Deutscher Mobilitätspreis 2021 Mobilitätspreis: Von digitaler S-Bahn und autonomen Fliegen

Redakteur: Katharina Juschkat

Die Gewinner des deutschen Mobilitätspreises 2021 stehen fest: Insgesamt 14 Ideen und Projekte werden geehrt, darunter On-Demand-Services und digitale Patientennavigation. Wir stellen die Gewinner vor.

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Ganz nach dem Motto „Daten machen mobil“ drehen sich die Auszeichnungen dieses Jahr um datengestützte Anwendungen.
Ganz nach dem Motto „Daten machen mobil“ drehen sich die Auszeichnungen dieses Jahr um datengestützte Anwendungen.
(Bild: Land der Ideen Management GmbH)

Von Software für unbemanntes Fliegen bis hin zu einer Indoor-Navigation im Krankenhaus – die Gewinner des Deutscher Mobilitätspreis stehen fest: Aus 314 Einreichungen hat die Jury die Gewinner ermittelt. Das Motto des Wettbewerbs: „Intelligent unterwegs. Daten machen mobil.“ Unter allen Einreichungen hat die unabhängige Jury aus den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik die zehn besten Projekte und die drei besten Ideen ausgewählt.

Die Kriterien für den Wettbewerb waren:

  • Intelligente Mobilität: Das eingereichte Projekt erkennt gegenwärtige oder künftige Herausforderungen im Mobilitätsbereich und nutzt gezielt digitale Möglichkeiten, um neue Lösungen zu entwickeln.
  • Realisierungsgrad und Umsetzungsstärke: Das Projekt wird bereits umgesetzt und hat Vorbildcharakter. Es bietet die Möglichkeit der Übertragbarkeit bzw. Skalierbarkeit und sorgt so für gesamtgesellschaftlichen Nutzen.
  • Bezug zum Schwerpunktthema Daten: Das Projekt nutzt das Potenzial von Daten, um dadurch einen Mehrwert für Mobilitätsangebote im Güter- und/oder Personenverkehr zu erzeugen.

Das sind die zehn Best-Practice-Gewinner

AAI Intelligent Traffic: Mit der Software von AAI können Entwicklungsabteilungen von Herstellern und Zulieferern der Autobranche die Systeme zum automatisierten Fahren unter Realbedingungen am Rechner testen. AAI Intelligent Traffic ist eine Simulationssoftware für das Testen von Fahrzeugfunktionen und -sensorik. Jeder virtuelle Verkehrsteilnehmer um das Testfahrzeug herum agiert individuell – mit seinem eigenen Fahrstil und mit seinen eigenen situativen Fahrmanövern. Dadurch wird in der Simulation ein naturgetreues Verkehrsgeschehen abgebildet, wie es auf realen Straßen zu finden ist. Der Vorteil dieser Lösung: Ein Fahrzeug und Testfahrer werden nicht benötigt. So können Tests in der Simulation bereits in frühen Entwicklungsphasen Aufschlüsse über Fehler im „System under Test“ geben.

On-Demand-Services für die erste und letzte Meile: Cabdo kombiniert den kommerziellen Betrieb von digital vermittelten Fahrten sowie First- und Last-Mile-Zustellbetrieben. Das Portfolio umfasst 24/7-betriebene On-Demand-Fahrtdienstleistungen und weitere Anwendungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel ÖPNV, Lieferung von Gerichten und Lebensmitteleinkäufe.

Caruso Dataplace: Neutraler, offener und sicherer Marktplatz für Automobildaten über unterschiedliche Fahrzeughersteller hinweg. Die Daten werden herstellerunabhängig über eine standardisierte Schnittstelle bereitgestellt. Der Hintergrund: Jede Automarke liefert Daten unter unterschiedlichen Bedingungen. Caruso ermöglicht Drittanbietern, diese Daten durch Standardisierung, das integrierte Berechtigungsmanagement und ihre Expertise zu nutzen. Diese Daten werden beispielsweise verwendet, um Flottenbetreibern ihre Arbeit zu erleichtern.

