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Interview Wie Nachhaltigkeit und Kunststoffverarbeitung einhergehen

Igus-Geschäftsführer Frank Blase hat sich dem Thema Nachhaltigkeit angenommen, einige Vorhaben im Unternehmen umgesetzt und in interessante Projekte investiert. Ein Recycling-Programm für Energieketten steht besonders im Fokus. konstruktionspraxis im virtuellen Gespräch mit Frank Blase.

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Im Chainge Recycling Programm werden Energieketten herstellerunabhängig von Igus recycelt.
Im Chainge Recycling Programm werden Energieketten herstellerunabhängig von Igus recycelt.
(Bild: Igus)

konstruktionspraxis: Herr Blase, warum ist Ihnen das Thema Nachhaltigkeit so wichtig?

Frank Blase: Ich muss gestehen, dass ich selbst erst ganz spät dazu komme, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich gehöre zu denen, die die Untergangsprognosen nicht so ernst genommen haben. Nun sehe ich die jungen Leute, die bei Igus arbeiten und meinen eigenen 13-jährigen Sohn. Sie alle beschäftigen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Aber ich möchte konkrete Dinge angehen, messbare Projekte verwirklichen, kein Greenwashing betreiben. Ich spüre, wie die Mitarbeiter daran interessiert sind und mitmachen. Das spornt an.

Frank Blase ist Geschäftsführer der Igus GmbH.
Frank Blase ist Geschäftsführer der Igus GmbH.
(Bild: Igus)

konstruktionspraxis: Welche Rolle spielt das Thema Nachhaltigkeit bei industriellen Kunststoffen?

Blase: Ich halte es auch in diesem Bereich für sehr wichtig. Kunststoffe haben ein schlechtes Image. Als Igus-Mitarbeiter muss man sagen können: „Du denkst jetzt, Kunststoffe sind schlecht, aber bei der Herstellung, dem Einsatz und nach Lebensende tun wir einiges, um den wertvollen Rohstoff zu erhalten und der Erde keinen Schaden zuzufügen.“ Aber wie gesagt, ehrliche Maßnahmen sind mir dabei wichtig. Wir können hier einige konkrete Beispiele aufzeigen, an denen wir zeigen, dass das funktioniert.

Ich glaube, es gibt eine riesige Chance, die Vorteile von Kunststoffen zu nutzen und dabei einen nachhaltigen, geschlossenen Produktkreislauf zu ermöglichen. Wir haben mit dem großen Problem begonnen, das nach dem Gebrauch der Kunststoffe auftritt – wohin damit? Ein erster Schritt ist das Igus-Chainge-Recycling-Programm.

konstruktionspraxis: Wie kam es dazu, dieses Programm zu entwickeln und anzubieten?

Blase: Aus den Überlegungen – was können wir tun, um den Produktkreislauf nachhaltiger zu gestalten – kamen wir zu diesem Gedanken. Die Energieketten sind das voluminöseste Produkt, das wir anbieten. Man erkennt sie bei einem Rückbau oder einer Wartung einer Maschine schnell und man kann sie relativ einfach ausbauen und bei uns einschicken.

Bei einer kleinen Gleitlagerbuchse, die irgendwo in der Maschine verbaut ist, ist das schon schwieriger. Daher haben wir mit den Energieketten begonnen.

konstruktionspraxis: Das Recycling-Programm läuft nun seit Dezember 2019 – wie wird es denn bisher von den Kunden angenommen?

Blase: Etwa 10 Tonnen Kunststoff haben wir bisher recycelt – also grob eine Tonne pro Monat, das ist noch sehr wenig. Aber wir arbeiten aktuell daran, das Thema stärker zu vermarkten.

konstruktionspraxis: Was muss der Kunde denn tun, wenn er eine Energiekette über Ihr Programm recyceln will?

Blase: Der Kunde kann unter recycling.igus.de angeben, dass er eine Energiekette mit einem Gewicht von xy kg recyceln möchte. Wir sehen die Angaben durch und geben dem Kunden Rückmeldung, welchen Gegenwert er in Form eines Igus-Gutscheines er dafür erhält. Ist der Kunde einverstanden, schickt er die Energiekette – bisher noch auf eigene Kosten – an uns und wir erledigen den Rest. Das Material wird von uns nachprüfbar und zertifiziert granuliert.

konstruktionspraxis: Das Recycling findet dann bei Igus direkt statt?

Blase: Ja. Diesen Prozess machen wir ja bereits, seitdem es Igus gibt. Kunststoffabfälle aus der Produktion, Angüsse etc. werden seit jeher in unseren Anlagen zerkleinert und wiederverwendet. Wir haben zum Beispiel eine Anlage in Betrieb, die läuft schon seit 25 Jahren. Die sorgt dafür, dass der beim Regranulieren und Zermahlen anfallende Staub ebenfalls wiederverwendet werden kann. Das ist nicht so einfach, denn Staub kann nicht einfach in die Spritzgussmaschine rückgeführt werden. Das würde die gesamte Maschine verstopfen. Also wird in der Anlage der Staub abgerüttelt, in einen Behälter gesaugt und anschließend neu compoundiert. Daraus entstehen dann wieder hochwertige Rezepturen für unsere Kunststoffe.

