperfallen vor Augen führte, die es bei Erwerb und Betrieb von Alt- und Gebrauchtmaschinen zu beachten gilt. Zudem beschrieb er den aktuellen Stand bei den Europäische Planungen für sichere Maschinen (REFIT). Der Normen-Spezialist erwartet für Mitte 2021 den Vorschlag der EU-Kommission für eine neue Maschinenverordnung und deren Anwendung für Ende 2023.

Abgerundet wurde die erfolgreiche Veranstaltung von einer begleitenden Fachausstellung, bei der sich die Teilnehmer nicht nur weitere Informationen holen, sondern auch das Gehörte mit Experten im Gespräch vertiefen konnten. Der 8. Anwendertreff Maschinensicherheit findet am 30. September 2020 statt.

Seminartipp

Neue Methoden zur Bewertung von Sicherheitsfunktionen beschreibt die Norm ISO 13849. Das Seminar „Anwendung der Sicherheitsnorm DIN EN ISO 13849 beim Aufbau von Maschinensteuerungen“ zeigt auf, wie diese Norm einzuhalten ist.

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Jan Vollmuth

Jan Vollmuth

, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht