Ein neues Verfahren will sich gegenüber Bonden, Kleben und Löten behaupten: Mit Klett Welding lassen sich zuvor speziell behandelte Bauteile schnell, präzise und umweltfreundlich bei Raumtemperatur verbinden. Die Verbindung ist nicht nur mechanisch stabil, sondern auch elektrisch und thermisch extrem leitfähig.
Mittels NanoWiring hergestellter Aluminum-Rasen auf einer Leiterplatte.
(Bild: NanoWired)
Zugegeben, es klingt erst einmal etwas absurd, elektrische Bauteile mit einem Klettverschluss verbinden zu wollen. Doch wenn man sich diese über 10-Jahre-alte Idee genauer anschaut, ist sie ziemlich raffiniert.
Drei Wissenschaftlern vom Fachbereich „Mikrotechnik und Elektromechanische Systeme“ der TU Darmstadt ist der Durchbruch gelungen – sie haben das geschafft, wovon Wissenschaftler auf der ganzen Welt träumen. Mit ihrem Klett Welding-Verfahren ist es möglich, Bauteile einfach durch zusammenpressen dauerhaft zu verbinden.
Bildergalerie
Nichtleitende Oberfläche, wie Glas, Keramik oder Polymer
Bevor das Klett Welding möglich ist, werden die Bauteile vorbehandelt. Dazu wird über einen galvanischen Prozess, dem Nano Wiring, ein metallischer „Rasen“ auf die zu kontaktierenden Flächen aufgebracht. Der „Rasen“ besteht aus feinsten Drähten. Laut Olav Birlem, CEO und Vertriebsleiter von Nano Wired ist es nahezu egal, aus welchem Material die Oberfläche besteht und welche Geometrie diese besitzt. Es können sogar nichtleitende Oberfläche, wie Glas, Keramik oder Polymer funktionalisiert werden – diese müssen jedoch in einem vorbereitenden Prozessschritt elektrisch leitend gemacht werden.
Mithilfe eines Maskierprozesses werden die Stellen definiert, an welchen die Kontaktzonen entstehen sollen. Der herzustellende Kontakt an sich muss dabei nicht immer elektrisch leitend sein, auch thermische oder mechanische Verbindungen sind möglich. „Das Maskieren ist auf mehrere Weisen möglich: mit Standard-Lithographie-Verfahren oder andern Maskenverfahren, bis hin zum Abkleben mit Tapes – je nach benötigter Strukturbreite, Toleranz und Exaktheit“, erklärt Birlem.
Nach der makroskopischen Definition werden die vorgesehenen Bereiche mit dem „Rasen“ beschichtet. Dies funktioniert ähnlich wie beim Tampon-Druck: Ein Tampon, gefüllt mit Elektrolyten, wird auf die entsprechenden Stellen gedrückt. Der „Rasen“ wächst in dem Tampon, welcher mit seinen Eigenschaften die Struktur und Dichte der metallischen Drähte, sowie deren Abstand und Länge definiert. Der industriell hergestellte Tampon stellt dabei die Qualität der Rasenstruktur sicher (siehe Bild).
Die Drähte können aus praktisch allen galvanisch abscheidbaren Metallen hergestellt werden. Bewährt haben sich Kupfer, Gold, Nickel, Silber und Platin. Als Substratmaterialien eignen sich Keramik (LTTC), Polymer (PI, PCB), Glas, Silizium, Aluminium, Stahl, Kupfer und viele weitere (weitere Eigenschaften in Tabelle 1).
Tabelle 1: Eigenschaften der NanoWires und der KlettWelding-Verbindung
„Bei einer PCB, FPC oder einem Leadframe habe ich viele Kontaktzonen, die anfangs nicht miteinander verbunden sind. Für den galvanischen Prozess wird ein Plating vorangestellt, dass die gesamte Oberfläche mit einer durchgängigen Metallschicht überzieht. Diese „Kurzschlussschicht“ wird nach dem Nano Wiring mittels Stripping entfernt,“ erläutert Birlem. Das Stripping ist eine Art Reinigungsprozess und stellt sicher, dass der Rasen nur an den vorgesehenen Bereichen stehen bleibt und alle Fremdmaterialien verschwinden.
Save the Date: Anwendertreff MaschinenkonstruktionAngesichts zunehmender Digitalisierung und Vernetzung von Maschinen und Anlagen stellt sich die Frage, ob die klassischen Technologien im Zeitalter von Industrie 4.0 noch zeitgemäß sind und wo sich neue Maschinenkonzepte anbieten. Antworten und Entscheidungshilfen für die Auswahl der jeweils am besten geeigneten Methoden und Komponenten bietet der Anwendertreff Maschinenkonstruktion am 21. Mai 2019.Mehr Informationen: Anwendertreff Maschinenkonstruktion
Nano Wired kann zurzeit mehrere 1000 Bauteile pro Tag funktionalisieren (ein Durchgang dauert 30 Minuten). Derzeit bietet Nano Wired eine Produktionsfläche von 300 mm² x 300 mm². Der Prozess ist auf >1 m² skalierbar und nur durch die Anlagentechnologie begrenzt. Kontakte können ganzflächig oder bin Strukturen von wenigen Quadratmikrometern erzeugt werden.
Es ist auch möglich, Copper Bumps herzustellen, auf denen der „Rasen“ aufgebracht wird. Diese Bumps realisieren einen definierten Abstand zwischen Bauteil und Substrat, so dass sicher Underfill-Materialien verwendet werden können. Alternativ bieten das Nano Wiring und Klett Welding die Möglichkeit, direkt den Underfill auf die Nano Wiring Struktur zu applizieren. Das Klett Welding findet durch den Underfill, durch Verdrängung, statt. Klett Welding mit Underfill bietet eine große und breite mechanische Anbindung der Bauteile an das Substrat, so dass weitreichende Kräfte abgefangen werden können.
Wie Bauteil und Platine durch KlettWelding eine Verbindung eingehen
Zum Fügen und Kontaktieren werden die zuvor funktionalisierten Bauteile einfach bei Raumtemperatur zusammengedrückt. Dies kann mit handelsüblichen Bestückern bzw. Flip-Chip-Bondern durchgeführt werden.
Ähnlich wie bei den Borsten zweier Zahnbrüsten verkanten und verdichten sich die einzelnen Drähte und verbinden sich aufgrund ihrer kleinen Durchmesser an den Oberflächen, wie beim Kaltversintern (Bild 1). Die Bauteile werden gegeneinander ausgerichtet und dann zusammengedrückt. Dabei ist es auch möglich, gleichzeitig mehrere Lagen zu kontaktieren (z.B. MOSFETS).
Stand: 08.12.2025
Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir verantwortungsvoll mit Ihren personenbezogenen Daten umgehen. Sofern wir personenbezogene Daten von Ihnen erheben, verarbeiten wir diese unter Beachtung der geltenden Datenschutzvorschriften. Detaillierte Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einwilligung in die Verwendung von Daten zu Werbezwecken
Ich bin damit einverstanden, dass die Vogel Communications Group GmbH & Co. KG, Max-Planckstr. 7-9, 97082 Würzburg einschließlich aller mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen (im weiteren: Vogel Communications Group) meine E-Mail-Adresse für die Zusendung von redaktionellen Newslettern nutzt. Auflistungen der jeweils zugehörigen Unternehmen können hier abgerufen werden.
Der Newsletterinhalt erstreckt sich dabei auf Produkte und Dienstleistungen aller zuvor genannten Unternehmen, darunter beispielsweise Fachzeitschriften und Fachbücher, Veranstaltungen und Messen sowie veranstaltungsbezogene Produkte und Dienstleistungen, Print- und Digital-Mediaangebote und Services wie weitere (redaktionelle) Newsletter, Gewinnspiele, Lead-Kampagnen, Marktforschung im Online- und Offline-Bereich, fachspezifische Webportale und E-Learning-Angebote. Wenn auch meine persönliche Telefonnummer erhoben wurde, darf diese für die Unterbreitung von Angeboten der vorgenannten Produkte und Dienstleistungen der vorgenannten Unternehmen und Marktforschung genutzt werden.
Meine Einwilligung umfasst zudem die Verarbeitung meiner E-Mail-Adresse und Telefonnummer für den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern wie z.B. LinkedIN, Google und Meta. Hierfür darf die Vogel Communications Group die genannten Daten gehasht an Werbepartner übermitteln, die diese Daten dann nutzen, um feststellen zu können, ob ich ebenfalls Mitglied auf den besagten Werbepartnerportalen bin. Die Vogel Communications Group nutzt diese Funktion zu Zwecken des Retargeting (Upselling, Crossselling und Kundenbindung), der Generierung von sog. Lookalike Audiences zur Neukundengewinnung und als Ausschlussgrundlage für laufende Werbekampagnen. Weitere Informationen kann ich dem Abschnitt „Datenabgleich zu Marketingzwecken“ in der Datenschutzerklärung entnehmen.
Falls ich im Internet auf Portalen der Vogel Communications Group einschließlich deren mit ihr im Sinne der §§ 15 ff. AktG verbundenen Unternehmen geschützte Inhalte abrufe, muss ich mich mit weiteren Daten für den Zugang zu diesen Inhalten registrieren. Im Gegenzug für diesen gebührenlosen Zugang zu redaktionellen Inhalten dürfen meine Daten im Sinne dieser Einwilligung für die hier genannten Zwecke verwendet werden. Dies gilt nicht für den Datenabgleich zu Marketingzwecken.
