112-Tag Wie sich der Notruf entwickelt hat

Von Monika Zwettler 4 min Lesedauer

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Am 11.2. wird seit 2009 der Europäische Tag des Notrufs 112 begangen. Ziel ist es, die Bekanntheit der Notrufnummer weiter zu erhöhen. Einige Daten und Fakten zum 112-Tag.

Wenn Sekunden zählen, entscheiden drei Ziffern über das Schicksal: In Deutschland und in 44 weiteren Ländern ist der Notruf die Schnittstelle zwischen Gefahr und Hilfe. (Bild:   /  Pixabay)
Wenn Sekunden zählen, entscheiden drei Ziffern über das Schicksal: In Deutschland und in 44 weiteren Ländern ist der Notruf die Schnittstelle zwischen Gefahr und Hilfe.
(Bild: / Pixabay)

Jedes Jahr gehen allein in Deutschland über 31 Millionen Notrufe ein – das ist fast ein Anruf pro Sekunde. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Handy Guthaben hat oder welches Netz gerade verfügbar ist: Ein Notruf hat im Mobilfunknetz immer Vorrang („Emergency Priority“) und nutzt automatisch das stärkste verfügbare Signal.
 

Bis 1973 war der Notruf ein Glücksspiel

Das System hinter dem Notruf hat sich von einem lokalen Flickenteppich zu einem hochmodernen, digital vernetzten Sicherheitsnetz entwickelt. Hier sind die wichtigsten Etappen:
Früher war der Notruf ein Glücksspiel. Es gab keine einheitlichen Nummern; jede Gemeinde hatte eigene Telefonnummern für Polizei und Feuerwehr. In kleinen Orten landete ein Anruf oft direkt beim Kommandanten der Feuerwehr.

Ein tragischer Wendepunkt

1969 starb der achtjährige Björn Steiger nach einem Verkehrsunfall, weil der Krankenwagen nicht schnell genug zur Stelle war. Die Eltern gründeten daraufhin eine Stiftung, die den Namen ihres Jungen trug und sich vehement für eine Reform des Rettungswesens engagierte. Durch die vereinten Bemühungen aller beteiligten Institutionen wurde ein modernes Rettungssystem aufgebaut, wie es im Prinzip bis heute besteht.

1973 wurden die bundesweit einheitlichen Nummern 110 und 112 eingerichtet und eine flächendeckende Infrastruktur mit Rettungswachen und zentralen Leitstellen geschaffen. Die Einsatzfahrzeuge wurden mit Funksprechanlagen ausgerüstet, die medizinische und technische Schulung des Rettungspersonals immer weiter vorangetrieben. Auch die Notrufsäulen an den Schnellstraßen stammen aus dieser Zeit.

Warum eigentlich 112?

Die Wahl der Zahlenkombination war kein Zufall, sondern reine Mechanik der alten Wählscheibentelefone:Die 1 war am schnellsten zu wählen.Die 2 am zweitschnellsten.Die Kombination war kurz genug, um sie im Dunkeln zu ertasten, aber unterschiedlich genug, um Fehlwahlen durch "Wackeln" am Hörer (Gabelumschalter) zu vermeiden.

Die 111 wurde übersprungen, da das damalige Impulswahlverfahren bei drei Einsen hintereinander oft Störungen in den Vermittlungsstellen verursachte. 

Der Notruf wird international und mobil

In den 1990ern wurde das System internationaler und mobiler: 1991 wird die 112 als einheitlicher Notruf in der gesamten EU festgelegt.
Mit der Verbreitung von Mobiltelefonen wurde technisch sichergestellt, dass Notrufe immer Vorrang haben und sogar ohne SIM-Karte (bis 2009) oder ohne Guthaben funktionieren.

Heute: Automatische Ortung auf bis zu drei Meter

Früher war die Ortung von Handys in der Leitstelle oft nur auf einen Radius von mehreren Kilometern genau (Funkzelle). Heute nutzt das System modernste Technik:
AML (Advanced Mobile Location): Smartphones senden beim Wählen der 112 automatisch GPS-Daten im Hintergrund an die Leitstelle – oft auf bis zu 3 Meter genau.
Seit 2021 gibt es mit nora eine offizielle App für "stille Notrufe", die besonders für Menschen mit Sprach- oder Hörbehinderungen oder in Bedrohungslagen (z. B. häusliche Gewalt) entwickelt wurde.

Wie funktioniert das System hinter dem Notruf?

Heute sind die über 230 Leitstellen in Deutschland digitale Hochleistungszentren, die nicht nur Telefonate annehmen, sondern Einsatzmittel per GPS koordinieren und digitale Datenströme in Echtzeit verarbeiten.

  • Das technische Rückgrat des Notrufsystems ist ein Meisterwerk der Priorisierung und Redundanz. Sobald ein Nutzer die 112 wählt, verlässt das Mobiltelefon den Standardbetrieb und aktiviert den sogenannten Teleservice 12. Dieser Modus signalisiert dem Mobilfunknetz sofort, dass es sich um eine Notfallverbindung handelt, die absolute Priorität genießt. Sollte die aktuelle Funkzelle überlastet sein, werden laufende Gespräche oder Datenverbindungen anderer Teilnehmer automatisch getrennt, um Platz für den Notruf zu schaffen. Zudem ist das Gerät in diesem Moment nicht mehr an den eigenen Provider gebunden: Es bucht sich automatisch in das stärkste verfügbare Netz ein, selbst wenn man dort kein zahlender Kunde ist.
  • In der Vermittlungsschicht sorgt das Location-based Routing dafür, dass das Gespräch nicht irgendwo landet, sondern präzise an den geografisch zuständigen Public Safety Answering Point (PSAP) – die Leitstelle – übergeben wird. Während die Sprachverbindung aufgebaut wird, greift im Hintergrund das Advanced Mobile Location (AML) Protokoll. Das Smartphone aktiviert für einen kurzen Moment seine GPS- und WLAN-Sensoren, um den Standort zu bestimmen, und sendet diese Koordinaten automatisch via HTTPS oder SMS an einen zentralen Endpunkt. Dort werden die Daten mit dem eingehenden Anruf verknüpft, sodass dem Disponenten bereits beim Abheben der genaue Standort auf einer digitalen Karte angezeigt wird.
  • In der Leitstelle selbst läuft der Notruf auf einem hochredundanten Einsatzleitrechner (ELR) auf. Dieser gleicht die Informationen in Echtzeit mit einer Datenbank ab, die hinterlegte Alarm- und Ausreibeordnungen enthält. Basierend auf den Schlagworten des Disponenten schlägt das System sofort die optimalen Einsatzmittel vor. Die Alarmierung der Einsatzkräfte erfolgt schließlich über das BOS-Digitalfunknetz (TETRA), welches völlig unabhängig vom öffentlichen Mobilfunknetz operiert. Die Einsatzdaten werden verschlüsselt direkt auf die digitalen Meldeempfänger (Pager) oder die Bordcomputer der Rettungsfahrzeuge übertragen, was die Fehlerquote bei der Adressübermittlung nahezu auf Null senkt.

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