Das konsequente Umsetzen von Normen und Richtlinien in der Schraubtechnik reduziert Qualitätskosten und kann Leben retten. Aktuell sind viele Neuerungen im Bereich Montage und Qualitätssicherung zu erwarten, wie uns Markus Fischer, Director Technical Compliance, SCS Concept Deutschland, im Interview verrät.
Unter dem Titel „Wird um die industrielle Schrauberei zu viel Zauberei und Voodoo gemacht?” referiert Markus Fischer von SCS Concept Deutschland auf der Schraubtec West am 13. September 2023 in Bochum. Das Bild zeigt die Schraubtec Süd in Sindelfingen.
(Bild: VCG)
Löst sich eine Verschraubung, können die Folgen dramatisch sein: In den USA verlieren rund 60.000 Fahrzeuge pro Jahr ein Rad. Mehrere Todesfälle sind jährlich die Folge. In Veröffentlichungen und Statistiken finden sich zahllose Beispiele für teils dramatische Konsequenzen von fehlerhaften Verschraubungen. Die finanziellen Schäden, Imageverlust und rechtlichen Konsequenzen sind dramatisch. Es entstehen milliardenfache Risiken, denn alleine die deutschen Automobilhersteller verbauen etwa 200 Millionen Schrauben pro Tag! Und dennoch sind Normen und Richtlinien, die die Anwender unterstützen und schützen sollen. Zu den ungeliebten „Vorschriften“ in der Praxis. Nun stehen hier weitere wichtige Neuerungen an.
konstruktionspraxis: Herr Fischer, was bedeutet die Veröffentlichung neuer Normen und Vorschriften für die Industrie?
Markus Fischer: Grundsätzlich tangieren neue Normen in der Schraubtechnik die gesamte Industrieproduktion über alle Branchen hinweg. Es sollte deshalb ein hohes Informationsbedürfnis bei allen Verantwortlichen bestehen. Die Anwendung von technischen Regelwerken bedarf auf jeden Fall des qualifizierten Lesers. Das ist und war für alte wie neue technische Regeln sehr wichtig und gleichzeitig einer der größten Fallstricke. Während bei anderen Fügeverfahren eine ausgiebige und weitgreifende sowie wiederkehrende Qualifikation in allen Ebenen und Bereichen bereits Normalität ist, stellt sich das in der Schraubtechnik – verrückter Weise – noch immer anders dar. Das heißt aber auch, dass diese neuen Richtlinien beziehungsweise Überarbeitungen sicherlich für viel Arbeit in nahezu allen Industrieunternehmen führen wird, die Schrauben nutzen.
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Wie sollten die Unternehmen mit den Neuerungen umgehen?
Fischer: Normenmanagement ist essentiell im Zusammenhang mit CE oder Produkthaftung allgemein. Dabei reicht es eben bei weitem nicht aus, neue technische Regeln im Unternehmen vorliegen zu haben, vielmehr ist es unter anderem nötig, dass benannte und qualifizierte Personen, die Auswirkungen dieser Werke auf ihre Fertigung beziehungsweise Produkte analysieren sowie entsprechende Maßnahmen einleiten und auch intern kommunizieren.
Das A und O bleibt damit die Qualifikation – und hier gibt es ja seit über einem Jahr auch kompetente Hilfe mit dem VQWS (Verband für Qualifikation und Wissenstransfer in der Schraubtechnik) in Kooperation mit VDI sowie Vogel Verlag und in Abstimmung mit dem DSV (Deutscher Schraubenverband). Letzterer ist mit der nun über zehn Jahre existierenden Schraubfachingenieurs und -techniker Ausbildung sozusagen die Speerspitze und Vorzeigeprojekt für top Ausbildung an und um die Schraube, was aber auch noch nicht bei allen angekommen ist.
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Gibt es aus Ihrer Sicht auch Kritikpunkte bezüglich der Umsetzbarkeit und Sinnhaftigkeit neuer Normen?
Fischer: Dem Vorurteil, dass Normen und Richtlinien sich angeblich häufiger widersprechen oder nicht gut abgestimmt seien, sind wir im VDI in der Schraubtechnik mit enormen Arbeitseinsatz entgegengetreten. Als Liaison-Ingenieur für die meisten national und international übergreifenden Normentätigkeiten kann ich davon ein Lied singen. Wir glauben aber daran, dass es richtig und nötig ist dies zu tun, um die Technik voranzubringen und Hemmnisse abzubauen.
Auch die kontinuierliche Arbeit an einem einheitlichen Deutsch-Englischen Glossar für die Schraubtechnik soll den Anwendern zugutekommen und wird in unregelmäßigen Abständen vom VDI kostenfrei veröffentlicht. Wir haben zudem in den aktuellen Richtlinien die Anteile an Erklärungen und Beschreibungen weiter erhöht. Sprich – es wird viel getan – und ich bin vielleicht auch daher der Falsche, wenn man mich nach Kritikpunkten fragt. Kritik ist wichtig, selbst Teil der Lösung sein noch viel wichtiger.
Wer sollte sich in den Unternehmen von neuen Normen und Vorschriften angesprochen fühlen?
Fischer: Ich würde vorschlagen, dass sich zunächst einmal alle, die direkt oder indirekt mit der Schraubtechnik zu tun haben angesprochen fühlen. Denn selbst, wenn sie das Gefühl haben sollten, dass die spezifische Norm nicht direkt in ihren Aufgabengebiet fällt, gibt es sicherlich jemanden bei ihnen im Unternehmen, für den diese relevant und/oder wichtig ist. Diese sollten die Info daher doch bitte in ihre Fachbereiche weitertragen.
Stand: 08.12.2025
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Wo werden die Anforderungen an Schraubverbindungen geregelt?
(Bildquelle: BillionPhotos.com - stock.adobe.com)
Die Anforderungen an Schraubverbindungen werden durch nationale (z.B. DIN, VDI oder ASME) und internationale Normen wie beispielsweise EN, ISO oder ASTM geregelt. Diese Normen enthalten Spezifikationen und Empfehlungen für Schraubenmaterial, -größe und -geometrie sowie Anzugsmomente, Anziehverfahren, Werkzeuge und Messmittel. Es ist wichtig, die entsprechenden Normen und Vorschriften in Bezug auf Schraubverbindungen einzuhalten, da deren Einhaltung ein wichtiges Indiz ist, dass die Verbindungen sicher und zuverlässig sind. Es wird empfohlen, sich regelmäßig über neue Entwicklungen und Änderungen in den einschlägigen Normen und Vorschriften auf dem Laufenden zu halten. Dies ist ein wichtiger Bestandteil des Nachweises, dass man nach dem geforderten Stand der Wissenschaft und Technik fertigt. In der Regel werden Normen und Vorschriften im Bereich Schraubverbindungen von nationalen und internationalen Normungsorganisationen erarbeitet.
Worauf sollten die zuständigen Entscheider unbedingt achten?
Fischer: Seit über zehn Jahren gehe ich als Auditor und Berater in nahezu allen Branchen und in allen Unternehmensgrößen ein und aus und für mich bleibt eines immer wieder hängen – die Unternehmen müssen intern breiter und regelmäßig im Bereich Schraubtechnik qualifizieren. Nur hausinterne Kompetenz schafft Unabhängigkeit und nachhaltigen Erfolg. Dabei sind die Erfahrungen, die die Unternehmen im Bereich „Schraube“ über teils Jahrzehnte gesammelt haben, bereits bares Geld wert. Und auch zukünftig ein entscheidender Erfolgsfaktor, wenn sie mit dem aktuellen Stand der Technik abgeglichen und das Wissen auch intern verfügbar gemacht wird. Nur mit eigenen Fachleuten können sie Informationen, von Zulieferer, Dienstleistern und Kunden entsprechend hinterfragen – ansonsten müssen sie alles glauben.
Und nur weil viele etwas glauben oder es gar etwas vielleicht branchenüblich ist, muss es noch lange nicht technisch richtig oder sinnvoll sein – generell sollte man also kritisch bleiben, auch bei so vermeintlich einfachen Dingen wie der Schraubtechnik.
Welche Tipps können Sie geben, wie man in der Praxis damit umgehen sollte?
Massive Veränderungen haben auch immer schon die Möglichkeit zum Erfolg geboten. Das Recht auf Reparatur ist eine Herausforderung, aber ich glaube, dass Deutschland und auch Europa, wie kaum eine andere Weltregion, in der Lage sein wird hieraus Vorteile zu generieren und ableiten zu können. Dieses Recht kann sehr stark auf der Anwendung von Schrauben (etwa Wiederholverschraubung oder Demontierbarkeit) basieren und wir haben glücklicherweise eine sehr starke Industrie mit oftmals gut ausgebildeten Anwendern. Zu beachten ist hier aber, dass zu diesem Zweck häufig Schraubverbindungen anders oder neu ausgelegt werden müssen.
Zur Person Markus Fischer
Markus Fischer ist Director Technical Compliance bei der SCS Concept Deutschland GmbH.
(Bildquelle: SCS Concept Deutschland GmbH)
Markus Fischer ist seit fünf Jahren Teil der SCS Concept Group als Director Technical Compliance - einem Unternehmen in privater Hand mit Sitz in Mailand, Italien und etwa 180 Mitarbeitern. Die SCS Concept Group ist ein weltweit agierender Hersteller von Prüf- & Messgeräten für die Maschinen- und Prozessfähigkeit in der Schraubtechnik, sowie Montagwerkzeuge, produktivitätssteigernde Software und Kalibrierdienstleistungen. Neben seiner eigentlichen Tätigkeit führt er schraubtechnische Audits in Unternehmen jeglicher Industriebereiche durch und steht bei der Umsetzung der daraus resultierenden, vielfältigen Maßnahmen, in den folgenden Jahren mit Rat und Tat zur Seite. Fischer ist in verschiedenen nationalen Fachausschüssen (u.a. VDI, DSV), mehreren internationalen CEN und ISO-Normungsarbeitsgruppen sowie Deutschen Schraubenverband (DSV) aktiv und Dozent an der Universität Dresden zum Thema Maschinen- und Prozessfähigkeit im Rahmen des Aufbaustudiums zum Schraubfachingenieur/-techniker DSV. Ebenso ist er Gründungsmitglied des Verbands für Qualifikation und Wissenstransfer in der Schraubtechnik VQWS.
Welchen Herausforderungen muss sich die Schraubtechnik in Zukunft denn stellen?
Fischer: Themen wie Gewichtseinsparung sowie Miniaturisierung gewinnen weiter an Raum und Potential. Bei letzterem ist der DSV (Deutscher Schraubenverband) aktuell aktiv, um Anwenderleitfäden zu erarbeiten. Kleine Schrauben unter M2 verhalten sich signifikant anders als etwa die weit verbreiteten Schrauben ab M4 bis M14 oder auch Schrauben im Bereich der sogenannten Hochmomentanwendungen. Wer sich also aus der Vergangenheit in seinem „Drehmomentbereich“ sicher und wohl gefühlt hat, muss unter Umständen neue Kompetenzen erwerben.
Eine weitere große Herausforderung ist und bleibt die Digitalisierung, auch in der industriellen Schraubmontage. Um diese aus ihren Negativ-Image der ersten nicht produktivitätssteigernden industriellen Revolution herauszuführen, braucht es noch große Anstrengungen aller Beteiligten, sonst drohen große Risiken, wie etwa Produktivitätseinbußen und Qualitätsprobleme.
Kaum eine Technologie braucht die Unterstützung von moderner Mathematik, vielleicht auch KI, mehr als die multikomplexe Schraube. Schlüssel auch hier wird das Thema der Verlässlichkeit, Vergleichbarkeit und Rückführbarkeit der gesammelten Mess-Daten sowie der Kompetenz in den Unternehmen sein.