Lineartechnik Nachgefragt bei Rüdiger Knevels, Geschäftsführer Rollon GmbH, Ratingen

Redakteur: Karl-Ullrich Höltkemeier

Seit etwa einem Jahr ist Rüdiger Knevels Geschäftsführer bei Rollon in Ratingen. Der Chefredakteur der konstruktionspraxis Dipl.-Ing. Ullrich Höltkemeier sprach mit ihm über das Unternehmen Rollon, den Markt und den Erfolg seines Unternehmens.

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konstruktionspraxis:Was sind die Aufgaben von Rollon am Standort Deutschland?

Rüdiger Knevels: Wir nehmen in Ratingen eine Führungsfunktion in der Gruppe ein, weil der deutsche Markt für die Rollon Gruppe bzgl. des Potenzials und des aktuellen Umsatzes der größte ist. Außerdem hat Deutschland eine Vorreiterfunktion, wenn es darum geht, Innovationen gemeinsam mit unseren Kunden aus den verschiedenen Industriezweigen zu entwickeln und bei dem Vorhaben neue Märkte zu erschließen. Findet man in Deutschland neue Anwendungsbereiche für unsere Produkte, finden sich auch oft in anderen Ländern Möglichkeiten, diese Produkte zu vermarkten.

Wir sind verantwortlich vom Besuch unserer Applikationsingenieure beim Kunden, über die Auslegung der linearen Lösungen bis hin zum Vertrieb und dem anschließenden After Sales Service. Derzeit bauen wir die Fertigungsstätte der GmbH aus, damit wir kundenspezifische Produkte noch flexibler realisieren können.

Da wir in Ratingen fast die gesamte Produktpalette herstellen können, sind wir auch in der Lage, sehr kurze Lieferzeiten anzubieten. Kundenspezifische Lösungen in Kombination mit kurzen Lieferzeiten, das ist unsere Aufgabe. Wir sind zudem verantwortlich für unsere beiden Tochterunternehmen, der Rollon b.v. in Holland und der Rollon s.r.o. in Tschechien. Der Standort in Tschechien hat für uns eine ganz wichtige Funktion, nämlich das Tor zu den osteuropäischen Ländern für uns zu öffnen.

konstruktionspraxis: Wodurch behauptet sich das Unternehmen Rollon im vielseitigen Markt der Lineratechnik?

Rüdiger Knevels: Das ist relativ simpel zu erklären. Durch die Pionier-Produkte der ersten Jahre hat sich Rollon eine Kernkompetenz in spezifischen Marktnischen geschaffen. Zu diesen Produkten zählen „Compact Rail“ und „Telescopic Rail“. Die Compact Rail bietet eine kompakte C-Profilschiene mit innen liegenden, gehärteten und geschliffenen Laufbahnen und gehärteten Stahl Rollenlager. Damit lassen sich sehr hohe Form- und Lagetoleranzen ausgleichen (Winkelfehler bis 4° und einen Höhenversatz bis 90 mm).

Die Teleskopschiene Telecopic Rail zeichnet sich durch hohe Steifigkeit und Tragfähigkeit aus, dank der hochwertigen Linearkugellager und den aus kaltgezogenen Wälzlagerstahl bestehenden Führungsschienen. Sie eignen sich unter anderem besonders für Schwerlast-Anwendungen. In diesen Märkten hatte Rollon nahezu eine Monopolstellung eingenommen, weil es hiefür kaum andere Anbieter gab und die großen Player darauf nicht fokussiert waren.

Das neue Bild von Rollen zeigt eine wesentlich breitere Produktpalette. Neben Profilschienenführungen, die sicher im Bereich der Lineartechnik das größte Potenzial darstellen, bieten wir komplette Linearachsen und für den Low Cost Bereich prägerollierte Schienen in Stahl- und Edelstahlvariante. Nahezu alle unsere Produkte sind aus Edelstahl oder beschichtet verfügbar, um einen entsprechenden Korrosionsschutz zu erreichen.

Das ist Standard bei uns. Durch diese sehr breite Produktpalette sind wir in der Lage, als Alleinanbieter für die Lineartechnik bei unseren Kunden aufzutreten. Er kann z. B. seine Werkzeugmaschine von der ganz einfachen Achse für die Schutzhauben, über die komplette Linearachse für die Zuführeinheit, bis hin zur Profilschienenführung für die Hauptachse komplett mit unseren Produkten bestücken. Dazu bieten wir selbstverständlich einen umfassenden Service.

konstruktionspraxis: Sie bieten Lineartechnik pur. Sind mechatronische Lösungen, die über die Führung hinausgehen, kein Thema für Sie?

Rüdiger Knevels: Sie sind noch kein Thema. Der Markt fordert aber zunehmend komplette Baugruppen und auch wir müssen und werden uns diesem Trend stellen. Gegenwärtig bieten wir schon Komplettlösungen an, die wir mit Systempartnern realisieren.

Als zweiten Schritt werden wir in diesem Jahr komplette Linearachsen kundenspezifisch anbieten. Der dritte – im Moment noch nicht zeitlich fixierte – Schritt ist dann die mechatronische Ausrichtung. Ob wir dieses mit Systempartnern über Kooperationen realisieren oder das Know-How im Haus ausbauen werden, sind momentan noch Denkmodelle, an denen wir arbeiten. Aber Rollon wird sich nicht übernehmen und sich nicht mit dem großen Wettbewerb in diesem Bereich vergleichen wollen. Unser Hauptaugemerk gilt dem Ausbau unserer Kernkompetenz, der Mechanik.

konstruktionspraxis: Dennoch ist Rollon einerseits ein mittelständisches Unternehmen, andererseits global aufgestellt wie ein Großkonzern. Wieso?

Rüdiger Knevels: Das stimmt. Für unsere Größe ist es schon fast auffällig, wie global wir aufgestellt sind. Das ist das Konzept des Vorstands, der zum einen in sehr engen Kooperationen mit Vertriebspartnern in aller Welt zusammen arbeitet und andererseits künftig noch stärker mit eigenen Niederlassungen weltweit aktiv werden wird. Warum? Weil das erweiterte Produktprogramm es möglich macht, dass Rollon deutlich wachsen wird in den nächsten Jahren. Und dafür ist ein weltweites Servicenetz aus unserer Sicht die Basis.

Wir wollen nämlich weiterhin, und dies auch in allen interessanten Industrienationen, nicht nur durch unsere Produktvielfalt, sondern auch durch unseren besonderen Service überzeugen.

konstruktionspraxis: Welche Problematik beschäftigt derzeit die Lineartechnikspezialisten?

Rüdiger Knevels: Natürlich sind es verschiedene Themen, die uns beschäftigen. Ein Thema der Branche ist immer noch die Wartungsfreiheit. Es gibt hier die Problematik, das weder die Hersteller, noch die Schmierstoffexperten Garantien für die hundertprozentige Wartungsfreiheit geben. Um hier einen Schritt weiter zu kommen, arbeiten wir sehr eng mit dem Schmierstoffspezialisten Klüber zusammen. Ansonsten ergeben sich durch die Vielfalt der Anwendungen ganz unterschiedliche Anforderungen. Für uns ein weiterer wichtiger Punkt sind die Abdichtungssysteme, die wiederum die Wartungsfreiheit beeinflussen.

Bei den Produkten für die Automotive-Industrie zum Beispiel müssen wir die Wartungsfreiheit durch Langzeitschmierung in Kombination mit dem optimalen Abdichtungssystem sicherstellen. Bei anderen Branchen steht der Kostenaspekt im Mittelpunkt der konstruktiven Auslegung. Hier geht es um die Reduzierung der gesamten Produktionskosten und nicht nur um die Einzelkomponente. Dafür werden wir noch weiter Produkte anbieten, mit denen der Anwender auf vorbereitende Tätigkeiten in der Produktion und der Montage weitesgehend verzichten kann. Das ermöglichen wir mit Systemen, die sehr große Form- und Lagetoleranzen kompensieren können. Möglichst kleiner zu bauen als bisher bei gleicher Leistungsfähigkeit, ist eine weitere Anforderung. Dafür gibt es bei uns im Haus ein spezielles Entwicklungsprogramm. So schaffen wir es heute schon bei gleicher Baugröße, eine bis zu vierzig Prozent höhere Tragfähigkeit zu realisieren. Diese noch in der Testphase befindlichen Modelle werden wir voraussichtlich Ende dieses Jahres vorstellen.

konstruktionspraxis: Wer sind Ihre Kunden?

Rüdiger Knevels: Unsere Kunden sind in der Regel Unternehmen, die mit uns eine Partnerschaft eingehen wollen. Die unseren Service einfordern, den wir zur Zeit mit 15 Außendienstingenieuren in unserem Verantwortungsbereich zur Verfügung stellen.

Und das machen wir nicht abhängig von der Umsatzgröße. Wir betreuen jeden Kunden direkt, sofern er das möchte. Unsere Kundenstruktur ist daher sehr breit, was die Einsatzgebiete, aber auch die Umsatzgrößen betrifft.

Unsere Kunden kommen hauptsächlich aus den Bereichen Halbleiterindustrie, Verpackungs- und Werkzeugmaschinen, Medizintechnik, Schienen- und Sonderfahrzeugbau sowie aus der Handhabung. Außerdem haben wir sehr interessante Anwendungen in der Konsumgüterindustrie und im Fahrzeugbau. Wir arbeiten zur Zeit an Projektgrößen, die wir bisher bei Rollon nicht kannten.

konstruktionspraxis: Welches ist ihr bestlaufendes Produkt und warum?

Rüdiger Knevels: Zur Zeit realisieren wir noch immer die größten Umsätze mit unserem Compactrail-System. Die hohe Kompensationsfähigkeit von Form- und Lagetoleranzen, über die wir eben sprachen, die extreme Laufruhe und die hohen zu realisierenden Geschwindigkeiten machen das Produkt so attraktiv. Warum sage ich dann noch? Weil wir durch viele neue Anwendungsbereiche auch in anderen Produktgruppen sehr stark wachsen.

konstruktionspraxis: Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten?

Rüdiger Knevels: Sie können von uns eine ganze Menge erwarten. Gerade haben wir den laufenden Geschäftsbetrieb eines kleinen Unternehmens aus der Lineartechnik übernommen. Die Lintec-Center GmbH hat diverse Linearführungssysteme im Programm und ist insbesondere im Schienenfahrzeugbereich spezialisiert.

Auch mit dieser strategischen Investition arbeiten wir an unserer Kernkompetenz für die Zukunft. Wir wollen uns noch breiter aufstellen und diese Produktvielfalt auch intensiv in die Kundenberatung einfließen lassen. Mit optimierten Lösungen, die den wirklichen Anforderungen in den verschiedenen Anlagen und in deren Achsen entsprechen, wollen wir helfen Gesamtkosten zu reduzieren. Unser Ziel muss die Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden sein.

Speziell in dem Segment der Linearachsen werden wir uns stärker aufstellen in der Zukunft. Mit diesen Komplettlösung wollen wir auch individuell auf die Anforderung unserer Kunden eingehen.

Höhere Tragfähigkeit bei gleichen Baugrößen ist ein anderes Thema in dem wir bald schon Lösungen mit unseren Compactrails präsentieren werden.

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