Der digitale Container auf der Schiene: Um mehr Güter auf der Schiene zu transportieren, hat Protostellar eine neue Lösung entwickelt: Durch Digitalisierung wird der Zugang zu Containern erleichtert und die Infrastruktur besser genutzt. Dazu werden Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengeführt, zum Beispiel von Eisenbahnverkehrsunternehmen oder Häfen. Die Daten werden so kombiniert, dass Kunden eine gute Transparenz erhalten und dadurch manuelle Tätigkeiten reduzieren. Das Basismodell ist kostenlos. Wahlweise können Premiumfeatures dazu gebucht werden.

Digitale Patientennavigation: Während der Corona-Pandemie sollen Patienten so wenig Kontakt wie möglich zu anderen Patienten, Mitarbeitern oder Objekten wie Türgriffen haben. Um dieser Situation adäquat zu begegnen, hat die Universitätsmedizin Greifswald eine digitale Patientenorientierung mit Live-Indoor-Navigation entwickelt. Im ersten Schritt wird die analoge Wegeleitung digitalisiert. Ziel ist die Reduktion von Kontakten und eine eigenständige Navigation jedes Einzelnen. Die angestrebte Lösung nutzt die bestehende Infrastruktur. Im zweiten Schritt werden vorhandene Handhygiene-Spender mit Sensoren ausgestattet. Deren Signal kann sowohl für das Monitoring der Handhygiene am Spender als auch zur Optimierung der Live-Navigation genutzt werden. Im dritten Schritt kann das zuvor entwickelte digitale Ökosystem genutzt werden, um weitere Tracking- Anwendungsfälle abzubilden, wie das Verfolgen von Geräten, Personen und Orten.

Digitale S-Bahn Hamburg: Bis Ende 2021 rüsten Siemens Mobility und Deutsche Bahn vier Fahrzeuge für die Strecke der Hamburger S-Bahn S21 erstmalig in Deutschland für den automatisierten Bahnbetrieb aus. Kern des Projektes ist die Vernetzung des streckenseitigen Verkehrsmanagementsystems – dem infrastrukturseitigen europäischen Standard für die Zugbeeinflussung ETCS – mit dem fahrzeugseitigen Automatisierungssystem Automatic Train Operation (ATO). Erstmals wird hier „ATO over ETCS“ in Deutschland realisiert. Das elektronische Stellwerk Bergedorf und die Gleisinfrastruktur werden zwischen Berliner Tor und Aumühle dafür aufgerüstet. Vier Fahrzeuge der S-Bahn Hamburg werden mit digitaler Technik ausgestattet.

Effiziente und stadtverträgliche LKW-Navigation für NRW: Lkw, die für sie ungeeignete Straßen wählen, sind ein immer größer werdendes Problem für Städte und Gemeinden. Mit der webbasierten Software Sevas soll hier Abhilfe geschaffen werden. Sie sammelt Daten zu verkehrsrelevanten Lkw-Restriktionen, wie Durchfahrtsverbote oder Begrenzungen in Höhe, Breite und Länge, und stellt diese digitalisiert Providern für Navigationsdienste zur Verfügung. Kommunen können außerdem ein Lkw-Vorrangroutennetz festlegen. Zur Unterstützung der Datenerfassung dient dafür eine eigens entwickelte App, die auf einer KI-unterstützten und automatisierten Verkehrszeichenerkennung aufbaut.

Datenanalyseplattform für Mobilitätsunternehmen und Stadtverwaltung: Die MIA Mobility Engine bietet auf Basis der von Städten oder Unternehmen übertragenen Echtzeitdaten Analysemodule für Bewegungsdaten an, die Aufschlüsse zur Mobilität bieten. Daraus lassen sich gezielte Maßnahmen für eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung ableiten. Dabei bietet die MIA Mobility Engine verschiedene Analysemodule an. Mit dem Modul Fahrtauswertung haben Kommunen die Möglichkeit, Erkenntnisse über das Fahrtverhalten der Bürger zu erhalten und die Effekte von Verkehrsmaßnahmen, wie zum Beispiel Pop-up-Radwegen, zu verifizieren.

