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Maschinenrichtlinie Was Maschinenbetreiber bei der Verkettung von Maschinen beachten müssen

| Autor/ Redakteur: Olaf Ruth, Karin Stein* / Jan Vollmuth

Die international gültige Maschinenrichtlinie (MLR) muss bei neuen oder neu in Verkehr gebrachten Maschinen eingehalten werden – auch bei der Verkettung von Einzelmaschinen?

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Der Karosseriebau der Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel für die Gesamtheit von Maschinen.
Der Karosseriebau der Automobilindustrie ist ein gutes Beispiel für die Gesamtheit von Maschinen.
(Bild: Phoenix Contact)

Werden einzelne Maschinen, die bereits in Verkehr gebracht worden sind, vom Betreiber miteinander verkettet, kann es sich im Sinne der Maschinenrichtlinie (MRL) um eine Gesamtheit von Maschinen handeln. In diesem Fall ist die Verkettung mit dem erstmaligen Inverkehrbringen einer neuen Maschine gleichzusetzen. Der Betreiber wird folglich mit allen Konsequenzen zum Hersteller. Das schließt eine erneute Risikobeurteilung, technische Dokumentation sowie das Konformitäts-Bewertungsverfahren und die CE-Kennzeichnung für die Gesamtheit der Maschinen ein. Sofern durch die Verkettung keine Gesamtheit von Maschinen entsteht, muss der Betreiber ausschließlich die Pflichten erfüllen, die aus dem Betrieb der verketteten Einzelmaschinen resultieren.

Vielfältige Gesamtheit

Eine Gesamtheit von Maschinen ist gemäß Interpretationspapier BMAS „Gesamtheit von Maschinen“ GMBI. Nr. 12 05/2011 immer dann gegeben, wenn die verschiedenen Einzelmaschinen produktions- und sicherheitstechnisch zusammenwirken. Die Gesamtheit kann sich aus ganz unterschiedlichen (Misch-)Konfigurationen zusammensetzen. Dazu gehören beispielsweise Maschinen mit CE-Kennzeichen, die ab dem 01.01.1995 in Verkehr gebracht worden sind, sowie Maschinen ohne CE-Kennzeichen, die vor diesem Stichtag in Umlauf gesetzt wurden. Darüber hinaus können auch unvollständige Maschinen sowie auswechselbare Ausrüstungen ein Bestandteil der Verkettung sein.

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Für sämtliche Bestandteile liegen verschiedene Anforderungen an die jeweilige Dokumentation und Kennzeichnung vor. Die Verkettung erfordert hier das Vorhandensein grundlegend aller betreiberrelevanten Dokumente. Selbst Komponenten, die kein CE-Kennzeichen aufweisen, sind hinsichtlich einer Gesamtheit von Maschinen in der Konformitäts-Bewertung zu berücksichtigen. Bei der Verkettung müssen auch die Schnittstellen zu anderen Maschinen und Maschinenteilen in der Risikobeurteilung der Gesamtheit der Maschinen betrachtet werden. Gleiches gilt für Risikoüberträge von der Maschine sowie in die Maschine. Wenn die Herstellerpflichten erfüllt sind, ist eine Gefährdungs-Beurteilung aus Betreibersicht durchzuführen.

Wann aus Verkettung Gesamtheit wird

Verkettete Maschinen müssen unter eindeutig beschriebenen Bedingungen als Gesamtheit von Maschinen eingestuft werden. Das Interpretationspapier des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) (Bekanntmachung des BMAS vom 05.05.2011) stellt dazu einen Leitfaden zur Verfügung. Der Leitfaden erläutert eine Methode sowie Kriterien, mit denen verkettete Maschinen als Gesamtheit von Maschinen eingeordnet werden oder nicht. Es wird stets von einer Gesamtheit von Maschinen ausgegangen, sofern produktions- und sicherheitstechnische Zusammenhänge bestehen. Produktionstechnische Zusammenhänge liegen vor, wenn die verketteten respektive unvollständigen Maschinen als Gesamtheit in einer geschlossenen Einheit angeordnet sind. Sie haben also eine zusammenhängende Aufstellung. Außerdem wirken die Maschinen bei der Herstellung eines bestimmten Produkts als Gesamtheit und werden als solche betätigt. Die Betätigung erfolgt über eine gemeinsame übergeordnete Steuerung oder gemeinsame Befehlseinrichtungen.

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Die verketteten oder unvollständigen Maschinen arbeiten sicherheitstechnisch als Gesamtheit zusammen, falls sie so miteinander verkettet sind, dass ein Ereignis, das bei einem Bestandteil der verketteten Maschinen auftritt, zu einer Gefährdung bei einem anderen Bestandteil führt. Im Ergebnis müssen dann für die „Gesamtheit von Maschinen“ sicherheitstechnische Maßnahmen ergriffen werden, um im Gefährdungsfall sämtliche Bestandteile in einen gefahrlosen Zustand zu überführen. Teilmengen einer verketteten Maschine können ebenfalls eine Gesamtheit von Maschinen bilden. In diesem Fall müssen die Teilmengen betrachtet werden. Ein Betreiber wird auch dann zum Hersteller, sofern er Veränderungen an der Steuerung vornimmt, die Einfluss auf die Funktionen der Maschine haben. Werden Einzelmaschinen ausschließlich durch einen gemeinsamen Not-Halt verbunden, ergibt sich dadurch keine Gesamtheit von Maschinen.

Vom Betreiber zum Hersteller

Hat die Verkettung von Maschinen zur Folge, dass der Maschinenbetreiber zum -hersteller wird, muss er zur Erfüllung der MRL alle Schritte des Konformitäts-Bewertungsverfahrens durchlaufen. Im ersten Schritt sind die Schnittstellen der Einzelmaschinen einer Risikobeurteilung zu unterziehen. Auf Basis der Ergebnisse hat der Maschinenbetreiber die risikomindernden Maßnahmen zu planen, zu dokumentieren, umzusetzen und zu prüfen. Danach muss er die technische Dokumentation einschließlich der Betriebsanleitung gemäß Anhang VII der Maschinenrichtlinie 2006/42/EG erstellen. Resultieren aus der Verkettung Hinweise auf Restrisiken, sind diese in die Betriebsanleitung der Gesamtheit der Maschinen aufzunehmen. Anschließend hat der Betreiber ein Konformitätsverfahren aus Artikel 12 der MRL durchzuführen.

Wenn die Konformität im entsprechenden Bewertungsverfahren festgestellt worden ist, kann der Maschinenbetreiber die Konformitätserklärung ausstellen und das CE-Kennzeichen auf die durch die Verkettung entstandene gesamte Maschine aufbringen. Abschließend muss er aus Sicht des Arbeitsschutzes eine Gefährdungs-Beurteilung vornehmen. Für die Sicherheit des Bedienpersonals sind gefährdungsmindernde Maßnahmen auszuarbeiten und schriftlich nachzuweisen. Die in der Gefährdungs-Beurteilung geplanten Maßnahmen müssen schließlich realisiert und auf ihre Wirksamkeit kontrolliert werden.

Jede Maschine einzeln betrachten

In der Praxis erweist es sich als einfacher, wenn der Maschinenbetreiber bei Verkettungen eine Gesamtheit von Maschinen vermeidet. Während der Planungsphase lässt es sich normalerweise problemlos regeln, dass Einzelmaschinen mit einer eigenen Steuerung sowie separaten Befehlseinrichtungen und Sensoren ausgestattet werden. Auf diese Weise kann der Betreiber jede Maschine einzeln betrachten. Der produktionstechnische Zusammenhang zwischen den verschiedenen Maschinen wird umgangen, da es keine gemeinsame Steuerung oder Befehlseinrichtungen gibt.

Als Dokumentation benötigt der Betreiber in diesem Fall die Konformitäts-Erklärungen und Betriebsanleitungen der Einzelmaschinen der unterschiedlichen Hersteller sowie die Konformitäts-Erklärungen von zusätzlich angebrachten Sicherheits-Bauteilen. Er muss darauf achten, dass Einzelmaschinen ab dem 01.01.1995 mit einem CE-Kennzeichen versehen sind und ein Typenschild haben. In seiner Verantwortung als Arbeitgeber hat der Betreiber gemäß Arbeitsschutzgesetz eine Gefährdungs-Beurteilung für die verketteten Maschinen zu erstellen. Dazu gehört, dass er im Rahmen der Risikobeurteilung die Schnittstellen prüft und eine Analyse durchführt sowie aus den Ergebnissen entsprechende Maßnahmen ableitet. (jv)

* Olaf Ruth, Karin Stein, Mitarbeiter im Competence Center Safety, Phoenix Contact Electronics GmbH, Bad Pyrmont

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