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Konstruktion So bleibt der Dialog auch in Krisen-Zeiten konstruktiv

| Autor: Ute Drescher

Von heute auf morgen hat der Lockdown den persönlichen Austausch verhindert. Doch die Industrie hat sich einiges einfallen lassen, damit Zulieferer und Dienstleister auch in Corona-Zeiten mit Konstruktion und Entwicklung im Dialog bleiben.

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Virtuelle Hausmessen, Testzyklen auf virtuellen Prüfständen und Oberflächenbehandlungen „live“ im Videostream – so arbeitet die Industrie im Sommer 2020.
Virtuelle Hausmessen, Testzyklen auf virtuellen Prüfständen und Oberflächenbehandlungen „live“ im Videostream – so arbeitet die Industrie im Sommer 2020.
(Bild: ©Mlke - stock.adobe.com)

Plötzlich ging alles ganz schnell. Wochenlang hatten Ungewissheit und Unsicherheit die allgemeine Lage beherrscht. Würde ein Lockdown notwendig werden, um die Menschen in Deutschland vor dem Coronavirus zu schützen? Die Bundesregierung entschied: Es war notwendig. Mitte März wurden in nahezu allen Bundesländern die Schulen und Kitas geschlossen, wenige Tage später die Grenzen sowie die Geschäfte. Viele Industrieunternehmen reagierten und schickten einen Großteil ihrer Mitarbeiter ins Homeoffice – auch die Kollegen aus Konstruktion und Entwicklung. Das stellte zunächst vor allem die IT-Abteilungen vor große Herausforderungen: Es galt, so schnell wie möglich die bestehenden Systeme für das verteilte Arbeiten von unterschiedlichen Orten fit zu machen.

Auch für den Vertrieb in Unternehmen bedeuteten die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus weitreichende Veränderungen: Filialen und Geschäftsstellen mussten geschlossen werden. Und: Auch Messen und andere Präsenzveranstaltungen wurden abgesagt – der direkte und persönliche Kontakt zum Kunden ist bis heute kaum möglich. Wie schaffen Unternehmen es unter diesen Bedingungen, ihre Kunden in gewohnter Qualität zu beraten?

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Mit dem Kunden in Kontakt bleiben

Matthias Stauch, Experte für den digitalen Vertrieb, hat dazu genaue Vorstellungen: „Wichtig ist, mit dem Kunden in Kontakt zu bleiben, virtuelle Gespräche zu führen und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen“, rät der Vorstand der Intervista AG, einem Anbieter für digitale Vertriebslösungen. Auch wenn die Gespräche nicht mehr von Angesicht zu Angesicht geführt werden können – sie bleiben auch im virtuellen Raum das wichtigste Instrument für eine vertrauensvolle und wertschöpfende Zusammenarbeit. Spezielle digitale Vertriebslösungen sorgen dafür, dass Vertriebler auch von zu Hause aus auf alle wichtigen Informationen zugreifen und so Gespräche individuell vorbereiten können.

Viele Zulieferer haben inzwischen Wege gefunden, auch mit den Konstruktions- und Entwicklungsabteilungen ihrer Kunden in Kontakt zu bleiben. Die Lösungen sind vielfältig.

Persönliche Beratung im Live-Chat

Zu den Lösungen, die am naheliegendsten und einfachsten umzusetzen sind, gehört das Einrichten einer telefonischen Hotline, wie es etwa das SKZ getan hat. Zwischen 8:00 h und 18:00 h beantworten SKZ-Experten seit Anfang Mai Fragen rund um die Kunststoffprodukteprüfung. Auch Kupplungsspezialist R+W bietet Beratungstermine per Telefon oder per Live-Stream, die Nutzer unkompliziert auf der Webseite des Unternehmens vereinbaren können.

Auch viele andere Unternehmen nutzen den Live-Chat. Schmersal, Anbieter von Sicherheits- und Automatisierungsprodukten, berät Kunden beim Stöbern in seinem neuen Online-Produktkatalog. Seit Ende April können Nutzer mit Fachkräften des Kundenservice Technik in Echtzeit-Kontakt treten und sich individuell beraten lassen. Wer die Website besucht, kann den Live-Chat an der seitlichen Toolbar öffnen und mit einem Vertriebsmitarbeiter des Unternehmens in Verbindung treten. Für die Nutzer ist das ein schneller Weg, Fragen zum Produkt, der fachgerechten Anwendung oder der logistischen Abwicklung zu klären. Der Live-Chat ist für deutschsprachige Anwender zu den üblichen Geschäftszeiten von 8:00 h bis 16:00 h verfügbar.

Produktneuheiten online präsentieren

Für andere Unternehmen sind virtuelle Messestände das Mittel der Wahl, um Produktneuheiten trotz abgesagter Messen zu präsentieren. „Eigentlich kam die Logimat 2020 aus unserer Sicht genau zum richtigen Zeitpunkt“, erklärt René Scherer, Leitung Marketing bei der Steute Technologies GmbH & Co. KG, einem Spezialist für die Entwicklung und Fertigung von Schaltgeräten. Die neueste Entwicklung des „Nexy“-Funknetzwerks für die Intralogistik stand kurz vor dem Start, als die Intralogistik-Messe abgesagt wurde. Die Absage führte schnell zu einem „Plan B“: „Wir haben die vorhandenen Renderings des Messestands als Grundlage genutzt, um einen virtuellen Messestand auf der 'Nexy'-Website zu veröffentlichen“, erzählt Scherer. Jede einzelne Station des Messestands wird in einem kurzen Animations-Video mit typischen Applikationen vorgestellt. Diese Animationen nutzen die Key-Account-Manager auch dazu, Interessenten und potenziellen Kunden per Videokonferenz das Funknetzwerk zu erläutern.

Realer Stand, virtueller Besuch

Während Steute den digitalen Zwilling des geplanten Messestands für die virtuelle Produktpräsentation nutzt, haben andere Unternehmen ihre Messestände real aufgebaut und ins Netz gestellt – und nutzen sie ähnlich wie Möbelhäuser, Museen oder die Immobilienbranche für virtuelle Messerundgänge. So zum Beispiel die Igus GmbH aus Köln. Ihr rund 400 Quadratmeter großer Stand informiert multimedial zum Thema „Cost down, Life up. It’s our job.“ Auch persönliche Führungen, Einzel- und Gruppengespräche können dort vereinbart werden. „Als eine Messe nach der anderen abgesagt wurde, war uns schnell klar: Dann machen wir unsere eigene Messe und teilen sie von Köln aus mit der Welt“, erklärt Geschäftsführer Frank Blase. An den einzelnen Stationen können die Besucher über Displays, Filme oder Text in die Welt der Motion Plastics eintauchen. Verlinkungen führen zu weitergehenden technischen Informationen und Videos auf der Webseite.

Die virtuelle Messe ist nur ein Teil des digitalen Beratungsangebots von Igus. Wer sich individuell und ausführlicher informieren möchte, kann einen Termin vereinbaren und gemeinsam mit einem Kundenberater im Internet die Stationen auf dem virtuellen Messestand begehen. Darüber hinaus ist ein persönliches Gespräch von zu Hause aus mit einem Produkt- oder Branchenexperten von Igus auf dem Messestand möglich. Dabei führt der Experte via Tablet über den Messestand, kann direkt auf die ausgestellten Produkte zugreifen und ihren Einsatz an den Messemaschinen demonstrieren. Der Stand bildet darüber hinaus die Basis für eine Reihe an Tutorials und Webinaren.

