Vorreiterrolle für Windenergie Frischer Wind unter einem Dach

Redakteur: Karl-Ullrich Höltkemeier

Windenergieanlagen (WEA) zählen zu den Schwerpunkten der Arbeit von Dipl.-Ing. Berthold Hahn. Im Gespräch beleuchtet der Sachverständige die Antriebsseite. Dipl.-Ing. Berthold Hahn ist Leiter der Projektgruppe Zuverlässigkeit und Instandsetzungsstrategie am Institut für Solare Energieversorgungstechnik ISET e.V., Kassel. Das Interview führte Dipl.-Ing. Nikolaus Fecht, Technikjournalist aus Gelsenkirchen

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Herr Hahn, das Kürzel ISET steht für Institut für Solare Energieversorgungstechnik. Wie kommt eine Forschungseinrichtung für Solartechnik zur Windkraft?

Berthold Hahn: Das Institut bearbeitet die Aufgabenstellung, erneuerbare Energien zu einer alltagstauglichen Stromversorgung zusammenzuführen. Windenergie gehört selbstverständlich dazu, sie ist sozusagen eine sekundäre Solarenergie.

Was spricht für den Einsatz von WEA-Getrieben?

Berthold Hahn: Es handelt sich um lang erprobte Technik, bei welcher der Konstrukteur auf Standardkomponenten zurückgreifen und auf bewährte Konzepte setzen kann.

Was spricht gegen WEA-Getriebe?

Berthold Hahn: Es ist eine zusätzliche Fehlerquelle. Der Betreiber muss die Komponente nämlich regelmäßig und sorgfältig warten, instand setzen und gegebenenfalls auch mal ersetzen.

Wie sähe die Alternative aus?

Berthold Hahn: Infrage kommt ein getriebeloser Direktantrieb, bei dem der Anwender allerdings einen großen Umrichter und einen speziellen Generator in Sonderausführung benötigt.

Wie schneiden WEA mit Getrieben ab?

Berthold Hahn: Bei getriebelosen Konzepten gibt es bisher nur einen Anbieter, der aber mit seinen Antrieben auf die gleiche Verfügbarkeit wie Getriebekonzepte kommt. Das heißt aber nicht, dass diese Anlagen unbedingt zuverlässiger arbeiten. Es treten immer wieder mal Probleme auf, aber die Direktantriebe werden sehr schnell instand gesetzt, so dass der Hersteller auf eine gleich gute Verfügbarkeit kommt. Beide Antriebskonzepte schneiden daher gleich gut ab.

Was haben die Getriebehersteller zur Verbesserung der Qualität und Zuverlässigkeit sowie zum Erhöhen der Lebensdauer getan?

Berthold Hahn: Es hat sich viel beim Design verändert. Positiv sehe ich zum Beispiel die heutige, standardmäßige Druckumlaufschmierung an, bei der eine Pumpe das Öl ständig umwälzt und an die Lagerstellen fördert. Viel hat sich hier in den letzten 15 Jahren bei der Filterung des Schmierstoffes getan. Es kommen heute auch sehr viele höherwertige Öle zum Einsatz. Außerdem gibt es Entwicklungen hin zu aufwendigeren Getriebekonzepten, die die Beanspruchung verringern. Hinzu kommt, dass immer mehr WEA-Betreiber vor allem das Schwingungsverhalten mit Hilfe von Condition Monitoring überwachen, um frühzeitig Schäden aufzuspüren.

Beobachten Sie eigentlich schon einen Trend zu WEA, die Energie in Kraftwerksqualität zu liefern?

Berthold Hahn: Ja, denn die neuesten Anschlussbedingungen für WEA verlangen genau dies.

Wie ist der Trend bei den Regelungen für Getriebe-WEA?

Berthold Hahn: Bei neuen Anlagen handelt es sich praktisch ausschließlich um pitch-geregelte, drehzahlvariable Anlagen mit Frequenzumrichter.

Was erwarten Sie sich von dem neu gegründeten Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES, dem das ISET ab dem Sommer angehört?

Berthold Hahn: Es ist für uns eine ganz hervorragende Entwicklung mit Blick auf die Zukunftsaussichten. Als positiv sehe ich auch an, dass die Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf dem Gebiet Windenenergie nun unter einem Dach stattfindet und mit der Forschung zur Energiesystemtechnik verbunden wird. Die Windenergie hat als erste der erneuerbaren Quellen Anpassungen der Netze erfordert und wird auch in absehbarer Zukunft die Vorreiterrolle spielen.

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