Präzisionsteile Genau ist nicht genug
Die schweizer Firma Alme stellt Präzisionsteile und Maschinen für den internationalen Markt her. Welche Rolle Mitarbeiter, Maschinen, Organisation und Standort bei der Umsetzung des Mottos «Wir bauen Qualität» spielen und warum die Firma genauer produziert, als es der Kunde vorschreibt, erläutert CEO Christian Taennler im Interview.
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Sie haben 2006 zusammen mit zwei Investoren das Unternehmen Alme gekauft, nachdem Sie dort zuvor als Produktionsleiter tätig waren. Was waren Ihre Beweggründe?
Christian Tännler: Ich war von 1990 bis 2000 hier Produktionsleiter, anschliessend als Kundendienstleiter in zwei großen Unternehmen: dem Werkzeugmaschinenhersteller Mikron und dem Maschinenbau-Konzern Ammann. Als Kundendienstleiter hatte ich zwar eine große, aber nie die gesamte Verantwortung für die Firmenpolitik. Auch wenn das Unternehmen Alme etwas kleiner ist: hier habe ich die Möglichkeiten, meine Vorstellungen und meinem Führungsstil umzusetzen.
Welche Veränderungen waren damit verbunden?
Christian Tännler: Heute sind wir extrem kundenorientiert aufgestellt. Es wurde ein neues ERP-System eingeführt, mit dem wir dem Kunden sofort ein korrektes Angebot machen können. Dass die Firma und die Produktion funktionieren, das ist die Pflicht. Die Kür ist es, Kunden zufriedenzustellen und neue Kunden zu gewinnen. Das ist für mich der höchste Anreiz.
Die Alme AG ist zum einen Zulieferer von hochgenauen mechanischen Bauteilen, zum anderen produzieren Sie komplette Produkte wie Kantenfräsmaschinen. Wie teilt sich das umsatzseitig auf?
Christian Tännler: Der Anteil des Zuliefererbereichs beträgt etwa 80 Prozent, der der eigenen Produkte derzeit rund 20 Prozent. Zukünftig wollen wir aber mit Händlerorganisationen zusammenarbeiten, wir haben da sehr vielversprechende Kontakte. Unsere Strategie ist es, dadurch den Anteil der eigenen Kantenfräsmaschinen und Anfasmaschinen mittelfristig auszubauen.
Gehen Ihre Leistungen im Zuliefererbereich über den Bau von Komponenten und Teilen hinaus?
Christian Tännler: Der Kunde erhält von uns das komplette Engineering der Produktion. Von den Kunden bekommen wir nicht nur die Zeichnungen von Werkstücken, sondern von kompletten Baugruppen. Das Ziel ist es dann, sie so bauen, dass wir sie qualitativ hochwertig und gleichzeitig kostengünstig herstellen können.
Wie sehen Sie Ihre Rolle im Zuliefererbereich?
Christian Tännler: Wir verstehen uns als Zulieferer im Sinne eines Partners. Den Kunden liefern wir ein einbaufertiges Produkt, komplett mit allen Papieren. An unseren Produkten muss vom Kunden nichts mehr gemacht werden. Und sie werden so verpackt, dass sie für die Montage richtig bereitstehen und einbaugerecht aus der Verpackung genommen werden können.
Das Leitmotto bei Alme lautet auch «Wir kontrollieren die Qualität nicht, wir bauen sie» und Sie fertigen im minimalen Toleranzbereich. Wie realisieren Sie das?
Christian Tännler: Wir machen jeden Prozessschritt so genau wie möglich. Das heißt, wir stellen die Teile nicht einfach mit den Toleranzen her, die auf der Zeichnung vorgegeben sind. Unsere eigenen Toleranzen sind immer ein Drittel der Zeichnungstoleranzen. Wenn wir diese Toleranzen dann realisieren, haben wir am Schluss ein Produkt, das qualitativ in dem Toleranzbereich liegt, den der Kunde anstrebt.
Sie haben vor kurzem ein ERP-System eingeführt. Welche Verbesserungen konnten Sie damit erzielen und welcher Nutzen entsteht daraus für Ihren Kunden?
Christian Tännler: Mit ABAS ERP haben wir ein integriertes System von Auftragsabwicklung, über Bestellung, Zeiterfassung, Produktion, Kalkulation bis zum Versand. Wir können nun bei jedem Auftrag sofort sehen, ob er sich rechnet. Den Kunden können wir damit ein Angebot machen, das auch stimmt und wir unsere Marge noch erreichen. Vorher war das Gefühlssache, jetzt habe ich harte Fakten. Und damit werden wir jetzt Monat für Monat besser.
Sie investieren pro Jahr rund 400’000 Euro in Maschinen, Anlagen und Systeme. Welche Vorteile können Sie damit Ihren Kunden bieten?
Christian Tännler: Alle Maschinen, die wir haben, können eigentlich mehr als wir zum Kaufzeitpunkt benötigen. Das hat sich langfristig als Vorteil herausgestellt. Das jüngste Beispiel ist die Fünf-Achsen-Maschine von Deckel mit Drehachse und Palettenwechsler. Allein dank dieser Maschine erhielten wir einen Auftrag von der ETH Zürich für Werkstücke für einen Ionenbeschleuniger, da wir damit auf 900 mm drehen, gleichzeitig fräsen und fünf Achsen bearbeiten können. Wir waren die einzigen, die das konnten. Das trägt natürlich zum Image bei.