Natürlich fallen in der Produktion auch kleinste Granulatkörnchen an, die auf dem Boden landen und schließlich entsorgt werden. Aber auch hierzu läuft derzeit ein Projekt bei uns im Werk mit dem Ziel, kein einziges Krümelchen Kunststoff in der eigenen Fabrik zu verschwenden oder achtlos wegzuwerfen. Dazu gehört, dass Maschinen hermetisch abgedichtet und der gesamte Materialfluss so gestaltet werden, dass kein Granulat entweichen kann.

konstruktionspraxis: Das heißt, bei Igus gibt es keinen Kunststoffabfall?

Blase: Das ist das Ziel. Was heute noch anfällt, ist eine enorme Mengen an Regranulat, die wir noch nicht verarbeiten können, da es keine geeigneten Rezepturen gibt. Diese versuchen wir zu entwickeln, damit wir auch dieses Material weiterverarbeiten können. Das hört sich alles so grün an. Wahr ist aber auch, dass wir Geld verdienen wollen und müssen. Der ökologische Aspekt rückt allerdings zunehmend in den Vordergrund.

konstruktionspraxis: Was meinen Sie mit Rezepturen ?

Blase: Wir haben rund 90 Kunststoff-Werkstoffe bei Igus, die für die Herstellung von Komponenten eingesetzt werden. Für diese 90 Werkstoffe gibt es aber 500 interne Rezepturen aus verschiedenen Granulaten, die wir für die Herstellung verwenden können. Jede Rezeptur wird tribologisch geprüft und freigegeben, sodass wir sicher sagen können, dass der Werkstoff gleichbleibende Eigenschaften aufweist.

Ergänzendes zum Thema
Igus investiert in Chemical-Recycling-Pionier

Ein Vortrag zum Thema Kunststoffe und Nachhaltigkeit, den Frank Blase auf einer Fachpressetagung von Igus hielt, brachte ihn auf die Catalytic-Hydrothermal-Reactor-Technologie (Cat-HTR). Er hatte während der Recherche davon gelesen und war begeistert von der Idee, aus Kunststoff wieder Öl herzustellen und zwar in einem umweltschonenden Prozess.

Als er später noch einmal über das Projekt in der FAZ las, schrieb er spontan den deutschen Erfinder der Catalytic-Hydrothermal-Reactor-Technologie – Professor Thomas Maschmeyer – in Sydney an. Dieser war an Investoren interessiert und so kamen Gespräche zustande. „Wir haben einen befreundeten Geschäftsmann, der in Australien vor Ort ist, zur Pilotanlage geschickt, um diese in Augenschein zu nehmen. Auch mit dem Umweltministerium haben wir telefoniert, da Mitarbeiter vor Ort waren. Letztendlich investieren wir nun 4,7 Millionen Euro in Mura Technology Limited und damit auch in den Bau der ersten Cat-HTR-Anlage. Ob es der richtige Schritt ist, wissen wir noch nicht“, erzählt Frank Blase.

Erste Testanlage soll in England entstehen

Nun soll gemeinsam mit der britischen Firma eine Testanlage in England gebaut werden. Ob es dazu kommt, entscheidet sich diesen Herbst. In der Anlage sollen dann 20.000 t Plastikmüll pro Jahr verarbeitet werden. Derzeit werden Lieferanten für den Kunststoffabfall und Abnehmer für den entstandenen Rohstoff gesucht. Gespräche dazu laufen. „Bei einem solchen Projekt mitzuwirken ist toll, auch wenn ich bezweifle, dass wir damit jemals Geld verdienen werden“, sagt Blase. Die Vision einer nachhaltigen, innovativen Plastikverwertung ist Grund genug für Igus-Geschäftsführer Blase, an das Projekt zu glauben.

konstruktionspraxis: Sehen Ihre Kunden, ob Produkte aus neuen oder recycelten Werkstoffen hergestellt wurden?

Blase: Nein, bisher nicht. Wir stellen Standardprodukte her und müssen daher sicherstellen, dass jedes Produkt – egal aus welchem Rohmaterial es besteht – qualitativ gleichbleibend seine Aufgabe erfüllt. Derzeit gibt es allerdings konkrete Überlegungen, ob man den Kunden zukünftig Produkte aus 100 % recycelten Materialien anbieten soll.

konstruktionspraxis: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit eine Energiekette in Ihrem Programm recycelt werden kann?

Blase: Da gibt es keine speziellen Vorgaben. Wir nehmen jede Kette zurück – auch von unseren Wettbewerbern. Wir wissen aus unseren Versuchen, woraus deren Ketten bestehen. Daher können wir auch aus diesen Ketten einwandfreies Rezyklat machen. Selbst verwenden wir diese Materialien dann nicht, aber wir können das Regranulat dann für den B- und C-Markt anbieten. Leider muss man sagen, dass Neuware derzeit aufgrund des niedrigen Ölpreises und des Bedarfs kaum teurer ist – aber das wird sich ändern.

konstruktionspraxis: Wie viel Material einer Kette kann denn als Rohmaterial am Ende wiederverwertet werden?

Blase: Ich würde sagen nahezu 100 %. Durch das Granulieren und die Extraktion des Staubes geht praktisch kein Material verloren.

konstruktionspraxis: Vielen Dank für das Gespräch Herr Blase.

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein

Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein

Redakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht