Zum 175. Geburtstag Wilhelm Maybachs Erfinden und Konstruieren in Perfektion

Das Zahnradwechsel-Getriebe, der Spritzdüsenvergaser, der Röhrchenkühler, der Bienenwaben-Kühler, der erste V-Motor, der erste Lastwagen – all diese Erfindungen gehen auf den Konstrukteur August Wilhelm Maybach zurück, der am 9. Februar 1846 in Heilbronn geboren wurde. Ein Rückblick auf einen Erfinder, der Konditor hätte werden sollen.

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Entwickler und Namensgeber dieser Limousine: Wilhelm Maybach - König der Konstrukteure und Partner Gottlieb Daimlers. Am 9. Februar vor 175 Jahren kam das Technikgenie in Heilbronn zur Welt.
Entwickler und Namensgeber dieser Limousine: Wilhelm Maybach - König der Konstrukteure und Partner Gottlieb Daimlers. Am 9. Februar vor 175 Jahren kam das Technikgenie in Heilbronn zur Welt.
(Bild: Daimler AG)

Zahlreiche Erfindungen aus der Frühzeit des Automobils gehen auf Wilhelm Maybach zurück. Als Partner Partner von Gottlieb Daimler löste er viele technische Probleme und mehrere seiner Patente haben ihre grundsätzliche Gültigkeit bis in heutige Fahrzeuge erhalten. Emil Jellinek, im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert ein autobegeisterter Großkunde der Daimler-Motoren-Gesellschaft und Begründer des Namens „Mercedes“, soll über Maybach gesagt haben:

Er kann auf Kommando erfinden.

Dass Maybach die Gelegenheit dazu bekam, verdankt er unter anderem dem Leiter eines Waisenhauses. Denn nach dem frühen Tod seiner Eltern wird Maybach in der karitativen Einrichtung „Reutlinger Bruderhaus“ aufgenommen. Zunächst soll Wilhelm Maybach dort den Beruf des Bäckers und Konditors erlernen, doch der Leiter der Einrichtung erkennt die große technische Begabung des Knaben und fördert ihn.

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So beginnt Maybach 1861 eine Lehre im Zeichenbüro der Maschinenfabrik des Bruderhauses und besucht in der städtischen Fortbildungsschule Unterricht in Physik und Freihandzeichnen sowie später auch Mathematik in der Oberschule. 1863 lernt Maybach den damals 29 Jahre alten Ingenieur Gottlieb Daimler (1834 bis 1900) kennen, der als Inspektor in die Vereinigten Werkstätten des Bruderhauses kommt – der Beginn einer fruchtbaren Freundschaft.

Wichtige Stationen und Erfindungen im Überblick

  • 1869: Der junge Konstrukteur Maybach folgt Daimler, als dieser Vorstand der Maschinenbau-Gesellschaft Karlsruhe wird. Maybach arbeitet dort im Konstruktionsbüro.
  • 1872: Daimler wird Vorstand der Gasmotoren-Fabrik Deutz AG. Das Unternehmen ist als Aktiengesellschaft im selben Jahr von Nicolaus August Otto und den Unternehmerfamilien Langen sowie Pfeiffer gegründet worden.
  • 1873: Maybach begleitet Daimler und wird Leiter der Konstruktionsabteilung in Deutz. Er arbeitet daran, Ottos Viertaktmotor produktionsreif zu machen.
  • 1875: Maybach macht Versuche mit flüssigem Kraftstoff an einem umgebauten Gasmotor.
  • 1882: Daimler verfolgt bereits in Deutz die Vision eines kompakten, schnell laufenden Verbrennungsmotors auch als Fahrzeugantrieb. Doch diese Vorstellungen lassen sich in dem Unternehmen nicht verwirklichen. Daimler scheidet aus der Gasmotoren-Fabrik Deutz aus und macht sich in Cannstatt bei Stuttgart selbstständig. Mit Wilhelm Maybach hat er bereits im April 1882 einen Anstellungsvertrag geschlossen.
  • 1882: In Daimlers Anwesen entstehen die ersten schnell laufenden Benzinmotoren – aufgrund ihres Aussehens „Standuhr“ genannt.
  • 1885: Das erste Motorrad der Welt - der sogenannte Reitwagen entsteht.
  • 1886: Das erste Motorboot der Welt und das erste vierrädrige Automobil der Welt (Daimlers Motorkutsche).
  • 1887: Es folgen Antriebe für Schienenfahrzeuge (Daimler Motor-Waggonet).
  • 1888: Das Wölfertsche Motor-Luftschiff wird vorgestellt.
  • 1890: Peugeot startet mit dem Bau des Zweizylinder-V-Motors in Lizenz.
  • 1895: Internationale Lizenznehmer setzen die Rückkehr von Maybach in die Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG) durch. Nach einem Zwist zwischen Daimler und dem von ihm gegründeten Unternehmen Anfang der 1890er-Jahre hatte Maybach den Phoenix-Reihenzweozylindermotor im gemieteten Gartensaal des Hotels Hermann entwickelt.
  • 1897: Maybach, nun technischer Direktor der DMG, liefert weiter eine wichtige Erfindung nach der anderen. Der Röhrchenkühler wird als Gebrauchsmuster angemeldet.
  • 1899: Maybach entwickelt einen Vierzylindermotor für das Luftschiff des Grafen Ferdinand von Zeppelin.
  • 1900: Die DMG meldet Maybachs Bienenwabenkühler, dessen Prinzip heute noch gültig ist, zum Patent an. Im November wird der erste Mercedes 35 PS in Cannstatt fertiggestellt. Er gilt als das erste moderne Automobil überhaupt. In Auftrag gegeben wird er von Emil Jellinek. Das von Maybach völlig neu konzipierte Automobil dominiert das international bedeutende Motorsport-Meeting „Woche von Nizza“ und bringt Maybach endgültig den Ehrennamen „König der Konstrukteure“ ein.
    Nachdem Gottlieb Daimler am 6. März stirbt verliert Maybach zunehmend den Rückhalt im Unternehmen.

Mercedes 35 PS: Das erste Automobil in Leichtbauweise

  • Das horizontal geteilte Kurbelgehäuse des Vierzylinder-Reihenmotors des Mercedes 35 PS bestand zum ersten Mal bei Daimler aus Aluminium.
  • Für die Hauptlager wurde Magnalium verwendet, eine Aluminiumlegierung mit einem Anteil von fünf Prozent Magnesium.
  • Die paarweise gefertigten Zylinder aus Grauguss erhielten angegossene Köpfe anstelle der abnehmbaren des „Phönix“-Wagens.
  • Die bis dahin als Schnüffelventile ausgebildeten Einlassventile – sie öffnen durch Unterdruck beim Ansaugen – wurden nunmehr wie die Auslassventile von einer Nockenwelle gesteuert. Der Antrieb der ungekapselten Nockenwellen links und rechts des Kurbelgehäuses geschah durch einen offenen Zahnradantrieb an der Schwungscheibenseite.
  • Die Auslassnockenwelle trieb über einen in ihrer Mitte angeordneten Zahnradsatz den Niederspannungs-Zündmagneten und eine die Kühleffizienz steigernde Wasserpumpe an, ein weiterer Radsatz am vorderen Ende den kleinen Ventilator hinter dem Kühler.
  • Pro Zylinderpaar gab es, auch das war neu, je einen Vergaser. Die Drehzahlsteuerung zwischen 300 und 1000 Umdrehungen funktionierte über einen Hebel am Lenkrad.
  • Den Motor baut Maybach nicht mehr mit einem Hilfsrahmen im Chassis ein, wie bis dato allgemein üblich, sondern er verengt den vorderen Rahmenteil ab Pedalhöhe derart, dass der Motor direkt auf den erstmals bei der DMG aus Stahlblech gepressten – und nicht mehr mühsam gefalzten – Längsträgern verschraubt werden kann.
  • Alle Verbesserungen erbrachten im Endeffekt mehr Laufruhe, einen stabileren Leerlauf und gutes Beschleunigungsverhalten – eine neue Qualität der Motorcharakteristik. Zudem verringerte sich das Motorgewicht um 90 kg auf rund 230 kg.

  • 1906: Maybach ist ein glühender Befürworter des Rennsports als Impulsgeber für die automobile Serientechnik. Er entwickelt einen Rennwagen, dessen Sechszylindermotor eine oben liegende Nockenwelle mit Königswellenantrieb sowie eine Hochspannungsmagnetzündung mit zwei Zündkerzen hat. Doch statt Maybachs Entwurfs wird eine konservativere Konstruktion von Paul Daimler eingesetzt.
  • 1907: Die DMG schließt die Maybach unterstehende Versuchswerkstatt und Maybach verlässt das Unternehmen.
  • 1909: Maybach gründet gemeinsam mit Graf von Zeppelin die Luftfahrzeug-Motorenbau GmbH in Bissingen mit dem vornehmlichen Ziel, Motoren für die Luftschiffe zu bauen. Das von Wilhelms Sohn Karl Maybach geleitete Unternehmen wechselt 1912 den Standort und lässt sich in Friedrichshafen nieder. Nach Ende des Ersten Weltkriegs nimmt das nun als Maybach-Motorenbau firmierende Unternehmen den Automobilbau auf, denn aufgrund des Versailler Friedensvertrags ist die Produktion von Luftschiffmotoren untersagt.
  • 1921: Maybach stellt den ersten Serienwagen Maybach 22/70 PS (W 3) vor. Er wird bis 1928 gebaut. Insgesamt werden bis 1941 1800 Limousinen der Marke Maybach gebaut.
  • 1929: Maybach stirbt am 29. Dezember.

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Redakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht