PIAE Kunststofftechnische Entwicklungen im Pkw- und Nutzfahrzeugbereich

Von Annedore Bose-Munde 6 min Lesedauer

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Die internationale Kunststoffbranche trifft sich am 18. und 19. März 2026 im Kongresshaus in Baden-Baden zum VDI-Kongress PIAE (Plastics in Automotive Engineering). Fokusthemen sind kunststofftechnische Entwicklungen der Pkw- und Nutzfahrzeughersteller sowie Trends aus Exterieur, Interieur und Aggregaten. 

Der Audi RS Q e-tron war 2024 das erste Auto, das die Rallye Dakar mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler gewonnen hat.(Bild:  Audi Sport GmbH)
Der Audi RS Q e-tron war 2024 das erste Auto, das die Rallye Dakar mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler gewonnen hat.
(Bild: Audi Sport GmbH)

Seit über vier Jahrzehnten dreht sich auf dem internationalen VDI-Fachkongress alles um Kunststoffe im Automobilbau. Die Besucher erwarten 50 Expertenvorträge von OEMs und Zulieferern sowie Top-Keynotes.Thomas Drescher, Leitung Vorentwicklung und Fahrzeugbeurteilung im Bodysystem bei der Volkswagen AG in Wolfsburg wird auch in diesem Jahr wieder als Kongressleiter agieren. Im Vorfeld der Veranstaltung sagt er: „Gerade jetzt, in Zeiten von steigendem Wettbewerbs- und Kostendruck in der Automobilindustrie, ist es wichtiger denn je, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sich zu vernetzen. Die PIAE ist eine gute Chance, Teil dieser Bewegung zu sein und die Zukunft der automobilen Kunststofftechnik mitzugestalten.“

Rezyklate sind gekommen, um zu bleiben.

Hartmut Häberle

Post-Consumer-Rezyklate etablieren sich zunehmend

Ein Schwerpunktthema der diesjährigen PIAE sind Materialinnovationen und Werkstoffe, die die Effizienz, Designfreiheit und Klimaneutralität vorantreiben.Im Vortrag von Simone Börner, Spezialist Werkstoffentwicklung, Entwicklung Gesamtfahrzeug, Werkstoffe und Leichtbau bei der BMW Group in München und Michael Büdinger, Business Development Manager bei LyondellBasell in Frankfurt am Main, geht es beispielsweise um die Entwicklung von Post-Consumer-Rezyklaten maritimen Ursprungs und deren Einsatz in Sichtbauteilen im Fahrzeug.Das Thema Rezyklate greift auch Hartmut Häberle, Technische Beratung Kunststoffanwendungen, Traton Group R&D Germany GmbH in München, auf. „Rezyklate sind gekommen, um zu bleiben“, sagt er. Dass der Einsatz von Rezyklaten heute kein Problem mehr darstellt, veranschaulicht er in Baden-Baden in seinem Vortrag, in dem es um die Lackierung der Windleitblende des MAN TG3 in 1.000 Farben pro Jahr geht. Das PC/ABS (Polycarbonat/Acrylnitril-Butadien-Styrol), welches für das Bauteil eingesetzt wird, hat dabei einen postindustriellen Rezyklatgehalt (hochwertige, sortenreine Abfälle aus der Industrie, die direkt wieder in den Produktionsprozess zurückfließen) von 65 Prozent.

PIAE - Internationaler Fachkongress zu Kunststoffen im Automobilbau

PIAE steht für Plastics in Automotive Engineering und ist der bedeutendste Leitkongress für Kunststoff im Auto. Er beleuchtet seit über 40 Jahren mit sorgfältig ausgewählten Vorträgen von hochkarätigen Automobilherstellern und Zulieferern aktuelle kunststofftechnische Anwendungen sowie deren Einsatz im Bereich Interieur, Exterieur, Motor, Werkstoffe und Technologien. Die begleitende Ausstellung mit Vertretern der gesamten Wertschöpfungskette bietet den idealen Rahmen zum Networking mit den Spezialisten.
 

Materialkreislaufbilder und einheitliche Begriffe einführen

Einen Ansatz des Verbandes der Automobilindustrie e.V. (VDA) für ein gemeinsames Verständnis nachhaltiger und kreislauffähiger Materialien entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden Frank Fischer, verantwortlich für die Koordination aller Themen zu Nachhaltigkeit und Rezyklateinsatz im Bereich Werkstofftechnik bei der Audi AG in Ingolstadt, Janina Nizol, Spezialistin Nachhaltigkeit, Projekte bei der BMW AG in München und Prof. Dr.-Ing. Peter Weidinger, Leiter Werkstofftechnik bei Brose Fahrzeugteile SE & Co. KG in Coburg, vorstellen.Fest steht: Die Reduzierung des CO₂-Fußabdruckes und die Schonung der natürlichen Ressourcen sind wichtige Ziele für alle Player in der Automobilindustrie. Zunehmend werden diese auch über regulatorische Anforderungen hinterlegt, so zum Beispiel in der Nachfolgegesetzgebung zur aktuellen EU-Altfahrzeug-Richtlinie. „Für ein klares Verständnis entlang der automobilen Lieferkette fehlen heute jedoch noch einheitliche Begrifflichkeiten und transparente Darstellungen zu Materialkreisläufen, beispielsweise zum Einsatz von Rezyklaten im Fahrzeugbau“, benennt Janina Nizol einen offenen Punkt. Der Vortrag der VDA-Projektgruppe „Werkstoffe aus umweltschonender und CO₂-reduzierter Herstellung“ zeigt auf, wie mittels praxisnaher Materialkreislaufbilder und eindeutiger zugehöriger Begriffe ein gemeinsames Verständnis erzeugt werden kann. 

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„Die Ergebnisse der Projektgruppe werden in der VDA Empfehlung 268 veröffentlicht, die in Kürze kostenfrei auf der Homepage des VDA erhältlich sein wird“, kündigt Nizol an, die innerhalb der VDA Projektgruppe Leiterin der Arbeitsgruppe zum Thema „Glossar“ ist. Frank Fischer ist stellvertretender Vorsitzender der VDA-Projektgruppe und innerhalb dieser auch Leiter der Arbeitsgruppe „Materialkreislaufbilder“. Er erläutert die Bedeutung des Themas: „Erstmals wird versucht, für die wichtigsten Werkstoffgruppen, also Kunststoffe, Stahl/Eisen, Aluminium und Kupfer, die relevanten Prozesse vom Rohstoff bis zum fertigen Bauteil sowie die zugehörigen Sekundärströme inklusive Recycling-Prozessen in Form von Materialkreislaufbildern in übersichtlicher Form zu beschreiben. Gleichzeitig sollen über ein umfangreiches Glossar die dafür benötigten Begriffe zur Verfügung gestellt werden. Hierbei wird unter anderem zwischen verschiedenen Quellen wie Pre- oder Post-Consumer-Rezyklaten sowie automotive- und non-automotive-Materialströmen differenziert.“ Durch diesen neuen Ansatz soll eine Basis geschaffen werden, die beispielsweise eine Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit von Aussagen zum Rezyklatgehalt in Bauteilen und Fahrzeugen ermöglicht.

Kreislaufkonzepte für neue Materialien entwickeln

Auch mit Blick auf die Entwicklung neuer Materialien werden Kreislaufkonzepte benötigt, die die CO₂-Bilanz dieser Materialien nachweislich in den Systemgrenzen Cradle-to-Gate nach ISO 14067, also von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Produktionswerks, verbessern. Thies Falko Pithan, Bereichsleiter Werkstofftechnik/ Neue Materialien am Kunststoff-Institut Lüdenscheid wird sich in seinem Vortrag „Untersuchung der Zirkularität von naturfaserverstärkten Compounds für automobile Anwendungen“ mit diesem Thema auseinandersetzen. „Die Kreislauffähigkeit von neuen Materialien wird in der Zukunft mit dem Erfolg dieser Materialgruppe am Markt einhergehen. Deswegen ist es jetzt wichtig, die Materialmodifikationen hinsichtlich der Stabilisierung naturfaserverstärkte Werkstoffe zu untersuchen, um die Kreislauffähigkeit zu verbessern“, sagt er.In Baden-Baden wird Pithan die Ergebnisse verschiedener Kreislaufstudien anhand resultierender Werkstoffeigenschaften vorstellen, so beispielsweise eine systematische Untersuchung der Recyclingfähigkeit von technischen Naturfasercompounds im Bereich Hanf, Cellulose, Flachs zur Materialoptimierung und Stabilisierung in Verbindung mit dem Geruchsverhalten.„Zukünftig sind auch im Automobilbereich viele Anwendungen denkbar, die aber eng mit der Kreislauffähigkeit verknüpft sind und insbesondere im Automobilinnenraumeinsatz auch an das Geruchsverhalten des Materials“, so Pithan.Ein Vergleich in ecoinvent, der weltweit führende Datenbank für Lebenszyklen und Ökobilanzen, zeigte zudem, dass bei einem virgin PP mit Flachs im Vergleich zum herkömmlichen virgin PP (fabrikneues, hochwertiges Polypropylen, das noch nie zuvor verarbeitet oder recycelt wurde) durch die Additivierung mit der Naturfaser eine Reduktion des CO₂-Fußabdruckes um 50 Prozent möglich wurde.

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Auch die FEM-Simulation hat stark zur Nachhaltigkeit beigetragen. Wir können heute deutlich besser auf den Punkt konstruieren.

Hartmut Häberle

Nachhaltigkeit durch FEM-Berechnungen

Einen weiteren Punkt, der für Nachhaltigkeit sorgt, nennt Hartmut Häberle: „Auch die FEM-Simulation hat stark zur Nachhaltigkeit beigetragen. Wir können heute deutlich besser auf den Punkt konstruieren. Als diese Berechnungen noch nicht möglich waren, mussten große Sicherheitsmargen an Material eingeplant werden.“Zur PIAE wird Häberle darstellen, dass die SMC-Stoßfänger von MAN im Zeitraum von 1986 bis 2007 immer größer, aber im Verhältnis zur Fläche immer leichter wurden. Das Gewicht pro Fläche sank also. „Dies war nur durch die FEM-Berechnung möglich“, unterstreicht er.

Konferenz zu Hochvoltbatterien in E-Fahrzeuge

Bei der Parallel-Konferenz „Hochvoltbatterien in E-Fahrzeugen“ erwarten die Teilnehmenden exklusive Einblicke von Experten aus Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. „Konkrete Anwendungsbeispiele zeigen innovative Materialien, effizientes Thermomanagement und neue Sicherheits-Konzepte, die die Zukunft der Hochvoltbatterie definieren“, gibt Niklas Franz, Product Manager Automotive bei der VDI-Wissensforum GmbH einen Ausblick.
 

Hochvoltbatterien bewähren sich in E-Fahrzeugen

Dass sich E-Antriebe auch im Rennsport bewähren, wird Dr. Ing. Leonardo Pascali, Leiter Performance Projekte bei der Audi Sport GmbH in seinem Vortrag darstellen. So war der Audi RS Q e-tron 2024 das erste Auto, das die Rallye Dakar mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler gewonnen hat. „Mit diesem Projekt hat Audi bewiesen, dass das Unternehmen alternative Technologien, die für den Rennsport zunächst unkonventionell waren, erfolgreich einsetzen und gekonnt in die anspruchsvolle Welt des Hochleistungsmotorsports integrieren kann“, sagt Pascali.