Definition Was ist eigentlich eine frugale Innovation?

Weniger ist mehr – nach diesem Motto arbeitet frugale Innovation. Der Fokus liegt auf Kunden im Einstiegssegment, die sich einfache, robuste und erschwingliche Lösungen wünschen. Dabei werden sowohl Schwellenländer, als auch neue Nischen in Heimatmärkten adressiert. Wie das funktioniert.

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Produkte werden immer komplexer. Doch nicht alle Konsumenten wollen und können viel Geld für Funktionen ausgeben, die sie als unnötig erachten.
Produkte werden immer komplexer. Doch nicht alle Konsumenten wollen und können viel Geld für Funktionen ausgeben, die sie als unnötig erachten.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Frugal Engineering bedeutet nicht, komplexe Premiumprodukte einfach abzuspecken, schlanker zu gestalten und dadurch billiger zu machen. Die Strategie des Frugal Engineering ist, Ansätze zu finden, mit denen die bewusste Beschränkung gelingt: auf Leistungsmerkmale, die für die jeweilige Zielgruppe unerlässlich sind, und auf Funktionen, die eben diese Kunden begeistern. Frugal (frugal, lat./franz.:einfach, schlicht, tauglich) bedeutet nicht billig und qualitativ minderwertig, sondern vereinfacht und gut genug; es fokussiert sich auf die mittleren und unteren Marktsegmente, fasst das Funktionskorsett eng und akzeptiert hochwertige Komponenten und Merkmale nur bei dringendem Bedarf. Um mit solche Entry-Level-Lösungen erfolgreich zu entwickeln, sind lokales und zielgruppenspezifisches Wissen besonders wichtig.

Frugale Innovationen sind Produkte oder Dienstleistungen, die maßgeschneidert für eine spezifische, preissensitive Kundengruppe entwickelt werden. Sie sind funktional, robust, ressourcenschonend, nachhaltig, erschwinglich, einfach bedienbar, wartungsarm und dennoch technisch auf hohem Niveau.

Frugale Produkte generieren zusätzlichen Umsatz: Sie sorgen für den Marktzutritt in Schwellenländern, die eher einfache Lösungen wünschen. Zudem ermöglichen sie es, neue Nischen in Heimatmärkten zu bedienen.

Frugales Engineering für Schwellenländer

Wer in Schwellenländern erfolgreich verkaufen will, muss seine Produkte an meist völlig andere Marktgegebenheiten anpassen. Die Kunden sind anspruchsvoll und gleichzeitig preisbewusst. Dazu kommen Faktoren wie Hitze und Staub, Stromausfälle oder zu wenig qualifiziertes Personal, die den Einsatz von High-End-Produkten massiv einschränken. Die Strategie des Frugal Engineering ist, im Zielland auf der Basis von lokalem Wissen zu innovieren. Durch die Beobachtung der Nutzung werden die Rahmenbedingungen und lokalen Kundenbedürfnisse ermittelt. Die Kunst des Frugal Engineering ist, die Anforderungen und Präferenzen der Nutzer mit aktuellen Technologien so zu kombinieren, dass ein für die spezifische Nutzergruppe attraktives Produkt entsteht. Dazu sind lokale, mit großen Handlungsspielräumen ausgestattete Entwicklungsteams erforderlich, die Zugriff auf die aktuellen Ressourcen haben.

Der Clou bei Smart-Simplicity ist laut dem Fraunhofer IAO, sich auf wenige Grundfunktionen zu beschränken und das Leistungsniveau genau auf die Bedarfe der Kunden abzustimmen.
Der Clou bei Smart-Simplicity ist laut dem Fraunhofer IAO, sich auf wenige Grundfunktionen zu beschränken und das Leistungsniveau genau auf die Bedarfe der Kunden abzustimmen.
(Bild: Fraunhofer IAO)

Frugale Produkte in entwickelten Märkten

Ein Beispiel, wo frugale Innovation auch in westlichen Ländern funktionieren kann, ist der Markt für Werkzeuge. Langlebige Produkte wie Bohrmaschinen, Akkuschrauber oder Handkreissägen sind in der Regel ausgeklügelte Highend-Geräte mit vielen Zusatz-Features, die häufig nur von Profis verwendet werden. Hier könnten frugale Produkte, die sich vor allem durch Robustheit und gutes Preis-Leistungsverhältnis auszeichnen, auch auf westlichen Märkten erfolgreich sein.

Ein weiteres Beispiel ist die Renault-Tochter Dacia. Der Erfolg der kostengünstigen Logan-Baureihe, von der im Jahr 2019 80.035 Exemplare in Deutschland verkauft wurden, zeigt, dass auch in Europa eine Nachfrage nach sparsamen Lösungen besteht. Der Dacia kostet signifikant weniger, weil er mit deutlich weniger Bauteilen als vergleichbare Fahrzeuge auskommt.

Herausforderungen im frugalen Engineering

Die Herausforderung für den Konstrukteur ist, sein im Laufe der Zeit generiertes Wissen und seine Erfahrungen weitgehend zu ignorieren. Er muss das Gelernte, klassische Herangehensweisen und die Erfolgsrezepte der Vergangenheit vergessen. Frugale Innovationen erfordern, nicht nur das Produkt, sondern auch das Geschäftsmodell auf den Prüfstand zu stellen. Eine Orientierung für die Konstruktion frugaler Produkte gibt folgendes Apronym:

  • Functional: Das zu entwickelnde Produkt muss hochgradig funktional sein. Es darf keine unnötigen Extras (Schnickschnack) haben, sondern muss in den Grundfunktionen alle Bedürfnisse befriedigen. Der Funktionsumfang darf deutlich eingeschränkt sein, sie muss aber exakt auf die Kernbedürfnisse lokaler Nutzer zugeschnitten sein.
  • Robust: Ein Produkt, das für Schwellenländer entwickelt wird, muss widerstandsfähig, wartungsarm und unempfindlich gegenüber Klima, Staub und schlechter Infrastruktur sein.
  • User-friendly: Das Produkt muss in Aufbau und Funktion verständlich, unkompliziert und einfach zu bedienen sein.
  • Growing: Es wird nicht für Nischen, sondern für einen stark wachsenden Markt entwickelt, der eine hohe Produktionskapazität und damit Preisvorteile durch Skaleneffekte ermöglicht.
  • Affordable: Das Produkt muss ein niedriges Preisniveau und ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis haben, um den finanziellen Möglichkeiten der Zielgruppe gerecht zu werden. Als Faustregel gilt 50 % der Leistung für 15 % des Preises.
  • Local: Das Produkt wird auf Basis von lokalem Wissen speziell für das Zielland entwickelt.

Konzentration auf wenige Merkmale

Im frugalen Engineering werden in einem ersten Schritt alle Produktmerkmale erfasst, die grundsätzlich verändert oder weggelassen werden können. Um die wirklich erforderlichen Eigenschaften identifizieren zu können, werden diese Eigenschaften im zweiten Schritt kategorisiert und bewertet. Für die Bewertung können drei Dimensionen herangezogen werden:

  • Die Relevanz eines Features für den Kunden.
  • Die Kosten, die dem Hersteller bei der Berücksichtigung eines Features entstehen.
  • Das Verständnis eines Features durch den Nutzer.

Bei der Planung frugaler Produkte werden nur solche Merkmale ausgewählt, die für den Anwender eine große Bedeutung haben, deren Berücksichtigung nicht zu teuer ist und die der Nutzer klar versteht. Häufig begegnet man der Faustregel, sich bei frugalen Produkten auf drei bis fünf Merkmale zu beschränken. Die bei frugalen Innovationen oft engen Gewinnmargen lassen sich kompensieren, wenn es gelingt, sie durch ein hohes Volumengeschäft abzufangen. Aus diesem Grunde ist eine hohe Skalierbarkeit frugaler Produkte von elementarer Bedeutung.

Quellen: 

www.engineering-produktion.iao.fraunhofer.de

www.ife-institut-einzelfertiger.de

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Über den Autor

Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Dipl.-Ing. (FH) Monika Zwettler

Redakteurin, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht