Führungswechsel an der PTC-Spitze Jim Heppelmann verabschiedet sich, Neil Barua kommt

Von Ralf Steck 5 min Lesedauer

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Sie sind selten geworden, die Visionäre mit breitem technischem Wissen und einer genauen Vorstellung davon, wo es hingehen soll im Bereich der Software für die Produktentwicklung. Mit Jim Heppelmann, CEO von PTC, verlässt einer dieser Visionäre die Branche, um seinem verdienten Ruhestand auf seiner kalifornischen Ranch zu verbringen.

Führungswechsel an der PTC-Spitze: Jim Heppelmann (li.) übergibt an Neil Barua.(Bild:  PTC)
Führungswechsel an der PTC-Spitze: Jim Heppelmann (li.) übergibt an Neil Barua.
(Bild: PTC)

Vor seinem Ruhestand besucht Heppelmann mit seinem designierten Nachfolger Neil Barua noch Niederlassungen und wichtige Kunden weltweit, um diesem einen optimalen Start zu ermöglichen. Bei einem Roundtable-Gespräch in München blickte Heppelmann zurück und in die Zukunft.

Steckenpferd: PLM

Jim Heppelmann ist seit 1985 in der IT-Branche unterwegs. Seine Karriere begann bei Control Data. Das Unternehmen entwickelte in Zusammenarbeit mit SDRC eines der ersten PLM-Systeme namens Metaphase. Im Jahr 1992 verließ er das Unternehmen, als Control Data aus dem Joint Venture ausstieg. Bei Metaphase stieg er zum CTO (Chief Technical Officer) auf, bevor er 1997 Windchill Technology gründete und auch dort als CTO agierte. Schon ein Jahr später akquirierte PTC das junge PLM-Unternehmen, Heppelmann blieb auf dem Posten als Windchill-CTO, bevor er 2002 zum CTO der gesamten PTC-Produktpalette aufstieg. Im Jahr 2010 schließlich löste er Richard „Dick“ Harrison an der Spitze des Unternehmens ab.

Schon diese Vita zeigt, dass Heppelmann zwei Themen beschäftigen: PLM und die dazu notwendige Technologie. Aber seine Vision reichte schon immer weit über die reine Datenverwaltung hinaus und umfasst einen ganzheitlichen Ansatz. Das zeigen auch die Akquisitionen, die teils recht zufällig aussahen, sich aber über die Zeit zu einem kompletten, runden Portfolio zusammenfügten, das den gesamten Produktlebenszyklus abdeckt.

Es reicht von der Konstruktion, wo dem Parametrik-CAD-System Pro/Engineer der Direct-Modeling-Pionier Co Create zur Seite gestellt wurde, über das Trio Kepware, Thingworx und Vuforia, bei dem es um Produktionsdaten, IoT und Visualisierung dieser Daten ging, bis hin zu Servigistics und jüngst Servicemax, die den Produkteinsatz mit Servicefunktionen begleiten. Aber nicht nur entlang des Produktlebenszyklus, sondern auch „quer“ dazu verstärkte sich PTC, unter anderem mit dem ALM (Application Lifecycle Management) -System Codebeamer und zuletzt pure Systems. Diese Systeme ermöglichen es, parallel zum Management von Mechanik und Elektronik im PLM-System die Softwareentwicklung zu verwalten.

Herausforderung: Datenverwaltung

Heppelmann kam zu einem Zeitpunkt zu PTC, an dem das Unternehmen mit verschiedenen Herausforderungen kämpfte. Er brachte mit Windchill die technische Grundlage dafür mit, die Daten von Pro/Engineer in einer Datenbank zu verwalten und intelligent miteinander zu verknüpfen. Es hatte sich gezeigt, dass komplexe Produktentwicklungen im Dateisystem kaum mehr zu verwalten waren – vor allem, weil parametrische 3D-Systeme mit Referenzen zwischen Dateien arbeiten, was das gesamte Datenkonstrukt sehr instabil macht, wenn es im normalen Dateisystem gehalten wird. Gleichzeitig anderen drängten Systeme wie Solidworks auf den Markt, die keine teuren UNIX-Workstations benötigten, sondern auf preiswerter Windows-Hardware liefen. Mit seinen Akquisitionen brachte Heppelmann das Unternehmen auf Kurs und auf einen seither fast ununterbrochenen Wachstumspfad.

