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Corona-Krise Globale Wertschöpfungskette: Fluch oder Segen?

| Redakteur: Juliana Pfeiffer

Wie abhängig ist Deutschlands Wirtschaft von internationalen Güterströmen? Prof. Dr. Monika Wohlmann und Prof. Dr. Luca Rebeggiani von der FOM Hochschule haben es analysiert.

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Überblick über globale Wertschöpfungsketten
Überblick über globale Wertschöpfungsketten
(Bild: World Bank (Hrsg.) (2020): World Development Report 2020, Washington D.C., S. 21)

Bereits in den ersten Wochen der Corona-Pandemie wurde deutlich: Deutschlands Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten kann in Krisenzeiten ein Fluch sein, wenn Teile der heimischen Produktion und der Versorgung aufgrund fehlender Lieferungen nicht mehr funktionieren. Wie stark ist Deutschlands Wirtschaft von internationalen Güterströmen abhängig? Welche Sektoren sind besonders betroffen? Welche Entwicklungen sind in der Zukunft, gerade angesichts der Coronavirus-Krise, zu erwarten?

Exportnation Deutschland

Bundesgesundheitsminister Spahn fordert, einen Teil der Arzneimittelproduktion in die Europäische Union (EU) zurück zu verlagern. Aber auch viele klassische deutsche Industrieunternehmen, wie z. B. der Autozulieferer Bosch, haben Produktionsstätten in China und sorgen sich um Störungen in den Lieferketten.

Überblick über globale Wertschöpfungsketten
Überblick über globale Wertschöpfungsketten
(Bild: World Bank (Hrsg.) (2020): World Development Report 2020, Washington D.C., S. 21)

Die weltweite Ausnahmesituation in der Coronavirus-Krise macht es seit Monaten deutlich: Globale Wertschöpfungsketten bringen nicht nur Chancen, sondern auch Risiken mit sich. Wie verwundbar ist Deutschland als große Exportnation? Von einer globalen Wertschöpfungskette spricht man, wenn die Stufen des Produktionsprozesses in mindestens zwei unterschiedlichen Ländern stattfinden. Abb. 1 zeigt, dass fast alle Länder der Erde in globale Wertschöpfungsketten involviert sind. Selbst solche, wie die Länder des afrikanischen Kontinents, die im globalen Welthandel sonst nur eine geringe Rolle spielen, leisten aufgrund besonderer Rohstoffe (Seltene Erden) einen wichtigen Beitrag in globalen Lieferketten.

So lässt sich die Welt auch grob in verschiedene Gruppen einteilen:

  • In den entwickelten Industrieländern wie den USA oder Europa finden vorwiegend die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten statt;
  • die technische Verarbeitung erfolgt zu einem großen Teil in Asien und die Rohstoffe stammen oft aus Afrika

Abhängigkeit durch Produktionsverlagerungen steigt

In den 1990er und 2000er Jahren, also in der Hochphase der Globalisierung, wurden viele globale Wertschöpfungsketten etabliert. Sinkende Transportkosten, erleichterte Kommunikationsmöglichkeiten durch die Digitalisierung und ein weiterer Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen trugen maßgeblich zu diesem Aufschwung bei. Vor dem Hintergrund absoluter und komparativer Kostenvorteile – z. B. niedrigere Lohnkosten für manuelle Arbeiten in Asien – ist eine Verlagerung einzelner Produktionsstufen nach Meinung von Prof. Dr. Monika Wohlmann und Prof. Dr. Luca Rebeggiani, beide KCV Kompetenz-Centrum für angewandte Volkswirtschaftslehre der FOM Hochschule, betriebswirtschaftlich sinnvoll.

Hinzu komme, so die Wissenschaftler, dass durch die zunehmende Spezialisierung auch Skaleneffekte realisiert werden können. Gleichzeitig bringt die Aufteilung des Produktionsprozesses und das Outsourcing einzelner Produktionsstufen aber auch Risiken mit sich: Die Abhängigkeit von anderen Ländern steigt, gleichzeitig können die dortigen Rahmenbedingungen kaum beeinflusst werden. Störungen in einem Land übertragen sich durch diese Verflechtungen auch auf andere Länder. Besonders ungünstig ist es, wenn asymmetrische Schocks – Störungen, die nicht alle Länder gleichermaßen betreffen – auftreten.

25 % ausländische Wertschöpfung

Der Anteil der ausländischen Wertschöpfung an der Gesamtwertschöpfung liegt in Deutschland bei rund 25 %. Damit liegt er leicht über dem Anteil, den Frankreich (23 %) oder Großbritannien (22 %) aufweisen und deutlich über dem Anteil der ausländischen Wertschöpfung in den USA, der bei nur 12 % liegt. So weisen Branchen wie der Bergbau und der Agrarsektor, in denen naturgemäß in Deutschland nicht vorhandene Rohstoffe und Nahrungsmittel importiert werden müssen, den höchsten Anteil auf. Aber auch das Verarbeitende Gewerbe weist mit 50 % einen hohen Anteil an ausländischer Wertschöpfung am Endverbrauch auf.

Anteil ausländischer Wertschöpfung am Endverbrauch (2015) nach eigenen Berechnungen basierend auf Zahlen für Deutschland der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD
Anteil ausländischer Wertschöpfung am Endverbrauch (2015) nach eigenen Berechnungen basierend auf Zahlen für Deutschland der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD
(Bild: FOM Hochschule)

Ausländischer Textilindustrie-Anteil am höchsten

Ein genauerer Blick in das Verarbeitende Gewerbe (siehe Abb. 3) zeigt, dass der Anteil ausländischer Wertschöpfung am höchsten in der Textilindustrie ist – hier schlägt die Auslagerung manueller Arbeiten in Niedriglohnländer zu Buche – gefolgt von der Chemieindustrie und der Computer- und Elektronikbranche.

Anteil ausländischer Wertschöpfung am Endverbrauch im Verarbeitenden Gewerbe (2015) nach eigenen Berechnungen für Deutschland basierend auf der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD.
Anteil ausländischer Wertschöpfung am Endverbrauch im Verarbeitenden Gewerbe (2015) nach eigenen Berechnungen für Deutschland basierend auf der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD.
(Bild: FOM Hochschule)

Um abschätzen zu können, inwiefern die Wirtschaftskraft Deutschlands durch eine Unterbrechung von globalen Wertschöpfungsketten beeinträchtigt werden kann, sollte ein Blick auf den Anteil der ausländischen Wertschöpfung an den Exporten nach Herkunftsländern geworfen werden.

Zu den wichtigsten Branchen der deutschen Exportwirtschaft zählen:

  • Kfz
  • Chemie
  • Maschinenbau

Für diese Treiber der deutschen Exportwirtschaft stellen die USA, Frankreich und China die wichtigsten Lieferländer dar. Ein maßgeblicher Teil der ausländischen Wertschöpfung stammt immer noch aus Europa; außerhalb Europas spielen die USA, China und Russland eine wichtige Rolle für die deutsche Wirtschaft.

Anteil der ausländischen Wertschöpfung am Export der Branchen Kfz, Chemie und Maschinenbau nach eigene Berechnungen basierend auf Zahlen für Deutschland der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD.
Anteil der ausländischen Wertschöpfung am Export der Branchen Kfz, Chemie und Maschinenbau nach eigene Berechnungen basierend auf Zahlen für Deutschland der Datenbank TiVA (Trade in Value Added) der OECD.
(Bild: FOM Hochschule)

Die Abhängigkeit von Zulieferern in der Automobilindustrie

Gerade bei der Produktion hochentwickelter Industrieerzeugnisse ist die komplette globale Wertschöpfungskette selbst für die Unternehmen kaum noch nachvollziehbar. So kommt ein Autobauer wie Daimler auf 213 direkte Zulieferer. Allein die zehn größten von ihnen haben zusammen wiederum 588 Zulieferer, die ihrerseits von mehr als 2.900 weiteren Zulieferern abhängen. Diese Firmen sind über den gesamten Globus verteilt und besitzen zudem vielfältige Querverbindungen und Mehrfachbeziehungen untereinander. Generell gelten die globalen Wertschöpfungsketten in der Automobilbranche als besonders anfällig für Störungen in der chinesischen Produktion, da in praktisch jedem Auto chinesische Bauteile enthalten sind.

