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Aus seinen Erkundungen zieht Feldhaus historische Linien von ursprünglich senkrechten Zeichenflächen über das liegende Zeichenbrett bis zu seiner Aufrichtung oder von perspektivischen Darstellungen zu Vorderansicht, Seitenansicht und Schnitt. Das Konstruieren wird dabei allerdings kaum sichtbar, es muss laut Feldhaus aber schon bei der Errichtung der ältesten Kultbauten wirksam gewesen sein – denn Zeichnungen können mehr sein als bloße Abbildungen.
Gewerbeschulen auf Irrwegen
Beispiele für diesen Überschuss sind Skizzen von Dingen, die nicht vorhanden sind: etwa geografische Hilfslinien, die man bereits in der Antike kannte, und Flugkurven von Geschossen. Greifbar wird die konstruktive Dimension auch im Anforderungskatalog des römischen Autors Vitruv an die Architekten, die in der Antike für alles zuständig waren, was gebaut wurde – auch für Maschinen. Danach mussten diese Spezialisten „kundig des Zeichnens“ sein, aber auch erfinderisch – ingeniös.
Damit ist der Begriff „Ingenieur“ berührt, der über das lateinische „ingenium“ – Geist, Verstand – auf den griechischen Wortstamm für schöpferische Kraft zurückgeht. Bezeichnet wird damit ein Beruf, der in einer langen Tradition geistige Arbeit zu leisten beanspruchte, aber erst im 19. Jahrhundert professionalisiert wurde. Diesen Prozess der Institutionalisierung der Ingenieurausbildung und Etablierung des Berufes in den Unternehmen hat Prof. Dr. Wolfgang König, Technikhistoriker an der TU Berlin, für die Zeit zwischen 1850 und 1930 rekonstruiert und herausgearbeitet, dass die Ausbildung im Konstruieren kulminierte. Es war „die Zielprojektion“ – dass sie im Spannungsverhältnis zum Zeichnen stand, kommt im Titel der sehr fundierten Studie zum Ausdruck: „Künstler und Strichezieher“.
Bei der Ausbildung an den im frühen 19. Jahrhundert gegründeten Gewerbeschulen wurden auch Irrwege beschritten. Vor allem zwischen 1860 und 1890 forcierten Maschinenbau-Professoren die theoretische Durchdringung des Lehrstoffs. Franz Grashof, Gründungsmitglied und langjähriger Direktor des 1856 gegründeten VDI, errichtete seine „Theoretische Maschinenlehre“ zum Beispiel auf einem starken mathematischen Unterbau.
Franz Reuleaux orientierte sich an logischen Notationen und setzte elementare technische Funktionseinheiten wie Prisma, Kegel, Kugel entlang kinematischer Ketten und Bewegungsformen wie Leitung, Haltung, Treibung zu Maschinen zusammen. Sein 1861 erschienenes Buch „Constructeur“ war laut König das erste deutschsprachige Werk, in dem dieser Begriff im Titel vorkam.
Mehr Konstruktionsübungen und weniger Mathematik
Die Theoretisierung wurde nicht von der Praxis, sondern von standespolitischen Erwägungen vorangetrieben. Das Ziel war, durch Verwissenschaftlichung mit dem Ansehen der Universitäten gleichzuziehen. Mit der Aufwertung der Gewerbeschulen zu Technischen Hochschulen ist das auch gelungen. Ein entscheidender Schritt auf diesem Weg war die Vereinigung der Berliner Bau- und der Gewerbeakademie zur Technischen Hochschule im Jahre 1879 – der heutigen TU.
Das Konstruieren war in dieser Sicht angewandte Naturwissenschaft, eher Rechnen oder logische Analyse – vom Zeichnen weit entfernt. Das verdeutlicht die Lehrpraxis. Es gab Vorlesungen und Demonstrationen mit Modellen. Konstruiert wurde bei Grashof nicht, Reuleaux legte vor allem Wert auf schöne Zeichnungen. Die Folge zeigte sich bei den Absolventen. „Sie construiren Schmiedestücke, welche sich nie schmieden, Gussconstructionen, welche sich nie formen lassen“ – so ein Industrieller 1874.
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