CAD-Software In Glashütte setzen Uhrenmanufakturen auf CAD-Software von Siemens

Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Die Luxusuhren-Manufaktur Grossmann Uhren aus Glashütte setzt bei der Entwicklung ihrer Armbanduhren auf PLM-Software von Siemens Industry. Solid Edge und Insight unterstützen den Aufbau einer neuen Manufaktur, die eine klassische Uhrenmarke wieder aufleben lässt.

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Das Benu-Toubillon-Uhrwerk als CAD-Modell in Solid Edge.
Das Benu-Toubillon-Uhrwerk als CAD-Modell in Solid Edge.
(Bild: Grossmann Uhren)

Nach ihrer Uhrmacherlehrereift in Christine Hutter reifte der Plan für die Gründung einer eigenen Uhrenmanufaktur: „Mein Gedanke war es von Anfang an, hochwertige und innovative Armbanduhren zu bauen, anknüpfend an die Taschenuhren des lange fast vergessenen Uhrmachers Moritz Grossmann, aber mit einem eigenen ‚Gesicht‘ – als Ort dafür konnte ich mir nur Glashütte vorstellen“, so beschreibt Hutter ihr Konzept, mit dem sie letztlich auch Investoren überzeugen konnte.

Erfolgreicher Start

Im November 2008 bezog Christine Hutter bezog, zunächst allein, ein angemietetes Büro in Glashütte als Geschäftsführerin der Grossmann Uhren GmbH. Kurz darauf konnte sie Jens Schneider als Chefkonstrukteur dafür gewinnen, Armbanduhren unter der Marke Moritz Grossmann herzustellen. Die Rechte am Namen Moritz Grossmann hatte sich die Familie Hutter bereits vorher gesichert.

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Investitionen in IT-Systeme und hochpräzise CNC-Dreh-, Fräs-, Drahterodier- und Verzahnungsmaschinen folgten, und bereits im September 2010 präsentierte Hutter mit ihrem noch kleinen Team von qualifizierten Mitarbeitern das erste Uhrenmodell, die Benu. Eine Uhr mit einem neu entwickelten Uhrwerk in Roségold. Die limitierte Auflage von 100 Stück war bereits nach sechs Monaten vorverkauft. So wurden schnell größere Räumlichkeiten und mehr Mitarbeiter nötig. Also wurde am Ufer der Müglitz ein eigenes Firmengebäude errichtet und im Februar 2012 bezogen.

Hightech und präzise Handarbeit

Manufaktur darf sich ein Uhrenbetrieb in Glashütte nennen, wenn mindesten 51 % der Wertschöpfung am Ort erfolgt. Bei Grossmann liegt dieser Wert weit darüber, wobei der größte Arbeitsaufwand für die manuelle Veredelung und Regulierung der einzelnen Uhrenkomponenten anfällt. Manufaktur heißt aber nicht nur Handarbeit: Bei Entwicklung der Uhr und Fertigung der Komponenten lassen sich heutige Qualitäts- und Zeitanforderungen nur mit modernen Hilfsmitteln und Maschinen erreichen.

Deshalb setzte Grossmann von Beginn an auf den Einsatz eines modernen CAD-Systems bei der Uhrenentwicklung. Die Wahl fiel auf Solid Edge von Siemens PLM Software, weil es in der Uhrenindustrie und auch in Glashütte bereits etabliert ist und Schneider damit vorher gute Erfahrungen gesammelt hatte. Ergänzt wurde Solid Edge um Insight, die auf Share-Point von Microsoft basierte integrierte Lösung für die Datenverwaltung. Weiterhin stand mit dem Siemens-Partner Procim aus Zwickau ein regionales und kompetentes Unternehmen für die Implementierung und Beratung beim Einsatz der Software zur Verfügung.