Recht auf Widerruf
Mir ist bewusst, dass ich diese Einwilligung jederzeit für die Zukunft widerrufen kann. Durch meinen Widerruf wird die Rechtmäßigkeit der aufgrund meiner Einwilligung bis zum Widerruf erfolgten Verarbeitung nicht berührt. Um meinen Widerruf zu erklären, kann ich als eine Möglichkeit das unter https://contact.vogel.de abrufbare Kontaktformular nutzen. Sofern ich einzelne von mir abonnierte Newsletter nicht mehr erhalten möchte, kann ich darüber hinaus auch den am Ende eines Newsletters eingebundenen Abmeldelink anklicken. Weitere Informationen zu meinem Widerrufsrecht und dessen Ausübung sowie zu den Folgen meines Widerrufs finde ich in der Datenschutzerklärung, Abschnitt Redaktionelle Newsletter.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren, bei denen es durch Ausgasen, Kristallisations- oder Erstarrungsprozesse zu Schrumpfen und somit zu mechanischen Spannungen in der Verbindung kommt, ist die Klett Welding Verbindung spannungsfrei. Die resultierende Verbindung zwischen den Bauteilen kann durch Torsion oder Abscheren getrennt werden. Abgelöste Bauteile können wieder neu Funktionalisiert werden.
Die Kontaktierung funktioniert auch in Kombination mit einem Klebstoff. Dazu wird der Kleber erst auf die Haare appliziert und anschließend das zweite Bauteil aufgebracht. Das Klett Welding findet dabei durch den Klebstoff hindurch statt, die elektrische Leitfähigkeit des Kontakts wird nicht beeinflusst.
Wie kann ich die Technologie nun in meiner Fertigung einsetzen? „Das ist ganz einfach: Die Kunden liefern uns die Substrate und Bauteile, wir funktionalisieren diese. Anschließend führen entweder wir Testanwendungen durch oder der Kunde bekommt die Teile zur Verwendung in seiner Fertigungslinie zurück. Der Kunde kann die funktionalisierten Bauteile wie Standardteile handhaben und muss allein die Bestückungsgeschwindigkeit etwas reduzieren“, erläutert Birlem.
Die Funktionalisierung erfolgt auf ganzen Wafern, was die Produktionskosten im Vergleich zur Bearbeitung der Einzelchips deutlich senkt. Der „Rasen“ ist sehr robust, Dicing und Picking von der Nano Wiring Seite ist möglich, ebenfalls das Aufkleben des Dicing-Tapes auf die NanoWiring-Seite.
Prädestiniert für hitzeempfindliche Bauteile oder Starrflex-Leiterplatten
Aufgrund seiner Eigenschaften ist Klett Welding für eine Vielzahl von Anwendungen besonders gut geeignet. Dazu gehören Flip-Chip-Systeme sowie natürlich hitzeempfindliche Bauteile. „Die Lebensdauer eines Kamerachips könnte sich durch die Verwendung von KlettWelding anstatt eines Reflow-Lötprozess um ungefähr 1/3 verlängern“, so Birlem.
Auch wenn das Nano Wiring bei Raumtemperatur hergestellt wird, so ist es sehr temperaturresistent. Das Nano Wiring übersteht schadlos den Reflow-Prozesse, so dass auch Hybridprozesse möglich sind. Ein Szenario könnte so aussehen: Die Platine wird mit Nano Wiring vorbereitet, anschließend werden die Standardbauteile aufgelötet. Danach werden die teuren, komplexen, temperaturempfindlichen Teile mittels Klett Welding bei Raumtemperatur kontaktiert.
Auch für die Pitch Size Reduzierungen, bietet das Verfahren enorme Vorteile: Standard Lötverfahren haben eine Limitierung bei circa 150 µm. Mit Klett Welding sind ohne Anstrengungen <10 µm möglich. Die Limitierung liegt eher in der vorhandenen Lithographie.
Ein weiteres Anwendungsfeld bieten starrflexible Leiterplatten. Für die Verbindung zwischen flexiblen (FPC, Folien,...) und starren Materialien (PCB, Keramik,…) kommen in der Regel Kleber, Prepregs oder Stecker zum Einsatz. Klett Welding kann diese zusätzlichen Materialien einfach ersetzen. Die entsprechend vorbereiteten Module und Baugruppen werden einfach zusammengedrückt. Die resultierende Bond Line Thickness beträgt, abhängig vom Prozess wenige µm.
„Unsere Kunden sind derzeit in der Projektphase und einige stehen kurz davor, das Verfahren in Serienprodukten einzusetzen“, sagt Birlem. Serienprodukte sollen bereits 2019 entstehen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf unserem Schwesternportal ELEKTRONIKPRAXIS.