Vor 125 Jahren gründete Christian Mayr das Unternehmen Mayr Antriebstechnik. Wir haben mit seinem Ur-Ur-Enkel Ferdinand Mayr, dem heutigen Geschäftsführer, über Trends in der Antriebstechnik, die Digitalisierung und die Herausforderungen als Komponentenhersteller gesprochen.
Ferdinand Mayr ist geschäftsführender Gesellschafter der Chr. Mayr GmbH + Co. KG. Gemeinsam mit seinem Großvater Fritz Mayr und Günther Klingler bildet er die Geschäftsführung des im Jahr 1897 gegründeten Familienunternehmens aus Mauerstetten. Im Jahr 2022 feiert man dort das 125-jährige Firmenjubiläum.
(Bild: Mayr Antriebstechnik)
Mayr Antriebstechnik feiert in diesem Jahr 125-jähriges Jubiläum. Wie ist das Unternehmen in das Ehrenjahr gestartet?
Trotz der widrigen Umstände, die derzeit am Markt herrschen, sind wir 2022 weiter auf Wachstumskurs. Wir sind Komponentenhersteller und können daher nicht zu weit in die Zukunft sehen, sind von Lieferketten und Materialbeschaffung abhängig. Aber wir verzeichnen hohe Auftragseingänge und sind optimistisch, dass 2022 ein erfolgreiches Geschäftsjahr wird – passend zum Jubiläum.
Welche konkreten Pläne gibt es für das Jahr 2022?
Priorität eins hat für uns, die Lieferketten stabil zu halten und Versorgungsengpässe zu vermeiden. Unsere zweite Priorität liegt auf der Kundenzufriedenheit. Damit einher gehen eine zuverlässige und sichere Lieferung, die Entwicklung kundenindividueller Lösungen für die hohen Anforderungen der derzeit sehr dynamischen Märkte sowie die schnelle Umsetzung neuer Projekte gemeinsam mit unseren Kunden. Neben diesen Schwerpunkten steht natürlich die Weiterentwicklung unserer Produkte im Fokus. Auch die digitale Kundenansprache und die Digitalisierung unserer Prozesse, die während der Pandemie intensiv ausgebaut wurden, sollen weiter optimiert werden.
Natürlich wollen wir im Jubiläumsjahr auch feiern. Beim 100-Jährigen war ich noch im Schulalter, daher freue ich mich darauf besonders. Ein großes Familienfest, ein internationales Sales-Meeting, ein offizieller Festakt und eine Firmenhistorie sind geplant. An letzterer arbeitet mein Bruder schon intensiv.
Schauen wir einmal konkret auf Ihre Komponenten – die Kupplungen und Bremsen. Was treibt Sie in Forschung und Entwicklung der Produkte derzeit um?
Generell immer im Fokus steht bei uns die Sicherheitstechnik. Dabei beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Normenanforderungen, die sich stets weiterentwickeln, und stellen uns die Frage, wie wir und unsere Kunden die geltenden Normen entsprechend umsetzen können.
Ein weiteres Thema, das uns umtreibt ist die Lineartechnik im Bereich des Bremsenportfolios. Hier haben wir 2022 noch einiges vor, derzeit kann ich darüber allerdings noch nicht allzu viel verraten.
Ein Dauerbrenner ist und bleibt die Digitalisierung im Antriebsstrang. Bei Wellenkupplungen und Bremsen arbeiten wir kontinuierlich an digitalen Lösungen.
Haben Sie in Sachen Digitalisierung auch schon konkrete Produkte auf dem Markt?
Ja – unser Roba-Brake-Checker ist hier ein Aushängeschild. Er stellt eine Alternative zu rein mechanischen Überwachungsmethoden dar. Mit dem System lässt sich der Zustand einer Bremse ermitteln – allein durch die Analyse von Strom und Spannung. Zudem generiert es weitere Daten, die man im Zuge der Digitalisierung nutzen kann; zum Beispiel für Condition Monitoring, bei dem der Verschleiß der Bremse ausgelesen und für Predictive Maintenance genutzt werden kann.
Die Digitalisierung ist bei uns allgegenwärtig. Ein wichtiger Punkt ist: Digitalisierung geht nicht alleine. Wir sind Komponentenhersteller und somit angewiesen darauf, uns mit den Herstellern angegliederter Systeme zusammenzuschließen und auszutauschen. Nur so gelingen Digitalisierungslösungen, die dem Endkunden auch wirklich einen Mehrwert liefern.
Wie nehmen Sie die Nachfrage vom Markt wahr? Verlangen die Kunden überhaupt nach digitalisierten Komponenten?
Ja, absolut. Auch der Roba-Brake-Checker zeigt uns das. Er wird sehr gut am Markt angenommen und die Rückmeldungen unserer Kunden sind durchweg positiv. Und auch unsere drehmomentmessende Wellenkupplung, die Roba-DSM, ist seit über 15 Jahren erfolgreich am Markt und steht kurz vor einer neuen Evolutionsstufe.
Wenn der Antrieb immer kompakter und schneller wird, hat das auch unmittelbare Auswirkungen auf das Bremssystem. Es muss immer mehr leisten und hat dafür weniger Bauraum zur Verfügung.
Ferdinand Mayr, Mayr Antriebstechnik
Neben der Digitalisierung stellt auch die Dezentralisierung der Antriebstechnik einen großen Trend dar. Antriebe werden dabei immer kompakter. Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Produkte?
Die Dezentralisierung betrifft tatsächlich alle Komponenten im Antriebsstrang. Wenn der Antrieb dynamisiert, also immer kompakter und schneller wird, hat das beispielsweise unmittelbare Auswirkungen auf das Bremssystem, welches in Not-Aus-Situationen die anfallende Energie abbremst und umsetzt, um einen sicheren Not-Aus zu gewährleisten. Wird nun immer schneller gefahren, immer höher gedreht und immer kleiner gebaut, muss das Bremssystem auch immer mehr leisten, hat dabei aber immer weniger Bauraum zu Verfügung.
Das treibt unsere Entwicklungen dahin, dass wir u.a. eine kontinuierlich verbesserte Reibtechnologie einbringen. Gerade auch die zunehmende Servotechnik sorgt dafür, dass sich die Bremsanforderungen ändern. Außerhalb von E-Stops (Emergency Stops) gibt es eigentlich keine dynamischen Bremsungen mehr. Daher ist es umso wichtiger, dass die Bremsen im Falle eines E-Stops höchste Reibarbeit und Reibleistung auf den Punkt bringen. Hierfür werden spezielle Haltebeläge verwendet, welche auch ohne kontinuierliche Reibvorgänge diese Performance bringen. Die neue Haltebremse, die wir am Markt etabliert haben, trägt dem Rechnung.
Auch die Anforderungen an Wellenkupplungen verändern sich zunehmend – z. B. durch die Elektrifizierung. Im Prüfstandsbereich haben wir Drehzahlen bis zu 30.000 min–1. Hier sind Sicherheits- und Wellenkupplungen gefragt, die explizit für solche Anwendungen entwickelt werden. Hier setzen wir beispielsweise auf neue Materialien wie hochfestes Aluminium oder Titan.
Stand: 08.12.2025
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Die Corona-Pandemie hat der Industrie viele Unsicherheiten beschert, z. B. auch den Materialmangel, der Engpässe bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen bereitet. Ist Mayr Antriebstechnik davon ebenfalls betroffen?
Versorgungsschwierigkeiten gibt es an allen Ecken und Enden. Ganz konkret sind derzeit Chips betroffen. Sie sind von heute auf morgen nicht mehr lieferbar. Aber auch bei der Beschaffung von Kunststoffen für die Kabelversorgung und bei den Reibbelägen gibt es für die Lieferanten Schwierigkeiten. Das schlägt sich auch auf die Preise nieder.
Wir bei Mayr Antriebstechnik sind bisher allerdings alles in allem sehr stabil durchgekommen – unsere Strategien, Beschaffungs- und Bevorratungskonzepte sind aufgegangen. Da wir befürchten, dass uns dieses Thema auch dieses Jahr noch umtreibt, gilt es für uns, an den Strategien und Konzepten weiterzuarbeiten.
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Wie sehen die Strategien und Konzepte konkret aus?
Bei uns gilt seit Langem schon die Strategie „lokale Beschaffung für lokale Märkte“. Dieses Motto hat sich in der Beschaffungskrise ausgezeichnet. Für ein chinesisches Projekt beispielsweise beschaffen wir Werkstoffe und Komponenten auch in China, verarbeiten, verbauen und montieren sie dort vor Ort und schicken unsere Produkten nicht quer durch die Welt.
Dieses regionale Konzept zahlt sich aus, wenn es weltweit zu Schwierigkeiten bei Materialversorgung oder Materialströmen gibt. Das bestärkt uns, dieses Konzept beizubehalten, auszubauen und weiterzuentwickeln.
Nicht alles ist auf den jeweils lokalen Märkten verfügbar und strategisch sinnvoll. Neben der Zusammenarbeit unserer drei Produktionswerke (Mauerstetten, China und Polen) zahlen sich aber auch langjährige Partnerschaften mit entsprechend vertraglichen Absicherungen aus.
Zudem ermöglicht uns unsere hohe Fertigungstiefe, flexibler zu agieren, Dinge selbst zu machen und Produktionen entsprechend umstellen zu können.
Zuletzt noch einen Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie Mayr Antriebstechnik in den nächsten Jahren?
Wir sehen uns heute – und das gilt von Beginn an – als zuverlässiger Partner, der gemeinsam mit den Kunden Problemstellungen bearbeitet und führende Lösungen entwickelt. Das ist ein ganz elementarer Wert, den Mayr schon immer repräsentiert hat.
Für das Morgen kann ich sagen, dass wir im Bereich der Antriebstechnik als Komponentenhersteller weiterhin auf Wachstumskurs unterwegs sein werden, kommende Herausforderungen gerne annehmen und bearbeiten. Es hat uns schon immer ausgezeichnet, dass wir die richtigen Lösungen zur richtigen Zeit präsentieren und für unsere Kunden spezifisch entwickeln konnten.
Wo wir übermorgen stehen und welche Produkte wir dann konkret anbieten werden, kann ich nicht sagen. Durch unsere starke Kunden- und Marktorientierung sind wir immer nahe am Puls der Zeit. Ich bin daher zuversichtlich, dass wir auch weiterhin offen und technisch stringent zuverlässige, sichere und innovative Lösungen erarbeiten, die die Kunden auch wirklich brauchen.
Man darf nicht vergessen: Wir sind ein Maschinenbauunternehmen und bleiben das auch. Wir sind kein digitaler Plattform-Anbieter. Es ist gut möglich, dass sich Anforderungen dahingehend verändern. Dafür sind wir natürlich offen. Aber wir wissen auch: Die Antriebstechnik wird sich nicht von heute auf morgen ändern und unsere Komponenten werden weiterhin ihren Teil zur heutigen und zukünftigen Antriebstechnik beitragen.
Vielen Dank für das Gespräch Herr Mayr. Für Ihr Jubiläumsjahr wünschen wir gutes Gelingen.
Buchtipp
Das Buch Praxishandbuch Antriebsauslegung hilft bei der Auswahl der wesentlichen Bestandteile elektrischer Antriebssysteme: Motor, Getriebe, Stellgerät, Netzversorgung sowie deren Zusatzkomponenten. Auch auf die Berechnung wird intensiv eingegangen.