Meinung zum Thema

So wichtig ist „Made in Germany“

Gerd Ohl, Geschäftsführer der Limtronik GmbH
(Bildquelle: Limtronik)

Auch die Elektronikfabrik Limtronik unterstreicht im Zuge der Corona-Krise, wie wichtig „Made in Germany“ ist: Geschäftsführer Gerd Ohl plädiert im Zuge der Entwicklung für mehr Regionalität: „Die Wirtschaft und auch das Gesundheitswesen haben in den vergangenen Jahren in hohem Maße von der Globalisierung profitiert. Und doch zeigt die Lage im Medikamentensektor exemplarisch ein Dilemma auf. Die globale Wirkstoffproduktion konzentriert sich heute auf ein paar Unternehmen in Asien, was zu Abhängigkeiten und aktuell zu Lieferengpässen in Europa führt. Werfen wir einen Blick in die Elektronikindustrie, aber auch in vielen anderen Bereichen sehen wir ein sehr ähnliches Bild. Viele einheimische Unternehmen sind derzeit an weltweite Lieferketten gebunden. Die EU-Staaten sollten wieder autarker werden. Wir sollten uns auf eigene innovative Produkte, intelligente Fertigungsstrukturen sowie besser vernetzte und kürzere Lieferketten konzentrieren, um auch in Krisenzeiten handlungsfähig zu bleiben. Dass man damit einheimische Produktionsarbeitsplätze erhält bzw. schaffen kann hilft allen sehr, besonders wenn wir nach der Pandemie deren wirtschaftlichen Folgen in vollem Umfang erleben werden.“

Trend zur Deglobalisierung

Schon seit einigen Jahren gehen die außenwirtschaftlichen Verflechtungen jedoch leicht zurück: Ein Trend zur Deglobalisierung hat seit der internationalen Finanzkrise 2008 eingesetzt. Die Coronavirus-Krise dürfte diesen Trend nochmals verstärken, da sie offenlegt, wie wichtig es ist, die Produktion von lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen zu sichern, auch unter dem Aspekt der nationalen Sicherheit.

Rückgang von Nachfrage und Angebot in der Corona-Krise

Ist in Deutschland aufgrund der starken internationalen Verflechtungen mit Unterbrechungen der Lieferketten und daraus resultierenden Lieferengpässen zu rechnen? Zu berücksichtigen ist, dass aufgrund der besonderen Schwere der Coronavirus-Krise nicht nur die Angebotsseite (durch Produktionsausfälle oder Schließungen) betroffen ist, sondern auch auf der Nachfrageseite mit Nachfragerückgängen in Folge von Quarantäne-Maßnahmen und einer geringeren Teilnahme am öffentlichen Leben zu rechnen ist.

Dieser parallele Rückgang von Angebot und Nachfrage könnte in einigen Branchen helfen, Engpässe zu vermeiden. Ausgenommen hiervon sind Güter wie Mundschutz oder Desinfektionsmittel, aber auch Lebensmittel, die infolge der Krise besonders stark nachgefragt werden. In diesem Sinne dürfte der Aspekt der nationalen Sicherheit bei lebensnotwendigen Gütern wie Medikamenten wieder verstärkt in den Vordergrund rücken und entweder zu einer Rückführung der Produktion oder zumindest zu einer Risikostreuung, indem auf mehrere Lieferanten zurückgegriffen wird, beitragen.

(ID:46491906)