Automatisierungsplattform „Automatisierung am besten dezentral“

Das Gespräch führte Dipl.-Ing. (FH) Sandra Häuslein 4 min Lesedauer

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Mit der dezentralen Automatisierung hat Murrelektronik ein vollständig neues Konzept für den schaltschranklosen Maschinenbau eingeführt. CEO Dr. Ulrich Viethen erklärt, warum dezentrale, elektrische Automation die Zukunft ist.

Dr. Ulrich Viethen, CEO von Murrelektronik, erklärt im Interview, warum Automatisierung am besten dezentral ist und warum Co-Creation mit Kunden den Unterschied macht.(Bild:  Murrelektronik)
Dr. Ulrich Viethen, CEO von Murrelektronik, erklärt im Interview, warum Automatisierung am besten dezentral ist und warum Co-Creation mit Kunden den Unterschied macht.
(Bild: Murrelektronik)

Herr Dr. Viethen, warum ist die dezentrale Automation aus Ihrer Sicht das Zielbild moderner Industrieautomation?

Dr. Ulrich Viethen: Eine dezentrale Automation reduziert Komplexität und Kosten. In klassischen Automatisierungsarchitekturen laufen viele Funktionen zentral im Schaltschrank zusammen, was lange Leitungswege, aufwändige Verdrahtung und hohen Planungs- und Wartungsaufwand bedeutet. Die dezentrale Automatisierung dreht dieses Prinzip im Grunde um. Die Intelligenz der Automatisierung wird dorthin verlagert, wo sie gebraucht wird: direkt an die Maschine. 
Unser Vario-X-System realisiert dies modular und rein elektrisch. Steuerung, Energieverteilung, I/O-Signale und Sicherheitstechnik werden dezentral im Feld installiert. Das Ergebnis ist eine deutlich schlankere Architektur. Maschinen lassen sich schneller aufbauen, einfacher erweitern und flexibler an neue Aufgaben anpassen. Viele Konstrukteure sehen dezentrale Automatisierung noch als Zukunftsvision. Wir zeigen: Sie funktioniert bereits heute und bringt messbare Vorteile.

Eine dezentrale Automatisierung bedeutet weniger Material, geringerer Montageaufwand und niedrigere Wartungskosten.

Dr. Ulrich Viethen, CEO Murrelektronik

Welche strategischen, technologischen und wirtschaftlichen Gründe sprechen für dezentrale Automationskonzepte?

Es gibt mehrere Treiber für dezentrale Automationskonzepte. Strategisch bedeuten sie Flexibilität. Wir bewegen uns immer stärker in Richtung modularer Maschinenkonzepte. Anlagen müssen heute flexibler sein als früher, weil Produktvarianten zunehmen und Umstellungen häufiger werden – da passt ein dezentrales, flexibles System. 
Technologisch spielt die Elektrifizierung eine zentrale Rolle: Leistungsfähige elektrische Antriebe, Sensoren und Aktoren ermöglichen es, Funktionen direkt im Feld umzusetzen. Kurze Leitungswege, steckbare Verbindungen und dezentrale Intelligenz sorgen für robuste, vollelektrische Systeme. 
Und auch wirtschaftlich überzeugt der Ansatz: Weniger Material, geringerer Montageaufwand und niedrigere Wartungskosten. Anlagen bleiben länger flexibel, können einfacher erweitert werden und sparen durch die dezentrale Architektur auch Platz.

Wie steht es um den Service bzw. um den Betrieb der Anlagen? Ist hier mehr Aufwand erforderlich, weil die Komponenten nicht zentral im Schaltschrank untergebracht werden?

Das Gegenteil ist der Fall. Hier setzt unsere Plattform Ukonn-X an: Sie begleitet den gesamten Produktlebenszyklus – von Planung über Aufbau und Inbetriebnahme bis zu Wartung und Erweiterungen – und sorgt dafür, dass Installationen nach dem Prinzip „first time right“ von Anfang an fehlerfrei umgesetzt werden. Als digitaler Lotse führt sie Schritt für Schritt durch die elektrische Installation. Änderungen oder Erweiterungen lassen sich zuerst virtuell prüfen, bevor physisch eingegriffen wird. Das reduziert Fehler, spart Material und erleichtert die Wartung. Gleichzeitig dokumentiert Ukonn-X jede Verbindung, jedes Modul und jede Funktion, sodass die Anlagen langfristig zuverlässig und flexibel bleiben. Die digitale Intelligenz macht es möglich, physische Komplexität verständlich, planbar und beherrschbar zu gestalten.