Wo liegen weitere Stärken der Alme AG?
Christian Tännler: Die Firma ist von der Seele her ein Kleinbetrieb, mit der entsprechenden Flexibilität, hat aber das mittelständische Organisationsrückgrad, um die Wertschöpfungskette optimal zu nutzen und die gesamten Dienstleistungen eines mittelständischen Unternehmens anbieten zu können.
Worin unterscheiden Sie sich vom Wettbewerb?
Christian Tännler: Bei uns wird Perfektion von A bis Z gelebt. Dazu gehören effiziente Prozesse, entsprechende Sauberkeit, eine motivierte Mannschaft. Das ist nicht nur so ein Slogan – das leben wir jeden Tag. In einer mechanischen Fertigung entstehen Späne, und normalerweise sieht man das. Bei uns nicht. Um unsere Maschinen herum ist alles sauber und perfekt organisiert. Solch einen Aufwand betreibt fast kein Wettbewerber.
Und woran müssen Sie noch arbeiten?
Christian Tännler: Wir sind hervorragend in der Qualität. Aber wir müssen sicherlich in unseren Lieferterminen und internen Abläufen noch effizienter werden. Viele Leute, auch einige bei uns, glauben, wenn die Späne fliegen, dann wird Geld verdient. Aber das ist nicht alles. 2008 haben wir über 120’000 Euro für Wartung und Unterhalt benötigt. Wenn wir eine Spindelrevision von 9’000 Euro vermeiden oder durch Wartung ein Jahr hinausschieben können, dann müssen viele Späne produziert werden, um diese Euro zu verdienen.
Welche Anforderungen stellen Sie dabei an Ihre Mitarbeiter?
Christian Tännler: Das ist der größte Unterschied zu unseren Wettbewerbern und zu früher. Jeder Mitarbeiter ist bei uns für seinen Bereich selbst verantwortlich. Er muss durch Ausbildung, Schulung und stetiges Lernen die Kernkompetenz an seiner Maschine haben. Da war die Einstellung früher eine andere. Das benötigt vielleicht noch ein, zwei Jahre, bis sich wirklich alle Mitarbeiter an diesen Stil gewöhnt haben.
Welche Bedeutung hat der deutsche Markt für Alme ?
Christian Tännler: Eine sehr große. Vor allem für unsere Maschinen ist das ein Markt, den wir noch weiter ausbauen wollen. Der Vorteil ist natürlich die Sprache, und der deutsche Markt schätzt swiss-made Produkte. Bisher haben wir noch das Problem, dass wir in Deutschland keinen Verkauf haben. Aber wir arbeiten gerade daran, Handelspartner in Deutschland zu finden.
Was schätzen Sie an dem Produktionsstandort Schweiz – und wo sehen Sie die Herausforderungen?
Christian Tännler: Der größte Vorteil ist natürlich die Zuverlässigkeit, die Genauigkeit und die Ausbildung der Mitarbeiter. Alme selbst bildet acht Lehrlinge aus. Diesen Vorteil muss der Standort weiter ausbauen, darin sehe ich die grösste Herausforderung. Im Fernsehen müsste es statt Arztserien Ingenieurserien geben. Denn der Ruf der Ingenieure, der Zerspaner und der Mechaniker, der ist zu negativ. Das ist wirklich ein anspruchsvoller, abwechslungsreicher und gut bezahlter Job – wird aber viel zu wenig vermarktet. Generell müssen wir in der Schweiz stärker nach Nischen für die Produkte suchen, die es noch in Europa zu fertigen lohnt. Keine Massenprodukte, sondern High-End-Produkte, deren Produktion man nicht einfach nach Fernost verschieben kann. Ich glaube an den Werk- und Denkplatz Schweiz.
Wird sich die derzeitige Finanzkrise auf Ihre Geschäftsentwicklung auswirken?
Christian Tännler: Die Abschwächung ist spürbar. Derzeit ist die Auslastung noch sehr hoch, aber ich rechne dieses Jahr mit einem Umsatzrückgang von 30 bis 40 Prozent. Damit können wir aber leben. Durch unsere schlanke Organisation und den geringen Overhead sind wir sehr kosteneffizient aufgestellt. Aber es wird auf jeden Fall kein Jubeljahr werden.
Welche Ziele haben Sie sich als CEO persönlich gesteckt?
Christian Tännler: Mein langfristiges Ziel ist es, dass wir in den nächsten Jahren organisch wachsen. Das wird sicherlich nicht so einfach, im Maschinenbau herrscht ein großer Wettbewerb, zunehmend auch aus Fernost. Da müssen wir uns die Nischen suchen. Mein persönliches Ziel ist es, das Unternehmen weiter auszubauen. Ich kann mir vorstellen, dass Alme in zwanzig Jahren achzig bis hundertzwanzig Mitarbeitern einen Arbeitsplatz bietet.
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