Digitale Transformation der Waggonvermietung: Mit „Traigo“ bringt VTG als größter privater Güterwagenvermieter Europas die Digitalisierung auf die Schiene. Gemeinsam mit den Kunden hat Traigo Konzepte für neue Produkte und Services entwickelt. Dabei wurden Leistungen integriert, die Kunden bisher aus dem privaten Bereich kennen: online einen Wagen mieten, einen Vertrag verlängern, den Zustand des Wagens einsehen oder einen Schaden melden. Neben diesen Services entwickelt Traigo derzeit ein digitales Prognosesystem zu Ausfallzeiten von Bremssohlen von Güterwagen. Über an Schienen installierte Messstationen werden mittels Hochleistungskameras Bilder der Wagen gemacht und mithilfe von Machine-Learning-Algorithmen die verbleibende Dicke der Bremssohlen berechnet.

Automating Unmanned Aviation: Unisphere ermöglicht die Automatisierung von Drohnen- und Lufttaxiflügen. Dazu wurde von dem Start-up aus Konstanz eine Softwarelösung entwickelt, mit deren Hilfe Drohnenflüge vorab simuliert und auf deren Machbarkeit überprüft werden. Die Simulation bildet einen digitalen Zwilling eines jeden einzelnen Fluges ab. Dieser beinhaltet alle notwendigen Daten, um eine zuverlässige Entscheidung für den sicheren und effizienten Betrieb zu gewährleisten. Mögliche Kunden für Unisphere sind alle Organisationen, die Drohnen im Regelbetrieb einsetzen wollen. Ziel ist es, diesen Kunden relevantes Piloten-Knowhow mittels Software zur Verfügung zu stellen und sicherheitsrelevantes Wissen dadurch einer breiten Basis zugänglich zu machen. Durch das digitale Abbilden aller relevanten Aktivitäten, die für den Betrieb eines unbemannten Fluggerätes notwendig sind, kann der Einsatz von Drohnen und Lufttaxis deutlich sicherer und effizienter gemacht werden.

Das sind die drei Gewinner des Ideenwettbewerbs

Aus 51 Einreichungen wählte die Jury die drei besten Ideen aus. Dabei vergab die Jury in diesem Jahr neben dem ersten Preis zweimal einen zweiten Preis.

Erster Preis: Marktkulturbus. Die Dorfmitte wiederzubeleben und Menschen auf dem Land aktiv in die Gestaltung einzubeziehen – das ist das Ziel des Marktkulturbus. Kommunen und deren Bürger können sich ein Angebot nach ihren Bedürfnissen digital mit ausreichend Vorlauf über eine Plattform des Marktkulturbus zusammenstellen. Dabei können auch eigene Anbieter der Region mobilisiert und integriert werden. Ein ikonischer Bus oder eine Kolonne von mehreren Bussen kommt dann für ein Wochenende in die Kommune und funktioniert dort als Pop-up-Markt, der viele aktuelle Bedarfe der Gemeinde erfüllt. So ermöglicht der Marktkulturbus beispielsweise den Verkauf regionaler Produkte, fungiert als Bühne für mehr Bürgerdialog und als „rollende Arztpraxis“.

Zweiter Preis: Datenbasierte multimodale Logistik. Über eine digitale Plattform können Akteure des Güterverkehrs verkehrsträgerunabhängige multimodale Routen planen und buchen. Die geplante digitale Plattform Multi Mobility Goods (MMG) verknüpft alle Akteure der Güterwirtschaft, um einen reibungslosen Prozess und optimale Abläufe zu gewährleisten. Zunächst müssen sich alle Verkehrsträger auf der Plattform registrieren, um deren Verfügbarkeit transparent zu machen. Gleichzeitig sind alle Transportwege in der Plattform hinterlegt, um auf diese Weise den beteiligten Unternehmen einen Überblick über verfügbare Routen zu bieten.

Zweiter Preis: Digitaler Kalender für intelligente Mobilität. Im digitalen Kalender sollen für sämtliche Termine außerhalb des „Zuhauses“ intelligente, multimodale Verbindungen angezeigt und buchbar gemacht werden. Auf diese Weise könnte der Kalender sämtliche geplante Reisebewegungen aller Nutzer anzeigen und so Verkehrsströme und Auslastungen besser steuern.

Sonderpreis für Schienenjobs.de

Der Sonderpreis wurde dieses Jahr für Schienenjobs.de vergeben, einem gemeinsamen Projekt von Allianz pro Schiene e.V. und der Index Internet und Mediaforschung GmbH. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass durch die unternehmensübergreifende Plattform das Angebot an Jobs im Bahnsektor transparent gemacht wird und so einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Schiene leistet.

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