Er sieht PTC auf gutem Weg: „Als ich zum Unternehmen gestoßen bin, hatte PTC keine Vision und war unter starkem Druck. Heute haben wir die Vision umgesetzt. In der Zukunft muss das Portfolio nun komplettiert und ausgebaut werden.“ Wichtig sei die Skalierung des Unternehmens, worauf sein Nachfolger Barua sehr gut vorbereitet sei: „Unsere Kunden entwickeln sich langsam und bewusst weiter, und so tun wir das auch.“

Barua: Erfahrung im Finanzbereich

Mit Barua wiederholt sich Heppelmanns Geschichte, der Manager kam mit der Akquisition von Servicemax am Anfang dieses Jahres zu PTC. Der bisherige Service-Max-CEO Neil Barua ist nun designierter Nachfolger von Heppelmann. Nach der Übernahme leitete Barua bis zu seiner Ernennung zum designierten CEO den Geschäftsbereich Service Lifecycle Management von PTC.

Im Gegensatz zum technisch orientierten Heppelmann hat Barua seine Berufserfahrung eher im Finanzbereich gesammelt, unter anderem war er als Operating Partner bei Silver Lake tätig, einem weltweit führenden Unternehmen für Technologieinvestitionen. Davor war Barua CEO von IPC Systems, einem globalen Anbieter von spezialisierten Technologielösungen für die Finanzdienstleistungsbranche. Neil Barua hat einen B.S. in Finance & Economics der NYU Stern School of Business.

Rücktritt gut vorbereitet

Heppelmann bereitet seinen Rücktritt deshalb nach eigener Aussage seit etwa fünf Jahren vor, in denen er gemeinsam mit dem Aufsichtsrat eine starke Führungsmannschaft mit ausgewiesener Technologieexpertise zusammenbrachte. Nicht zuletzt sitzt dort mit Jon Hirschtick der Mitgründer von Solidworks und Onshape.

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Die beiden PTC-Manager kamen direkt von einem hochklassigen Treffen der Automobilindustrie, dementsprechend präsentierte Heppelmann einige interessante Einsichten in diesen Markt. Er sieht die agile Entwicklungsmethodik, die im Softwarebereich nahezu Standard ist, als großen Sprung: „Der Automobilhersteller, der als erster agile Entwicklungsmethoden in der mechanischen Konstruktion einsetzen kann, wird einen unglaublichen Vorsprung vor den Mitbewerbern haben“. Bei der Umsetzung des industriellen Metaverse sieht Heppelmann noch einige Jahre Entwicklungsbedarf, vor allem bei der Entwicklung von bequem nutzbaren und preiswerten AR-Brillen. Wichtig sei es, die Entwicklung des Digital Thread voranzutreiben. Heppelmann ist sicher, dass eine Digitalisierung von Unternehmen ohne Produktdatenmanagement unmöglich ist.

Wachstumsfeld: ALM

Der scheidende CEO hob im aktuellen Portfolio Codebeamer hervor, ein Application Lifecycle Management-Software-Tool, das das Unternehmen im April 2022 eingekauft hatte. Das System ist bei Unternehmen wie VW, BMW oder Mercedes im Einsatz, Heppelmann verwies auf ein starkes Wachstum in Deutschland: „Codebeamer entwickelt sich zur Standard-ALM-Software im Automotive-Bereich“. Mit dem aktuellen Kauf von pure systems baut PTC diesen Bereich noch aus.

Die zweite Maßnahme, um einen möglichst erfolgreichen Übergang sicherzustellen, ist die erwähnte achtmonatige Einarbeitungszeit, in der Heppelmann und Barua sämtliche Niederlassungen und die wichtigsten Kunden sowie Veranstaltungen besuchen. So soll Barua nicht nur mit umfassendem Wissen und Verständnis für PTC-Produkte und -Mitarbeiter ausgestattet werden, sondern auch mit möglichst vielen persönlichen Kontakten.

Neben Bernard Charles ist Heppelmann einer der letzten großen technischen Visionäre die Branche, beide sahen in CAD nie das Hauptprodukt, sondern die Quelle, in der Daten entstehen, die dann in weiteren Prozessen genutzt werden. Die PLM-Datenbank als Backbone und Grundlage des ganzen Systems ist ein weiterer Fixpunkt dieser Vision. Heppelmann wusste zu überraschen, immer wieder waren Zukäufe auf den ersten Blick wenig passend – während er schon wusste, welche Puzzlestücke sonst noch fehlten, um das PTC-Portfolio wirklich komplett und umfassend zu gestalten. Neil Barua kann auf dieser Basis das Unternehmen skalieren und die Produktpalette weiter zusammenführen.

* Dipl.-Ing. Ralf Steck ist freier Fachjournalist für die Bereiche CAD/CAM, IT und Maschinenbau in Friedrichshafen.

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