Aachener Ingenieurpreis Dr. Thorsten Sieß für kleinste Herzpumpe der Welt ausgezeichnet

Quelle: VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. 5 min Lesedauer

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Dr. Thorsten Sieß erhielt Anfang September 2025 den Aachener Ingenieurpreis für die von ihm entwickelte Impella Herzpumpe, welche nur wenige Zentimeter klein ist und weltweit schon circa 400.000 Leben gerettet hat.

Dr, Sieß wird mit dem Aachener Ingenieurpreis 2025 ausgezeichnet.(Bild:  Matthias Capellmann)
Dr, Sieß wird mit dem Aachener Ingenieurpreis 2025 ausgezeichnet.
(Bild: Matthias Capellmann)

Die gemeinsame Auszeichnung der RWTH Aachen und der Stadt Aachen würdigt den Weg von Dr. Sieß: von seinem Studium an der RWTH Aachen über die Gründung seines eigenen Unternehmens bis hin zur heutigen Rolle als CTO von Johnson & Johnson & Johnson MedTech | Heart Recovery. Mit der Impella Herzpumpe hat er ein medizintechnisches Produkt entwickelt, das weltweit Maßstäbe setzt und Aachens Rolle als Innovationsstandort hervorhebt.

„Dr. Thorsten Sieß ist ein großartiges Beispiel dafür, wie Ingenieurinnen und Ingenieure mit Kreativität und Fachwissen Lösungen entwickeln, die täglich Leben retten. Sein Werdegang zeigt, welches Potential Ingenieurkompetenz gepaart mit Innovations- und Unternehmergeist bieten, um die großen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern und Deutschland zukunftsfähig zu machen. Das ist ganz im Sinne unserer VDI-Initiative Zukunft Deutschland 2050“, sagt VDI-Präsident Prof. Lutz Eckstein, der den Preisträger im Rahmen eines Festakts im Krönungssaal des Aachener Rathauses ehrte.

Interview

Dr. Thorsten Sieß im Gespräch mit Gudrun Huneke vom VDI

VDI: Die kleinste Herzpumpe der Welt ist ein wichtiger Beitrag zur Medizintechnik und hilft tausenden Menschen gesund zu werden. Wie kam es zu der Idee, ein derart miniaturisiertes System zu entwickeln?

Thorsten Sieß: In den frühen 90er Jahren konnte man Medizintechnik an der RWTH Aachen noch nicht studieren, jedoch hatte ich die Möglichkeit, Vertiefungsvorlesungen zu besuchen. Während einer solchen Vorlesung berichtete mein späterer Chef, Professor „Paul“ Helmut Reul, am Helmholtz-Institut von einer Entwicklung in den USA namens „Hemopump“. Dabei handelte es sich um eine Pumpe, die an der Spitze eines Katheters angebracht war mit einer schnelldrehenden biegsamen Welle und einem außerhalb des Körpers angeordneten Antrieb– damals noch weit entfernt von dem, was wir heute können. Doch es war die erste ihrer Art und hat mich sofort fasziniert.

Ursprünglich wollte ich im Bereich Luft- und Raumfahrt mein Studium vertiefen. Da passte die Miniaturturbine einer Blutpumpe perfekt zu meinem damaligen Interesse. Also habe ich damals mein Glück versucht und Professor Reul direkt angesprochen: ‚Ich würde gern hier mitarbeiten.‘ Ich habe sogar meine eigenen DFG-Anträge ausformuliert, die schließlich bewilligt wurden. Damit war ich für die nächsten vier Jahre an der Entwicklung der ersten intravasalen Microaxialablutpumpe mit direkt integriertem Antrieb an der Spitze eines Katheters beschäftigt, die dann auch das Promotionsthema wurde.

VDI: Welches waren bei der Entwicklung die größten Herausforderungen bis zur Marktreife?

Thorsten Sieß: Mit dem Anspruch Technologie bedarfsgerecht für unsere Patientinnen und Patienten zu entwickeln, kamen auch schon die größten Herausforderungen, denn jede/r Mensch ist anders bezüglich des Krankheitsbildes aber auch rein von der Anatomie. So musste die Miniaturblutpumpe im Laufe der Entwicklung immer weiter verkleinert werden, um am Ende auch über eine Schleuse eingebracht werden zu können und das alles noch mit Zielblutflüssen > 3.0 L/min. Das Ganze muss dann auch noch so blutverträglich wie möglich erfolgen und den Patienten oder die Patientin bedarfsgerecht unterstützen. Deshalb war es auch nicht ausreichend, nur eine gute Blutpumpe zu erschaffen, sondern es wurden auch noch Sensoren integriert, die für eine zielgerichtete Unterstützung notwendig sind. Denn die Herzerholung war und ist das wichtigste Ziel bei der Therapie.

Es gibt für mich und mein Team nie „gut genug“: Unsere zentrale Frage lautet immer: ‚Was können wir auf technischer Ebene verbessern?‘ Mit diesem Anspruch innovieren wir stetig — mit dem Ziel, bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen. Unser Anliegen ist es, so viele Herzen wie möglich zu erhalten und so viele Menschenleben wie möglich zu retten.

VDI: Welche Rolle spielen Kooperationen mit Medizinern, Biologen oder Werkstoffforschern in Ihrem Projekt?

Thorsten Sieß: In unserem Projekt spielt die enge Kooperation mit Medizinern, Biologen und Werkstoffforschern eine zentrale Rolle. Medizinische Experten sorgen dafür, dass unsere Lösungen die tatsächlichen Bedürfnisse der Patienten treffen und im klinischen Alltag praktikabel sind. Biologen und Mediziner liefern wertvolle Einblicke in die biologischen Prozesse und Heilungsmechanismen, die uns helfen, Technologien noch besser auf den menschlichen Körper abzustimmen und die Herzunterstützung bedarfsgerecht zu steuern. Die Werkstoffforschung tträgt maßgeblich dazu bei, biokompatible, langlebige und effiziente Materialien zu entwickeln.

Nur durch den Austausch verschiedener Fachrichtungen können wir innovative, effektive und nachhaltige Lösungen schaffen, die sowohl technologisch als auch medizinisch relevant sind. Diese Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um Projekte erfolgreich voranzutreiben und echten Mehrwert zu schaffen – zum Beispiel in der klinischen Forschung, die wir aktiv mit finanziellen Mitteln unterstützen. Es geht letztlich darum, evidenzbasiert nachzuweisen, was mit Herzunterstützung möglich ist. Denn unsere Vision und Mission ist es, nachhaltige und belegbare Fortschritte im Leben der Menschen zu erzielen.

VDI: Der Bedarf an leistungsfähigen, schonenden medizintechnischen Lösungen steigt. Welche Perspektiven sehen Sie für die Zukunft Ihrer Technologie?

Thorsten Sieß: Die Miniaturisierung und der Trend zu minimalinvasiven Therapieansätzen in der Medizin ist kein Selbstzweck. Am Bespiel der Impella Technologie haben wir gesehen, dass die schnelle Bereitstellung von Herzunterstützung früher in der Therapiekaskade Leben rettet und den geschädigten Herzen eine verbesserte Chance zur Erholung bietet. Der Bedarf an schonenden, leistungsfähigen Medizintechniklösungen wächst stetig. Für die Zukunft sehen wir großes Potenzial in der Weiterentwicklung unserer Systeme: Sie werden kompakter, intelligenter und langlebiger oder nochmal kleiner und damit für jeden interventionellen Kardiologen einsetzbar. Wir entwickeln derzeit komprimierbare Blutpumpen, die im Körper aufgehen, und dort genauso effektiv pumpen, wie größere Modelle. Ein Beispiel dafür ist die Impella ECP, die wir aktuell in der klinischen Erprobung haben.

Unsere wichtigsten Entwicklungsrichtungen sind: kleine und intelligente Systeme, die Digitalisierung, längere Unterstützungszeiten sowie ein ganzheitlicher Ansatz, der auch andere Organe wie Lunge und Niere mit einbezieht. Wir haben viele Ideen und sehen enormes Potenzial, um die Behandlung von Herzpatientinnen und -patienten weiter zu verbessern.

Über den Aachener Ingenieurpreis

Der Aachener Ingenieurpreis ist eine gemeinschaftliche Auszeichnung der RWTH und der Stadt Aachen – mit freundlicher Unterstützung des VDI als Preisstifter. Jährlich ausgezeichnet wird eine Persönlichkeit, die mit ihrem Schaffen einen maßgeblichen Beitrag zur positiven Wahrnehmung oder Weiterentwicklung des Ingenieurwesens beziehungsweise der Wissenschaften geleistet hat. Die Auszeichnung wurde bereits zum elften Mal verliehen. Erster Preisträger war Professor Berthold Leibinger (gestorben 2018), Gesellschafter der Trumpf GmbH + Co. KG. Es folgten Professor Franz Pischinger, Gründer der Aachener FEV Motorentechnik GmbH, der Astronaut Thomas Reiter, der langjährige Direktor am Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Professor Manfred Weck, Professorin Emmanuelle Charpentier als Mikrobiologin und Miterfinderin der Gen-Schere CRISPR-Cas9, der Unternehmer Hans Peter Stihl, der Technologie-Pionier Sebastian Thrun, Wissenschaftsjournalistin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und BASF-Vorstandsmitglied Dr. Melanie Maas-Brunner und zuletzt Dr. Sabine Klauke, Chief Technology Officer bei Airbus.

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