Geschichte der Konstruktion

Von der Zeichenmaschine zur 3D-Konstruktion

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Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich aber die Praktiker durch. An der Spitze stand Alois Riedler, der nach seiner Berufung an die Technische Hochschule in Berlin im Jahre 1888 einen von ihm selbst so genannten „siebenjährigen Krieg“ gegen das Übergewicht der Theorie entfesselte und erreichte, dass die Mathematik zugunsten von Laborarbeit und Konstruktionsübungen reduziert wurde. Sein 1896 erschienenes Werk „Das Maschinen-Zeichnen“ verstand er als „Kampfschrift“ – auch für die bemaßte Schwarz-Weiß-Zeichnung. Schattieren und Colorieren lehnte er ab.

Drei Typen des Konstruierens prägen das Bild

Erst gegen 1930 wurden jedoch Ansätze zu einer „Konstruktionslehre“ entwickelt und flossen Überlegungen über die Phasen im Konstruktionsprozess – etwa kinematische Ausarbeitung, räumliche Anordnung, Dimensionierung – mit Bestrebungen zusammen, die vermeintlich auf Erfahrung basierende Konstruktionspraxis durch „Konstruktionsregeln“ zu unterstützen: etwa Beschränkung von Bearbeitungsflächen, Vermeiden von Rundungen und mehr.

Die Ausbildung an den Technischen Hochschulen lief der betrieblichen Praxis meist weit voraus. Zeichnungen, wie sie von Studenten übungshalber angefertigt – oft nur abgezeichnet – wurden, waren bis weit in das 19. Jahrhundert in den meisten Unternehmen noch gar nicht in Gebrauch. Auch Diplome galten wenig. Die meisten Studenten verließen die Hochschulen ohne Abschluss und traten ganz unten in die Hierarchie eines Unternehmens ein. Dort fanden sie Prof. König zufolge im Wesentlichen drei Typen des Konstruierens vor, die sich auch in der Betriebsorganisation bei Siemens deutlich abbilden:

  • Meisterkonstruktion: Die am Beginn der Industrialisierung übliche Arbeitsweise ist durch die Einheit von Konstruktion und Fertigung geprägt. Das Konstruieren ist noch nicht aus der Fertigung herausgelöst. Auch Entwicklungsarbeiten werden von Meistern erledigt, die gelegentlich den Titel „Ingenieur“ führen, aber nur in rein hierarchischer Funktion. Schulisch gebildete Ingenieure gibt es meist nicht. Auch Zeichnungen fertigt der Meister in der Werkstatt an, mit Kreide auf Schiefertafel oder Holz. Oft wird noch nach Modellen in natürlicher Größe gearbeitet, manchmal gänzlich ohne Papier wie angeblich noch beim Ford T – er sei „am Fahrzeug konstruiert“ worden, heißt es.
  • Erfinderkonstruktion: Ab 1850 beginnt die Trennung von betrieblichen Funktionen. Das Konstruieren ist nun zum Beispiel einer speziellen Person zugewiesen, einem Meister, gelegentlich auch schon einem schulisch gebildeten Ingenieur, der oft über ein Büro mit Schreiber, Zeichner, Kopist oder einem Pausjungen verfügen kann. Solch eine Hilfskraft kann ohne Fachschulausbildung zum „Ingenieur“ aufsteigen, ein Zeichner bruchlos Konstrukteur werden.
  • Konstrukteurkonstruktion: In den ab 1870 entstehenden großen Unternehmen wird die Herauslösung und Verselbstständigung der Konstruktion vollzogen. Die Voraussetzung für diesen Schritt und die zwingende Folge dieser Trennung ist die vollständig bemaßte technische Zeichnung, die alle notwendigen Informationen für die Fertigung enthält und die als „Sprache der Ingenieure“ bekannt wird. Ingenieure sprechen schwarz-weiß – farbige Ausmalung ist nicht erforderlich.

Die Ausdifferenzierung der Konstruktion und weiterer betrieblicher Funktionen wie der Arbeitsvorbereitung unterminierte die Stellung der Meister und bereitete die oft beschworene „Machtergreifung der Ingenieure“ vor, die von den großen Unternehmen nun in erheblichem Umfang eingestellt wurden – meist als Konstrukteure – und von denen zwischen den Weltkriegen auch die Rationalisierung und grundlegende Erneuerung des Lebens erhofft wurde. Ingenieure wurden Helden in Romanen.

Konstruktion musste zur Fertigungsfreundlichkeit angehalten werden

In den Unternehmen verschoben sich durch die Aufwertung der geistigen Arbeit die Gewichte von der Fertigung zur Produktentwicklung – von dem, was man herstellen konnte, zu dem, was man produzieren zu müssen glaubte. Deshalb musste immer wieder Fertigungsfreundlichkeit angemahnt werden. 1914 besorgte das die Zeitschrift „Werkstattstechnik“ in der Rubrik „Winke für den Konstrukteur“, die auch periphere Phänomene ansprachen wie in dem Beispiel: „Du sollst nicht eine Uhr auf deinem Zeichenbrett mit offenem Zifferblatt vor dir haben; sie lenkt ab.“

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