Diesen Weg geht auch der Anbieter für Linear-, Verbindungs- und Profilmontage-Technik RK Rose + Krieger. Frei nach dem Motto „kommt der Kunden nicht auf die Messe, kommt die Messe zum Kunden“ realisierte RK Rose+Krieger einen virtuellen Messerundgang durch seine Exponate. Besucher können seit Juni virtuell in diese Räume eintreten, sich mit einem 360°-Schwenk einen Überblick verschaffen und auch nah an die einzelnen Exponate herantreten. Durch einen weiteren Klick auf markierte Infopunkte öffnen sich Textfenster mit ersten Informationen und weiterführenden Links zu Katalogseiten und Videoeinspielern. Für die Nutzung via PC oder mobilem Endgerät ist lediglich ein Internetzugang erforderlich – eine gesonderte App wird nicht benötigt.

Auf virtuellem Prüfstand testen

Doch Information und Beratung reichen nicht unbedingt aus, um Konstruktion und Entwicklung voranzubringen. Viel wertvolle Zeit kann verloren gehen, wenn Versuche über das Verhalten neuer Prototypen in der Praxis warten müssen. Das Ingenieurbüro Merkle & Partner GbR bietet daher virtuelle Prüfstände an: „Komplette Testzyklen auf dem Prüfstand lassen sich in der Zwischenzeit als Simulationsmodell auch virtuell sehr genau abbilden“, erklärt Inhaber Stefan Merkle. Dabei sind es vor allem auch komplexe Zusammenhänge, die nahtlos vereint und kombiniert werden können, wie zum Beispiel Strömung und Struktur oder Temperatur und Mechanik. Ein Beispiel ist die Simulation der Schmierung und der Wärmeabfuhr durch Öl in einem Getriebe unter verschiedenen Fahrbedingungen. „Die Simulationen bieten Einblicke in Details, die unter realen Tests kaum einsehbar sind. Darüber hinaus erhalten die Konstrukteure einen enormen Zeitvorsprung“, betont Merkle.

Auch die Präsentation neuer Fertigungsverfahren gestaltet sich unter den vorherrschenden Bedingungen schwierig, wie auch die Rio GmbH erleben musste. Bis Mitte März war das Vertriebsteam bundesweit unterwegs, um das neu entwickelte Verfahren zur Korrosionsschutzbehandlung vorzustellen, das platzsparender, umweltfreundlicher und kosteneffizienter ist als bisher eingesetzten Verfahren. Geschäftsführer Oliver Schönberg: „Mit dem Lockdown mussten wir plötzlich Wege finden, um die Interessenten trotz Reisebeschränkungen und unter Wahrung der gebotenen sozialen Distanz zu erreichen.“

Oberflächen „live“ behandeln

Die Lösung: „Wer das Verfahren erproben möchte, sendet uns ein Musterteil mit den Spezifikationen. Wir behandeln das Teil hier in unserem Technikum und der Kunden kann dabei 'live' zuschauen. Im Anschluss diskutieren wir per Videokonferenz die Ergebnisse. Natürlich können auch weitere Tests wie Salzsprühprüfungen folgen.“ Das heißt: Der potenzielle Anwender kann sich ein genaues Bild vom Betenio-Verfahren machen und sein eigenes, korrosionschutzbehandeltes Bauteil in Augenschein nehmen, ohne dass es zu persönlichem Kontakt kommt. Reisen muss nur das Bauteil.

Oliver Schönberg kann dieser Art von Kundenkontakt durchaus Vorteile abgewinnen. Häufig seien er und seine Mitarbeiter sechs oder acht Stunden unterwegs gewesen, um das Verfahren in einem einstündigen Gespräch zu erläutern: „Das nimmt einen kompletten Arbeitstag in Anspruch.“ Unabhängig davon, ob das Gespräch zu einer Zusammenarbeit führt oder nicht, „wirklich effizient ist diese Art der Kontaktanbahnung nicht unbedingt“, stellt Schönberg fest. „Daher ist es gut, dass wir eine Alternative anbieten können.“

Die Industrie hat kreative Wege gefunden, um im konstruktiven Austausch mit Konstrukteuren und Entwicklern zu bleiben. Einige werden die Corona-Krise überdauern. Dennoch: Auf ein persönliches Gespräch von Angesicht zu Angesicht werden sich viele freuen.

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Über den Autor

 Ute Drescher

Ute Drescher

Chefredakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht