In einer Welt, in der Umweltschutz und Nachhaltigkeit nicht mehr wegzudenken sind, formt sich eine innovative Idee, die die Art und Weise, wie wir mit Produkten interagieren, grundlegend verändern kann: der digitale Produktpass. Die gesetzlichen Anforderungen ab spätestens 2027 zwingen Unternehmen, frühzeitig zu handeln.
Der digitale Produktpass ist ein Datensatz, der sämtliche Daten eines Produkts aus allen Phasen des Produktlebenszyklus enthält – und damit großes Potenzial bietet.
(Bild: Jürgen Fälchle - stock.adobe.com)
Der digitale Produktpass…
…ist Teil eines neuen EU-weiten Maßnahmenpakets zur Förderung der Kreislaufwirtschaft. Er enthält nicht nur Informationen darüber, woher das Produkt stammt, sondern auch über seine genaue Zusammensetzung und wie es hergestellt wurde. Der digitale Produktpass bietet sogar Einblicke in die Reparatur- und Demontagemöglichkeiten inkl. Recycling und korrekter Entsorgung des Produkts. Die Umsetzung betrifft alle Branchen und Dienstleistungen, mit weitreichenden Auswirkungen auf nahezu sämtliche unternehmerischen Geschäftsprozesse.
So funktioniert der digitale Produktpass.
(Bild: Objective Partner)
Standards ermöglichen Datenaustausch
Der Schlüssel des digitalen Produktpasses liegt jedoch in der standardisierten Datenkommunikation. Diese ermöglicht es Herstellern, Anwendern und Entsorgern, den Datenaustausch über den kompletten Produktlebenszyklus sicherzustellen. Über einen mobilen Zugriff erhalten alle Parteien jederzeit und überall alle benötigten Informationen zu ihrem Produkt.
Einige Beispiele:
Anwender, Betreiber greifen online auf die aktuelle Version der Bedienungsanleitungen zu – in verschiedensten Sprachen.
Entsorger können ein umwelt- und ressourcenschonendes Recycling durchführen und ihre Produkte transparent im Gebrauchtmarkt anbieten.
Öffentliche Stellen können überprüfen, ob die örtlichen und aktuell rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden.
Handwerker können Informationen beziehen, wie ein Produkt verbaut oder repariert wird.
Verbraucher können nachvollziehen, unter welchen sozialen und ökologischen Bedingungen ein Produkt hergestellt wurde.
Diese Informationen sind zwar heute schon verfügbar, doch jeder der Akteure setzt dabei auf ein eigenes Format zur Bereitstellung, ohne zentrale Bündelung einer vollständigen Informationsbasis. Der digitale Produktpass – technologisch standardisiert – löst dieses Problem künftig.
Gesetzliche Vorschriften und Rahmenbedingungen
Der digitale Produktpass bildet den Kern des European Green Deal und des Circular Economy Action Plans der EU.
(Bild: narawit - stock.adobe.com)
Der digitale Produktpass wird sukzessive bereits ab 2023 in verschiedenen Branchen eingeführt und ist Kern der umweltpolitischen Digitalagenda des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), in enger Zusammenarbeit mit der EU-Kommission. Für Konsumgüter wird bereits eine Verpflichtung ab 2024 erwartet, während die Elektroindustrie spätestens ab 2027 nachziehen muss. Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden müssen bereits heute die meisten Informationen erheben, um das ESG-Reporting und das Deutsche Lieferkettengesetz zu erfüllen:
Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Nachrüstbarkeit und Reparierbarkeit von Produkten
Transparenz über den gesamten Lebenszyklus unter Einbeziehung der Rohstoffkette
Ökologische Informationen zu Treibhausgasemissionen, Wasserverbrauch und anderen Umweltauswirkungen
Alle Informationen mit Relevanz für das Recycling, wie Inhaltsstoffe, Gefahrenpotenziale, Hinweise zur Demontage und zur richtigen Entsorgung
Im Kern ist der digitale Produktpass also eine konsequente Weiterführung des Green Deal der EU und der Stärkung des Verbraucherschutzes.
Vorteile des Produktpasses für Unternehmen
Als Unternehmen kann man zudem weitere Vorteile aus der Implementierung des digitalen Produktpasses ziehen. Er könnte mit verschiedenen Diensten erweitert werden und so beispielsweise aktiv über Maßnahmen informieren, die sich positiv auf die Lauf- und/oder Standzeiten eines Produktes auswirken. Langfristig kann der digitale Produktpass zu einer Steigerung der Effizienz in den Wartungs-, Service- und Recyclingprozessen führen. Prozesse in der Wertschöpfungskette lassen sich auf Basis der Daten deutlich zuverlässiger planen und steuern.
In der Metallindustrie ist es von großer Bedeutung, genaue Informationen über die Produkte zu haben: Woher stammen sie, wie viel Energie wurde bei ihrer Herstellung verbraucht und welche Emissionen sind damit verbunden? Auch die Verfolgung des Recyclingprozesses gestaltet sich oft als Herausforderung, insbesondere bei Metallen wie Aluminium, die eine lange Lebensdauer von 35 bis 50 Jahren haben, bevor sie recycelt werden. Eine entscheidende Frage stellt sich: Wie können diese Daten harmonisiert und kombiniert werden, ohne dabei zusätzliche, übermäßig verwaltungsaufwändige Systeme zu schaffen? Und wie gelingt die Abbildung eines vollständigen CO2-Fußabdrucks?
Hydro, ein führender Aluminiumhersteller, hat in Zusammenarbeit mit einem Kunden, einem renommierten Möbelhersteller, einen Pilotversuch gestartet. Gemeinsam haben sie einen Produktpass entwickelt, der wichtige Informationen über eine Sitzbank enthält, die aus recyceltem Aluminium und Holz gefertigt wurde. Dieser Produktpass bietet den Verbrauchern die Möglichkeit, einen einzigartigen Einblick in die Produktion zu erhalten und die Geschichte hinter dem Möbelstück zu entdecken.
Anhand dieser Transparenz werden die Kaufentscheidungen von Kunden positiv beeinflusst, denn sie können ausgewählte Informationen über die Produktion der Sitzbank einsehen und besser verstehen, wie und wo das Produkt und die Materialien beschafft und hergestellt wurden. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
Stand: 08.12.2025
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Konstruktionsleiter Forum
Produktentwicklung neu denken
Der Schlüssel für den Erfolg eines Unternehmens liegt in Konstruktion und Entwicklung. Hier entstehen innovative Produkte, die die Wettbewerbsfähigkeit sichern. Doch kennen Sie die Herausforderungen der Produktentwicklung im 21. Jahrhundert?
Das Konstruktionsleiter Forum will Konstruktions- und Entwicklungsleiter für Hürden sensibilisieren, sowie Tools und Methoden aufzeigen, um innovative Ideen strukturiert zu entwickeln und den Produktentstehungsprozess so schlank und effizient wie möglich zu gestalten.
Technologie dahinter: die Verwaltungsschale als industrieweiter Standard
Der digitale Produktpass ist für Unternehmen aller Branchen umsetzbar. Alles basiert dabei auf dem Industrie-4.0-Werkzeug „Eclipse BaSyx“ und der sogenannten Verwaltungsschale als branchen- und industrieweitem Standard. So können verschiedenste Anforderungen an den digitalen Produktpass realisiert werden. Die Verwaltungsschale ist ein digitales Abbild eines realen Gutes, was zusätzlich vernetzt ist mit unterschiedlichen Geschäftsprozessen. Im allgemeinen Volksmund spricht man hier auch oft vom Digitalen Zwilling oder dem Digital Twin.
Mit „Eclipse BaSyx“ hat das Fraunhofer IESE aus Kaiserslautern eine Plattform geschaffen, auf der die standardkonforme Kommunikation zwischen Maschinen oder Gütern und Software stattfindet. BaSyx stellt dabei nicht nur die IT-Infrastruktur bereit, sondern bietet auch weitere Komponenten, die eine schnelle Umsetzung von Industrie 4.0 ermöglichen. So können unterschiedliche Einsatzszenarien, wie beispielsweise der digitale Produktpass, mit der gleichen technologischen Basis realisiert werden.
(Bild: BMUV)
Welche Chancen der digitale Produktpass eröffnet
Der Produktpass ermöglicht es den Verbrauchern, bewusste Entscheidungen zu treffen und Produkte zu wählen, die ihren Werten und Bedürfnissen entsprechen. Gleichzeitig eröffnet er den Unternehmen neue Möglichkeiten, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen transparent zu kommunizieren und das Vertrauen der Kunden zu stärken. Dadurch haben sie die Chance, digitale Geschäftsmodelle aufzubauen und die eigene Wertschöpfungskette neu zu denken. Starke Standards wie die Verwaltungsschale und flexible Werkzeuge wie Eclipse BaSyx ermöglichen darüber hinaus eine flexible Integration des Produktpasses in die bestehende Automatisierungslandschaft.
* Andreas Bader, Vorstand Opjective Partner AG und Frank Schnicke, Experte für „Industrie 4.0 System Architectures“, Abteilung Virtual Engineering, Fraunhofer IESE