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Digitale Transformation Industrie 4.0: Deutsche Unternehmen geben sich selbstbewusst

| Redakteur: Jürgen Schreier

Von analog zu digital: Der Wandel ist in vollem Gange. Wie die jüngste Umfrage des Bitkom rund um das Thema Industrie 4.0 zeigt, wähnt sich die deutsche Industrie sehr gut positioniert - weltweit auf Platz 2 nach den USA, aber vor Japan, China und Korea.

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Der Wandel von der analogen Industrie zur digitalen Industrie 4.0 ist in vollem Gange.
Der Wandel von der analogen Industrie zur digitalen Industrie 4.0 ist in vollem Gange.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Bei der Digitalisierung nur Mittelmaß: Das Fazit, das anlässlich der Anfang April präsentierten Bitkom-Umfrage zum Stand der digitalen Transformation zu ziehen war, fiel ernüchternd aus. Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen zeigten beim digitalen Wandel Schwächen, während die Großunternehmen insgesamt besser abschnitten.

Wesentlich optimistischer stimmt da die jüngste Studie des Digitalverbandes, die sich auf das Thema Industrie 4.0 fokussiert und für die 552 Industrieunternehmen ab 100 Mitarbeitern von Mitte Februar bis Anfang April 2020 befragt. wurden. In Sachen Industrie 4.0 gibt sich die deutsche Industrie nämlich ausgesprochen selbstbewusst:

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Mehr als jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) sieht Deutschland derzeit weltweit auf einer Spitzenposition, knapp hinter den USA, die 27 Prozent auf Platz eins sehen. 19 Prozent sehen Japan vorn, jeder Siebte (14 Prozent) China. Südkorea wird von neun Prozent an der Spitze positioniert. "Doch muss unser Anspruch sein, hier auf Platz 1 zu stehen", so Bitkom-Präsident Achim Berg. "Wir müssen bei Industrie 4.0 nicht nur mitspielen, sondern das Tempo vorgeben."

Sechs von zehn Industrieunternehmen nutzen I4.0-Anwendungen

Aktuell nutzen sechs von zehn Industrieunternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern in Deutschland (59 Prozent) spezielle Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0. Vor zwei Jahren waren es erst 49 Prozent. Zugleich hat sich der Anteil der Unternehmen, für die Industrie 4.0 gar kein Thema ist, seit 2018 von neun Prozent auf ein Prozent verringert. Demnach planen aktuell weitere 22 Prozent konkret den Einsatz spezieller Anwendungen für Industrie 4.0 – 17 Prozent können sich vorstellen, dies in Zukunft zu tun.

„Die produzierende und verarbeitende Industrie ist der Kern der deutschen Wirtschaft – und sie verfügt über ein riesiges digitales Potenzial. Fast alle Unternehmen haben sich auf den Weg in Richtung Industrie 4.0 gemacht. Anders als Deutschlands Verwaltungen und Schulen war die Industrie auch ohne Corona digital gut in Schwung“, sagt der Bitkom-Präsident. „Dabei darf diese positive Entwicklung durch Corona keinen Dämpfer erfahren. Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen.“

Diese Erkenntnis ist auch im größten Teil der Unternehmen verankert: 94 Prozent sehen in der Industrie 4.0 die Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) betont, Industrie 4.0 gebe dem eigenen Geschäft generell neuen Schub. Insgesamt sieht eine überwältigende Mehrheit von 93 Prozent der Industrieunternehmen Industrie 4.0 als Chance. Der Anteil der Unternehmen, die in Industrie 4.0 ein Risiko sehen ist mit rund fünf Prozent inzwischen vernachlässigbar.

Digitalisierung schafft neue Business Models

Bei fast drei Viertel (73 Prozent) der deutschen Industrieunternehmen werden im Zuge von Industrie 4.0 nicht nur einzelne Abläufe oder Prozesse im verändert, sondern ganze Geschäftsmodelle. Verglichen mit dem Jahr 2018 - 59 Prozent - ist das eine sehr deutliche Zunahme.

Etwas mehr als jedes zweite Unternehmen (51 Prozent) entwickelt neue Produkte und Dienstleistungen oder plant dies (2018: 39 Prozent). Jedes Vierte (26 Prozent) verändert bestehende Produkte oder hat dies vor (2018: 18 Prozent). 28 Prozent nehmen bisherige Produkte und Dienstleistungen sogar ganz vom Markt (2018: 20 Prozent).

Verbandspräsident Berg nannte dafür einige Beispiele. So mutieren Automobilproduzenten mehr und mehr zu Anbietern von Mobilitätslösungen und Hersteller von Medizintechnik zu smarten Gesundheits-Dienstleistern. Berg: "Dieser Weg muss nun branchenübergreifend in der gesamten Industrie fortgeführt werden. Das ist die große Stärke von Industrie 4.0. Wenn die Produktion mit Abbau der Corona-Beschränkungen nun langsam wieder hochgefahren wird, gilt einmal mehr, das eigene Geschäft auf den Prüfstand zu stellen: Die Geschäftsmodelle der Zukunft sind ausschließlich digital. Das muss jedem klar sein.“

Die Mehrheit der Industrieunternehmen, die neue Produkte und Dienstleistungen im Zuge von Industrie 4.0 entwickeln, setzt dabei auf Plattformen: 88 Prozent entwickeln "eigene " digitale Plattformen neu oder weiter oder sie beteiligen sich an bereits existierenden Plattformen. Auf solchen (I)IoT-Plattformen können Produkte oder Services vertrieben oder auch Kunden mit Lieferanten vernetzt werden.

Geschäftsmodelle: Alt und Neu in Koexistenz

45 Prozent der befragten Unternehmen haben sogenannte Pay-per-Use- oder Production-as-a-Service-Modelle eingeführt: Beispielsweise verkauft ein Maschinenbauer keine Maschinen mehr, sondern Produktionskapazitäten - und zwar so, wie sie der Kunden konkret benötigt.

18 Prozent der befragten Unternehmen, in denen neue Produkte und Dienstleistungen im Zuge von Industrie 4.0 entwickelt oder geplant werden, setzen auf datenbasierte Geschäftsmodelle. Die verkaufen Produkt- und Produktionsdaten oder bieten aufbauend darauf neue Dienste an - zum Beispiel mit dem Ziel , die Qualität oder Handhabung eines Produkts und damit die "Produkterfahrung" zu verbessern.

Derzeit haben die neuen Geschäftsmodelle aber nur zu einem kleinen Teil disruptiven Charakter: Bei drei Prozent der betreffenden Unternehmen wurden bestehende Geschäftsmodelle komplett durch neue (digitale) abgelöst. Bei einer Mehrheit von 77 Prozent werden neue und alte Geschäftsmodelle vorerst noch nebeneinander betrieben

5G für drei Viertel der Industrieunternehmen von Bedeutung

Sehr erfreulich: "Verschwörungsmythiker" wie jene, die das (de facto nur punktuell existierende) 5G-Mobilfunknetz für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich machen, scheint es unter den Befragten eher nicht zu geben. Im Gegenteil: Der Großteil der deutschen Industrieunternehmen setzt große Hoffnungen in den neuen Mobilfunkstandard 5G, mit dem sich große Datenmengen drahtlos und in Echtzeit übertragen lassen. 73 Prozent der Industrieunternehmen sehen die Verfügbarkeit von 5G für das eigene Geschäft als wichtig an – davon 36 Prozent als „sehr wichtig“ und 37 Prozent als „eher wichtig“.

„5G ist für die deutsche Industrie eine Schlüsseltechnologie. Sie ermöglicht Übertragungen in Echtzeit, eine höhere Netzwerk-Kapazität und eine quasi unbegrenzte Zahl an Menschen und Geräten, die innerhalb der 5G-Netze miteinander in Echtzeit kommunizieren können – eine Voraussetzung für autonomes Fahren oder die Kommunikation zwischen Maschinen ohne Kabel. 5G würde ich als Nervensystem der Industrie 4.0 bezeichnen“, betont Berg.

Künstliche Intelligenz steht hoch im Kurs

Auch das Thema künstliche Intelligenz (KI) steht bei den befragten Unternehmen hoch im Kurs. Jedes siebte Unternehmen (14 Prozent) nutzt bereits aktuell künstliche Intelligenz im Kontext von Industrie 4.0, wobei größere Unternehmen ab 500 Mitarbeitern mit 23 Prozent deutlich häufiger auf KI setzen als kleinere Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern (neun Prozent) oder 200 bis 499 Mitarbeitern (elf Prozent).

Zu den gängigen KI-Anwendungen zählen etwa Predictive Maintenance, bei der mithilfe von Algorithmen und Sensoren der Betrieb von Maschinen überwacht wird, so dass die KI noch vor einem drohenden Ausfall auf die notwendige Wartung hinweist. Auch Roboter, die ihre Arbeitsabläufe auf aktuelle Erfordernisse hin selbständig anpassen können, sind ein solches Beispiel.

Zu den wichtigsten Vorteilen von KI in der Industrie zählen die Unternehmen neben der genannten Möglichkeit der vorausschauenden Wartung (43 Prozent) eine Steigerung der Produktivität (41 Prozent) sowie die Optimierung von Produktions- und Fertigungsprozessen (39 Prozent).

Mehr als jedes zweite Industrieunternehmen (58 Prozent) sieht in KI disruptives Potenzial, hält es also für wahrscheinlich, dass Geschäftsmodelle dadurch nachhaltig und tiefgreifend verändert werden. „KI ist eine epochale Technologie, die die Weltwirtschaft und gerade auch die Industrie revolutionieren wird. Damit das gelingt, brauchen wir nicht nur Maschinen- und Prozessdaten – sondern auch exzellent ausgebildete KI-Experten“, sagt Berg.

Beschäftigungschancen für gering Qualifizierte sinken

Und: Industrie 4.0 schafft auch Arbeitsplätze: Allerdings - und nun kommt die bittere Pille - aber wohl eher nur für Qualifizierte.Bereits 2019 haben 31 Prozent der Industrieunternehmen, die Industrie 4.0 anwenden oder planen, neue Mitarbeiter für den Bereich Industrie 4.0 eingestellt – und immerhin jedes fünfte Unternehmen (20 Prozent) will dies 2020 tun. Allerdings steht dem auch ein Beschäftigungsabbau gegenüber: 14 Prozent planen für 2020, Mitarbeiter infolge der Nutzung von Industrie 4.0 zu entlassen.

Dabei sind 61 Prozent aller Industrieunternehmen der Meinung, dass durch Industrie 4.0 insbesondere Arbeitsplätze für gering Qualifizierte in den Fabriken wegfallen. Die Unternehmen reagieren allerdings auch aktiv auf diesen Umstand: Zwei Drittel (65 Prozent) der Nutzer und Planer von Industrie 4.0 wollen in diesem Jahr Mitarbeiter für Industrie 4.0 weiterbilden.

„Die Einführung neuer Technologien, Werkzeuge und Methoden hat natürlich Auswirkungen auf die Beschäftigten in den Unternehmen. Digitale Bildung und Weiterbildung sind jetzt und in Zukunft essenziell“, betont Bitkom-Präsident Achim Berg. „Der Wissens- und Ausbildungsbedarf wird bedingt durch schnellere Innovations- und kurze Produktzyklen immer größer. Digitale Bildung langfristig zu garantieren, muss gemeinsames Interesse von Politik und Wirtschaft sein.“

Allerdings geben 58 Prozent an, dass der Mangel an Spezialisten für Industrie 4.0 zu den großen Hemmnissen zählt – 2019 waren es noch 55 und 2018 nur 49 Prozent. Als weitere Hemmnisse für Industrie 4.0 werden hohe Investitionskosten (73 Prozent) und Anforderungen an Datenschutz (67 Prozent) und Datensicherheit (66 Prozent) gesehen.

Bitkom fordert ambitionierte Flankierung durch die Politik

Gerade während der Corona-Krise gelte es, die Ärmel hochkrempeln und die Digitalisierung der Industrie weltweit anzuführen, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Jedoch brauche der Umbau der analogen Industrie zur Industrie 4.0 eine "ambitionierte Flankierung durch die Politik".

Der Bitkom fordert in diesem Zusammenhang, mutig und verantwortungsvoll die "Datenschätze zu nutzen und künstliche Intelligenz zu einer europäischen Schlüsseltechnologie machen.“ Dazu könne das von Deutschland und Frankreich gemeinsam vorangetriebene Projekt Gaia-X einen wesentlichen Beitrag leisten.

Mit Gaia-X soll eine besonders sichere europäische Cloud-Infrastruktur geschaffen werden. „Wenn Gaia-X jetzt richtig aufgesetzt wird, kann sie das Vertrauen in die Sicherheit und den Schutz von Daten der Industrie 4.0 entscheidend stärken – und damit auch den sicheren Datenaustausch der Unternehmen untereinander“, betont Berg. Dies bedeute auch eine Stärkung der digitalen Souveränität und Datensouveränität Deutschlands und Europas.

Industriepolitik = Digitalpolitik

Auch die Unternehmen sehen die Politik am Zug: 67 Prozent sind der Meinung, in der Politik bestehe kein ausreichendes Verständnis für die Bedeutung von Industrie 4.0. Mehr als drei Viertel (76 Prozent) fordern eine neue Politik für Industrie 4.0. Berg: „Im Digitalzeitalter ist Industriepolitik gleichbedeutend mit Digitalpolitik. Wenn Made in Germany weiterhin weltweit gefragt sein soll, müssen wir in der Industrie 4.0 nicht nur mitspielen, wir müssen den Ton und das Tempo vorgeben."

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal Industry of Things.

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