Mixed Reality Standard-Datenbrillen ermöglichen Navigation bei neurochirurgischen Eingriffen

Quelle: Fraunhofer IWU 3 min Lesedauer

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Medizinische Eingriffe sollen Patienten möglichst wenig belasten: Auf einem präzise festzulegenden Weg zu der Stelle, die operiert werden muss, darf kein Gewebe verletzt werden. Dies gilt besonders bei Operationen an sensiblen Organen wie dem Gehirn. Bei Eingriffen über die Nase soll eine neue App dem Operateur künftig zeigen, was er von außen nicht sehen kann.

Neurochirurg Prof. Dr. Dirk Winkler und Informatiker Conrad Günther (UKL) testen die App für die neurochirurgische Spatial Navigation an einem Modellkopf. Der operierende Arzt kann sein Instrument dank der in einer Standard-Datenbrille visualisierten, realen und virtuellen Informationen sicher führen und die Verletzungsgefahr für Patienten minimieren.(Bild:  Fraunhofer IWU)
Neurochirurg Prof. Dr. Dirk Winkler und Informatiker Conrad Günther (UKL) testen die App für die neurochirurgische Spatial Navigation an einem Modellkopf. Der operierende Arzt kann sein Instrument dank der in einer Standard-Datenbrille visualisierten, realen und virtuellen Informationen sicher führen und die Verletzungsgefahr für Patienten minimieren.
(Bild: Fraunhofer IWU)

Als Landkarte für die Navigation dienen präzise, hochaufgelöste Bilddaten des Patienten, wie sie die Magnetresonanztomographie (MRT) bietet; der operierende Arzt sieht diese Bilddaten als Projektion in einer Datenbrille. Das zentrale Bindeglied zwischen MRT-Daten und Brille ist eine neuentwickelte App, die nun als Ergebnis langjähriger Forschung und Entwicklung zur Verfügung steht. Sie entstand in einer Zusammenarbeit der Forschergruppe Legend der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Leipzig (UKL) mit dem Zittauer Institutsteil des Fraunhofer IWU.

Meilenstein in der neurochirurgischen Navigation

Blickfeld des Operateurs: In der Brille ist der reale Operationssaal zu sehen. Individuelle Patientendaten legt die App auf den realen Kopf. Zunächst muss der Zugangsweg zur Operationsstelle ausgewählt werden, dann erfolgt innerhalb nur einer Sekunde die vollautomatische Registrierung (Kalibrierung, Echtzeiterkennung des OP-Instruments).(Bild:  Fraunhofer IWU)
Blickfeld des Operateurs: In der Brille ist der reale Operationssaal zu sehen. Individuelle Patientendaten legt die App auf den realen Kopf. Zunächst muss der Zugangsweg zur Operationsstelle ausgewählt werden, dann erfolgt innerhalb nur einer Sekunde die vollautomatische Registrierung (Kalibrierung, Echtzeiterkennung des OP-Instruments).
(Bild: Fraunhofer IWU)

Die App führt das vor der OP aufgenommene MRT-Bild mit der realen OP-Situation zusammen und erlaubt somit eine genaue topographische und strukturelle Zuordnung des OP-Befundes. Analog einem GPS-System führt sie den Operateur auf dem besten, also schonendsten Weg zum beabsichtigten Ziel. Die systemseitige Anbindung von chirurgischen Instrumenten erlaubt darüber hinaus deren Abbildung im Navigationssystem bzw. Nutzung als Zeigeinstrument. Dabei wird die exakte Position des chirurgischen Instruments dem Operateur in Echtzeit angezeigt. Wichtige Zusatzinformationen wie beispielsweise die Entfernung zum Zielgebiet befinden sich im direkten Blickfeld des Arztes und liefern weitere wertvolle Hinweise.

Binnen einer Sekunde ist die Kalibrierung und Registrierung abgeschlossen und die Navigation zur Echtzeiterkennung der Instrumenten-Position startklar. Das entwickelte System ist sehr intuitiv bedienbar und kommt dem Gebrauch einer GPS-Assistenz sehr nahe.

PD Dr. habil. Ronny Grunert

Besonders stolz ist PD Dr. habil. Ronny Grunert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer IWU (Zittau) und Leiter der Forschungsgruppe Legend am UKL, auf die praktisch verzögerungsfreie Betriebsbereitschaft des Systems: "Unserem Team ist mit einer vollautomatisierten Registrierung bei der neurochirurgischen Spatial Computing Navigation ein weltweites Novum gelungen. Binnen einer Sekunde ist die Kalibrierung und Registrierung abgeschlossen und die Navigation zur Echtzeiterkennung der Instrumenten-Position startklar. Das entwickelte System ist sehr intuitiv bedienbar und kommt dem Gebrauch einer GPS-Assistenz sehr nahe."

Entwickelt von Medizinern für Mediziner

Großen Wert legte das Team auf ein übersichtliches, den operierenden Arzt optimal unterstützendes User-Interface, das Bedienungsfehler ausschließt und sich auf die Anzeige wesentlicher Informationen beschränkt. Ein Beispiel für die klare, präzise Darstellungslogik ist ein grünes Fadenkreuz, das die Position der Instrumentenspitze anzeigt und perfekt in das vorher erstellte bzw. in die Datenbrille eingespielte MRT-Bild integriert ist.

Dank Standard-Datenbrillen sehr wirtschaftlich

Das Prinzip einer sogenannten Neurochirurgischen Spatial Computing Navigation ist nicht grundsätzlich neu. Heutige, für den Einsatz in Kliniken geeignete Systeme starten bei rund einer halben Million Euro. Eine wichtige Motivation für die gemeinsamen Anstrengungen von IWU und UKL war, dass präzise Navigationstechnik nicht länger finanzstarken Gesundheitssystemen bzw. Einrichtungen vorbehalten bleiben sollte. Sie konzipierten ihre neue App von Anfang an für den Einsatz mit standardisierten Datenbrillen, deren Preise mittlerweile im Consumer-Bereich angekommen sind. Grunert: "Diese Brillen kosten einen Bruchteil computergestützter Navigationssysteme für die Neurochirurgie."

Handstück für die Anbindung des Operationsbestecks aus dem 3D-Drucker

Das am Fraunhofer IWU in Zittau entwickelte und 3D-gedruckte Handstück für Operationsinstrumente enthält Marker-Geometrien, die von der Datenbrille erkannt werden.(Bild:  Fraunhofer IWU)
Das am Fraunhofer IWU in Zittau entwickelte und 3D-gedruckte Handstück für Operationsinstrumente enthält Marker-Geometrien, die von der Datenbrille erkannt werden.
(Bild: Fraunhofer IWU)

Am Fraunhofer IWU trieb das Team um Ronny Grunert die Entwicklung des Handstücks voran, das die Instrumente aufnimmt und deren exakte Positionsbestimmung ermöglicht. Es enthält spezielle Marker, deren Geometrien und Muster von der Datenbrille erkannt werden. Diese Geometrien können kleine Kugeln, Quader oder andere Körper sein. Die Kunststoff-Handstücke werden am IWU in Zittau und am UKL in Leipzig 3D-gedruckt.

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