Welche Branchen profitieren vor allem von dezentralen Automationsarchitekturen?

Wir sehen mehrere Anwendungsfelder für dezentrale Konzepte. Ein Beispiel ist die Automobilindustrie, etwa bei Montageinseln für Interior- oder Antriebskomponenten. Hier gibt es viele Handhabungs- und Transportaufgaben. Auch die Verpackungsindustrie profitiert stark. Hohe Taktzahlen, häufige Produktwechsel und komplexe Prozessketten verlangen nach flexiblen Maschinenstrukturen. Dezentrale Automation sorgt hier für Übersichtlichkeit und schnelle Umrüstbarkeit. Und natürlich spielt auch die Intralogistik eine große Rolle. Lange Förderstrecken mit vielen Sensoren und Aktoren profitieren enorm von kurzen Leitungswegen, modularen Installationskonzepten und elektrischen Antrieben.

Wenn Automatisierung plötzlich vollelektrisch und dezentral im Feld stattfindet, verändert das die gesamte Perspektive auf die Maschinenkonstruktion.

Dr. Ulrich Viethen, CEO Murrelektronik

Wo liegen die Herausforderungen bei der Einführung und Skalierung einer dezentralen Automatisierung?

Die größte Hürde ist das Umdenken in der Planung und Konstruktion. Viele Konstrukteure haben über Jahre hinweg mit zentralen Schaltschrankarchitekturen gearbeitet. Wenn Automatisierung plötzlich vollelektrisch und dezentral im Feld stattfindet, verändert das die gesamte Perspektive auf die Maschinenkonstruktion. 
Planung, Energieverteilung und Automatisierungsstruktur müssen neu gedacht werden. Sobald man sich darauf einlässt, zeigt sich aber schnell, wie viele Vorteile dieser Ansatz bringt. Deshalb ist Co-Creation für uns zentral: Die Erfahrungen der Anwender fließen von Anfang an in die Planung ein, sodass dezentrale Konzepte passgenau auf ihre Anforderungen abgestimmt sind.

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Wie unterstützt Murrelektronik die Konstrukteure bei diesem Wandel?

Automatisierung entsteht bei uns nicht isoliert, sondern im engen Austausch mit den Anwendern. Wir arbeiten von Anfang an gemeinsam: Abläufe werden analysiert, Schnittstellen definiert und Standards und modulare Lösungen entwickelt, die auf die spezifischen Anforderungen zugeschnitten sind. 
Man kann es sich vorstellen wie ein Smartphone-Ökosystem: Auf einem Smartphone können Nutzer selbst entscheiden, welche Apps sie installieren – jede App wird von einem anderen Entwickler erstellt, trotzdem funktionieren sie zusammen auf einem Gerät. Genauso ermöglichen Vario-X und Ukonn-X, dass verschiedene Komponenten, von Sensorik bis Steuerung, flexibel kombiniert werden können. Die Kunden bringen ihre Anforderungen ein, wir liefern die Werkzeuge.

Zum Abschluss ein Ausblick: Was haben wir kurzfristig an Neuheiten für die dezentrale Automation zu erwarten?

Ich sehe mehrere Trends: Erstens wird mehr Intelligenz direkt an der Maschine entstehen. Sensoren und Aktoren liefern immer mehr Daten, die direkt im Feld verarbeitet werden können. Das ermöglicht neue Anwendungen wie Predictive Maintenance oder automatische Prozessoptimierung. Zweitens wird der digitale Zwilling zum zentralen Bestandteil des gesamten Maschinenlebenszyklus – von der Planung über die Inbetriebnahme bis hin zum Betrieb der Anlage. Und drittens wird die Automatisierung insgesamt noch stärker vernetzt und offener. Standardisierte Schnittstellen und interoperable Systeme sind entscheidend, damit Maschinen flexibel miteinander arbeiten können. Genau an dieser Kombination aus Elektrifizierung, Dezentralisierung und digitalem Zwilling arbeiten wir mit Vario-X und Ukonn-X.

Vielen Dank, Herr Dr. Viethen.