Suchen

Kleben

Die DIN 2304 strukturiert das Kleben

| Autor: Juliana Pfeiffer

konstruktionspraxis fragte Prof. Dr. Andreas Groß, Abteilungsleiter "Weiterbildung und Technologietransfer" am Fraunhofer IFAM, was sich hinter der DIN 2304 verbirgt.

Firmen zum Thema

Die DIN 2304 legt den Stand der Technik für die Organisation der fachgerechten Umsetzung klebtechnischer Prozesse im Betrieb fest.
Die DIN 2304 legt den Stand der Technik für die Organisation der fachgerechten Umsetzung klebtechnischer Prozesse im Betrieb fest.
(Bild: Rampf)

Die Fügetechnik Kleben wird genormt. Seit April diesen Jahres liegt der Entwurf der DIN 2304 vor. Was beinhaltet diese Norm?

Sagen wir`s mal so: Die DIN 2304 legt den Stand der Technik für die Organisation der fachgerechten Umsetzung klebtechnischer Prozesse im Betrieb fest. Ich finde, das klingt nicht nur besser als „Kleben wird genormt“, sondern es ist in meinen Augen auch richtiger. Kleben ist ein komplexer Prozess. Den kann man nicht einfach „normen“, und alles wird gut. Da steckt schon mehr dahinter: Die Fügetechnik „Kleben“ ist gemäß der ISO 9001 ein „Spezieller Prozess“. D.h., ich kann den eigentlichen Prozess nicht zerstörungsfrei einhundertprozentig prüfen, also nicht zerstörungsfrei einhundertprozentig verifizieren. Und hier greift der ebenso einfache wie logische wie geniale Kerngedanke der ISO 9001: Wenn ich Fehler nicht zerstörungsfrei einhundertprozentig nachweisen kann, muss ich sie eben vermeiden! Genau das ist der eigentliche Kerngedanke der ISO 9001: Fehlerprophylaxe durch ein umfassendes und gelebtes Qualitätsmanagement. Hierdurch wird es dem Anwender ermöglicht den „speziellen Prozess“ zu einem beherrschten Prozess zu machen. Denn nur, wenn man Vertrauen in einen Prozess hat, wird man ihn einsetzen. Also muss ich mir als Anwender Gedanken über meinen Prozess machen, qualitätsbeeinflussende Faktoren identifizieren dessen Durchführung beschreiben, kontrollieren und dokumentieren. Nur so ist eine kontinuierliche Verbesserung des Prozesses möglich. Wie gesagt: Fehlerprophylaxe ist die Zauberformel.

Das klingt logisch. Aber was hat das mit der DIN 2304 zu tun?

Die ISO 9001 ist und bleibt die Basis der Qualitätssicherung, auch in der Klebtechnik! Aber, so genial ihr Kerngedanke auch ist, für sich alleine ist die ISO 9001 in der Regel zu allgemein. Auf ihrer Basis wird formal das QMS zertifiziert, aber nicht (fach-)inhaltlich der dahinter stehende Prozess. So, und genau hier greift die DIN 2304! Sie strukturiert – natürlich auf Basis der ISO 9001 - verbindlich und fachinhaltlich die Organisation der fachgerechten Umsetzung klebtechnischer Prozesse im Betrieb. D.h., die DIN 2304 konkretisiert die ISO 9001 technologiespezifisch und gibt Handlungsanweisungen für den Aufbau organisatorischer Strukturen eines klebtechnischen Anwenderbetriebs hinsichtlich der fachgerechten Anwendung der Klebtechnik. Und zwar von der Idee über die Entwicklung und Fertigung bis zur Instandsetzung und Reparatur.

Warum wird die Fügetechnik Kleben erst jetzt genormt? Was war der ausschlaggebende Grund?

Die DIN 2304 hat ja mit der Richtlinie DVS-RL 3310 einen Vorlauf. Die wesentlichen Elemente der DIN 2304 sind in dieser Richtlinie ja schon enthalten. Nur braucht es einfach Zeit, bis der Gedanke und das Bewusstsein reifen, aus einer Richtlinie eine DIN zu machen. Geholfen hat sicherlich die DIN 6701 für den Schienenfahrzeugbau. Sie ist vom grundsätzlichen Aufbau her kompatibel zur DIN 2304 resp. DVS-RL 3310. Aber die seit 2006 erfolgreiche Umsetzung der Schienenfahrzeugnorm hat dem Normungsverfahren der DIN 2304 noch einmal einen entscheidenden Impuls versetzt. Die DIN 6701 ist mittlerweile international anerkannt und wird derzeit in eine EN überführt.

Wie wird die neue Norm den Fügeprozess verändern? Welche Änderungen kommen auf den Anwender zu?

Die DIN 2304 ist ganz klar eine Anwendernorm! Und in dieser Funktion ist sie eine Hilfestellung ihn. Der Anwender muss über jede seiner Klebungen nachdenken und entscheiden. Er kann die Verantwortung nicht mehr alleine auf den Klebstoffhersteller abwälzen. Dieses ewige „Da hat der Klebstoff schuld!“, das gilt nicht mehr. Die Norm enthält drei Kernelemente, um Strukturen für die betrieblichen Klebprozesse entsprechend der DIN 2304 zu schaffen: 1. die Klassifizierung der Klebung nach Sicherheitsklassen, 2. die Einsetzung von Klebaufsichtspersonal und 3. die Nachweisführung, dass die Beanspruchbarkeit der Klebung größer als die zu erwartende Beanspruchung ist. Die Sicherheitsklasse bezieht sich dabei ausschließlich auf die Folgeschäden, wenn die Hauptfunktion der Klebung, die Übertragung mechanischer Lasten, versagt. Andere Anforderungen wie beispielsweise Lebensmitteltauglichkeit, Migrationsverhalten von Klebstoffen, Emissionseigenschaften sowie Arbeits- und Umweltvorschriften werden durch die DIN 2304 nicht berührt. Gibt es für bestimmte Klebanwendungsbereiche – ich denke da z.B. an Parkett- und Teppichböden, an bestimmte Bereiche der Holzverarbeitung usw. – bereits anerkannte und bewährte Regelwerke oder Normen, sind diese von der DIN 2304 nicht betroffen.

Nur so ganz nebenbei bemerkt: Die DIN 2304 erfindet das Rad nicht neu! Die genannten Kernelemente sind genauso Gegenstand der DIN 6701 für das Kleben im Schienenfahrzeugbau und der EN 15085 für das Schweißen in diesem Bereich.

Was müssen Konstrukteure in Zukunft beachten?

Es gibt zwei wesentliche Änderungen. Erstens: Die Einteilung in die jeweilige Sicherheitsklasse von S 1 (hoch) bis S 4 (keine) erfolgt durch den Konstrukteur bzw. Bauteilverantwortlichen unter Mitwirkung des Klebaufsichtspersonals. Zweitens: Die Nachweisführung, dass die Beanspruchbarkeit der Klebung größer als die zu erwartende Beanspruchung ist, ist ebenfalls unter Mitwirkung des Klebaufsichtspersonals sicherzustellen. Die DIN 2304 stellt dadurch lediglich sicher, dass in beiden Fällen klebtechnische Kompetenz einfließt.

Wann tritt die Norm endgültig in Kraft?

Die DIN 2304 wird aller Voraussicht nach Anfang 2016 „scharf geschaltet“. D.h., die Betriebe tun gut daran, sicher ab jetzt mit der DIN 2304 auseinanderzusetzen.

Wie wird es mit der DIN 2304 weitergehen?

Um die DIN 2304 bestmöglich umzusetzen, aber auch um Berührungsängste und Befürchtungen zu nehmen, werden Umsetzungshilfen erstellt werden. Diese helfen den Betrieben, die die Norm anwenden wollen. Ich bin sicher, dass die Anwenderbetriebe die gleichen Erfahrungen machen werden wie der Schienenfahrzeugbau: Am Anfang steht ein gewisser Aufwand, aber spätestens mittelfristig zahlt sich die DIN 2304 aus, nicht nur ökonomisch, sondernd auch technologisch. Die Wertigkeit der Klebtechnik im Betrieb wird eine ganz andere werden.

Das Interview führte Juliana Pfeiffer, Redakteurin bei konstruktionspraxis.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 43394906)

Über den Autor

Juliana Pfeiffer

Juliana Pfeiffer

, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht