Metallverarbeitung Energiepreisexplosion drückt deutsche Metallverarbeiter an die Wand

Redakteur: Peter Königsreuther

Die WSM befürchtet, dass der rasante Preisanstieg für Industriestrom und Erdgas Mittelständlern aus der Stahl- und Metallverarbeitung die Produktion in Deutschland unmöglich macht.

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Werden viele Stahlverarbeiter von den horrenden Strom- und Erdgaspreisen bald erdrückt? Das befürchten zumindest die Experten des Verbandes des WSM Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung e.V.. Lesen Sie hier mehr.
Werden viele Stahlverarbeiter von den horrenden Strom- und Erdgaspreisen bald erdrückt? Das befürchten zumindest die Experten des Verbandes des WSM Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung e.V.. Lesen Sie hier mehr.
(Bild: dpa)

Der Anstieg der Energiepreise bedroht die deutsche Stahl- und Metallverarbeitungsbranche. Einige prognostizieren sogar bereits den Abgesang vieler mittelständischer Betriebe, die als Rückgrat der deutschen Industrie gelten. Dass die Angst umgeht, hat angesichts folgender Zahlen seinen Grund, wie der WSM Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung e.V. weiß: Der Börsen-Strompreis für den Bezug im Jahr 2022 ist seit Oktober 2020 von rund 40 Euro pro Megawattstunde auf über 128 Euro pro Megawattstunde (Base-Load) gestiegen. Der Gaspreis kletterte im selben Zeitraum von unter 30 Euro pro Megawattstunde auf knapp 130 Euro Megawattstunde (zwischenzeitlich auf 160 Euro pro Megawattstunde).

Während die abgesenkte EEG-Umlage eine leichte Milderung des Anstiegs der Strompreise bewirkt habe, komme zu der Entwicklung beim Erdgas die Anfang 2021 eingeführte rein nationale CO₂-Bepreisung oben drauf. Besonders die Betriebe, die viel Strom brauchten und eine geringere EEG-Umlage zahlten, profitierten von der niedrigeren Umlage auch noch deutlich weniger. Für nicht von den staatlichen Abgaben entlastete Betriebe sind Strompreiserhöhungen von 34 Prozent zu erwarten, heißt es. Die Gaspreise könnten um 240 Prozent oder mehr ansteigen, wenn der zuständige Einkäufer einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Zu allem Übel schließe sich das Zeitfenster zur Beschaffung der Energie für 2022 zusehends.

Knappe Gewinnmarge

Der Klimaschützer mag frohlocken, dass bei derart hohen Energiepreisen, der leider noch teure „grüne“ Wasserstoff zum Zuge kommen müsste. Doch steht dieser durchaus aussichtsreiche Klimaretter den mittelständischen Verarbeitungsbetrieben noch lange nicht zur Verfügung, betont der WSM. Was das angehe, so dürften zunächst die Dax-Konzerne aus der Stahl-, Chemie-, Luftfahrt-, und Automobilindustrie berücksichtigt werden. Und die Kreuzfahrer sind ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Die Politik sollte nicht vergessen, dass diese Konzerne aus dem Mittelstand heraus mit Innovationen und Komponenten versorgt würden, deren Herstellung nicht nur aufgrund der steigenden Anforderungen an Zuverlässigkeit und Haltbarkeit ebenfalls energieintensive Prozesse erforderten.

Für viele mittelständische Betriebe bedeutet die Verteuerung deshalb, dass sie nicht mehr kostendeckend produzieren können. Im Durchschnitt erziele die Branche eine Gewinnmarge von 1,5 Prozent (Stand 2019). Und selbst beim mittleren Energiekostenanteil von 2,1 Prozent sei angesichts der skizzierten Preisentwicklungen schon jedem Sextaner klar, dass ab 2022 erhebliche Verluste unvermeidlich blieben. Die energieintensiveren Betriebe mit Energiekostenanteilen von über 5 Prozent, teilweise dem Doppelten, müssten bei diesen trüben Aussichten eigentlich sofort ihre Werkstore schließen, denn eine Weitergabe der Kosten an die Kunden gestaltet sich erfahrungsgemäß äußerst schwierig.

Denn die Betroffenen beliefern meist marktmächtige Kunden, wie die Automobilindustrie. Dort ist die gelebte Praxis, dass nachweisbare oder offensichtliche Kostenanstiege auf der Materialseite (hier eben Stahl oder andere Metalle, wie Aluminium) verhandelbar sind und zumindest teilweise, mit oft erheblichem Zeitverzug, ausgeglichen werden, erklärt der WSM. Andere Kostensteigerungen aber, etwa das Personal- oder eben die Energie betreffend, müssten dagegen regelmäßig durch „Effizienzsteigerungen“ bei den Zulieferern abgefedert werden. Doch gehe das kaum ins Unendliche.

Talfahrt für Traditionsunternehmen

Angesichts der skizzierten Preisentwicklungen werde diese Verhandlungspraxis unweigerlich zunächst zum Aussterben der Zulieferindustrien und anschließend zu größten Problemen bei den Automobilherstellern führen, glaubt der WSM. Und dann kämpft man noch zusätzlich zu dem auf beiden Seiten zu bewältigenden Strukturwandel.

Dann, heißt es weiter, gehe es auch Familienunternehmen an den Kragen, die an ihren Standorten seit Jahrzehnten und noch viel länger oft der größte Arbeitgeber sind, deren Verantwortliche im Gegensatz zu den börsenorientierten Konzernen noch enge Beziehungen zu den Beschäftigten pflegen, soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, ja, den Zusammenhalt der Gesellschaft garantieren.

Zwei Wege aus dem Energiepreisdilemma

Der WSM erkennt momentan nur zwei Wege aus dem Energiepreisdilemma, die aufeinander aufbauend, einen robusten Rettungsanker für die Stahl- und Metallverbeiter schmieden könnten:

Zunächst müssen die Kunden anerkennen, dass die Entwicklung der Kosten jenseits des Vormaterials weder von den Lieferanten beeinflussbar ist, noch von ihnen getragen werden kann. Denn zumindest kurzfristig sind auch keine weiteren Effizienzmaßnahmen umsetzbar, wie sie immer stärker nicht nur von Kunden sondern auch von der Politik angereizt werden. Es sei kein anderer Ausweg für die Zulieferbetriebe erkennbar!

Zweitens muss die Bundesregierung schnellstmöglich die Abschaffung der energiewendebedingten staatlichen Abgaben (EEG-, KWK-, Offshore-Umlage) einleiten und die Energiesteuern auf die EU-Mindestsätze absenken. Das könnte den Strompreis um rund 6 Cent pro Kilowattstunde entlasten. Außerdem sollte der neue, rein nationale CO₂-Preis kurzfristig ausgesetzt werden. Das wäre zwar nur ein kleiner Tropfen auf einen wahrlich glühend heißen Stein, zeichnet der WSM das dramatische Bild der Lage. Doch würde das die europäischen Kostenniveaus angleichen un den politischen Zielen der Verteuerung fossiler Brennstoffe gar nicht entgegenstehen. Denn diese sind aktuell nicht nur bereits teuer genug, sondern eindeutig zu teuer! Andere EU-Mitglieder denken bereits laut über Deckelungen der Energiepreise nach – der deutschen Industrie darf dadurch kein zusätzlicher Nachteil entstehen.

Holger Ade, Leiter Industrie- und Energiepolitik im WSM, fordert: „Wenn die Energiepreise nicht schnell auf ein europäisches Niveau sinken, werden wir leider Insolvenzen sehen, die vermeidbar gewesen wären. Erste Fälle gibt es bereits.“

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