Wie die Komplikation in die Uhr kommt

„Bei der Konstruktion eines neuen Uhrwerks sind zwei Dinge zu berücksichtigen: Welche Funktionen soll die Uhr haben, und wie soll sie aussehen, beispielsweise wie sind die Zeiger der Uhr angeordnet“, so beschreibt Jens Schneider den Beginn der Entwicklung eines neuen Uhrwerks. „Einfach ausgedrückt besteht ein Uhrwerk aus Zahnradgetrieben auf mehreren Ebenen, mit einer Aufzugsfeder als Antrieb und der Hemmung, mit der eine hohe Drehzahl möglichst genau auf niedrigere Drehzahlen der Sekunden-, Minutenund Stundenzeiger reduziert werden soll. Komplexer wird es, wenn weitere Funktionen – Komplikationen genannt – gewünscht sind, wie Sekundenstopp, Gangreserveanzeige oder Tourbillon.“

Bei der Neukonstruktion beginnt Schneider mit Skizzen und Berechnungen von Hand. Mit Solid Edge erstellt er dann mehrere 2D-Zeichnungen der Zahnräder und anderer Komponenten wie Unruh oder Aufzugswerk sowie deren Anordnung auf unterschiedlichen Ebenen im Uhrwerk. Erst dann werden die 2D-Darstellungen in 3D-Modelle überführt.

Solid Edge beschleunigt die Entwicklung

„Mit Solid Edge kann ich im Entwicklungsprozess die vielen Änderungen oder Varianten sehr viel schneller umsetzen, als es früher am Zeichenbrett möglich war. Besondere Vorteile bietet die Möglichkeit, Einzelteile direkt in einer Baugruppe modellieren zu können, sowie die integrierte Datenverwaltung mit Solid Edge Insight. Da wir am Anfang ein auf unsere Bedürfnisse angepasstes Nummernund Klassifizierungssystem aufgebaut haben, sind alle Änderungen jederzeit nachvollziehbar, ebenso erleichtert es die Aus- oder Einblendung bestimmter Baugruppen oder Teilearten bei der 3DDarstellung am Bildschirm. Ohne CAD und moderne CNC-Maschinen wäre das, was wir bisher realisiert haben, heute nicht mehr machbar“, so Schneider.

„Obwohl die Funktion einer komplexen Uhr mit Solid Edge und den modernen Fertigungsmaschinen viel schneller umzusetzen ist als früher, ist dann aber noch viel Zeit und Aufwand erforderlich, um unsere ästhetischen Vorstellungen zu erfüllen“, ergänzt Rainer Kern, Leiter Kommunikation bei Grossmann.

CAD-Software im Einsatz für die Werkzeug-Entwicklung

So werden von einer neuen Uhr mehrere Prototypen gefertigt, um Funktion und Aussehen zu prüfen und bei Bedarf zu ändern. Bevor die Uhr dann in die Kleinserienfertigung geht, werden die dafür nötigen Werkzeuge und Vorrichtungen entwickelt, ebenfalls mit Solid Edge. Denn die sehr kleinen Uhrenteile können sowohl für die mechanische Fertigung als auch für die Finissage nur bedingt mit Standard-Vorrichtungen und auch nicht mit Daumen und Zeigefinger fixiert werden.

Maximal 1000 Uhren im Jahr

Heute beschäftigt die Manufaktur bereits 43 Mitarbeiter. Vom Modell Benu sind weitere Varianten in Weißgold und Platin hinzugekommen. Drei weitere neue Uhrenmodelle, mit jeweils neuen Kalibern und in Varianten, wurden inzwischen entwickelt und dem Markt präsentiert. Das Modell Benu mit einer Gangreserveanzeige, die Atum und als Krönung die Benu Tourbillon. „Ich bin stolz auf das, was wir in kurzer Zeit mit unserem tollen Team erreicht haben, aber es gibt auch noch viel zu tun. Wir wollen regelmäßig neue Modelle und Varianten vorstellen und in kleiner Auflage herstellen. Und wir dürfen unsere potentiellen Kunden nicht zu lange auf die Uhren warten lassen. Dazu müssen wir unsere Fertigung ausbauen. Weiterhin werden wir 2014 den Vertrieb durch neue Konzessionäre auf für exklusive Luxusuhren wichtige Märkte wie Asien und die USA erweitern. Mir schwebt vor, dass wir in einigen Jahren mit 90 oder 100 Mitarbeitern, unser Gebäude ist dafür bereits ausgelegt, maximal 1.000 Uhren pro Jahr bauen“, schließt Hutter. (mz)

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