Kaufrausch verpennt Weltweit laufen Hamsterkäufe – deutsche Player spielen Schlusslicht

Autor / Redakteur: dpa / Peter Königsreuther

Viele deutsche Unternehmen haben ihre Lager quasi „auf die Straße“ verlegt, heißt es. Das rächt sich, wenn es zur Teileknappheit kommt, wie momentan, wissen laut dpa die Experten von Euler Hermes.

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Tja, da schaut der deutsche „Hamster-Michel“ trüb aus den Knopfaugen! Weltweit kaufen Unternehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Die Deutschen aber würden ausgebootet, meldet dpa.
Tja, da schaut der deutsche „Hamster-Michel“ trüb aus den Knopfaugen! Weltweit kaufen Unternehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Die Deutschen aber würden ausgebootet, meldet dpa.
(Bild: D. Erbrüller)

Explodierende Preise für Rohstoffe und Bauteile, steigende Frachtkosten sowie Probleme in der Lieferkette beherrschen die Logistik dieser Zeit. Dieser disharmonische Dreiklang bereitet nun fast jedem Unternehmen Sorgen. Am Ende könnte es auch den Verbraucher treffen, wenn er tiefer in den Geldbeutel greifen muss, heißt es weiter. Die, wie dpa betont, derzeit beispiellose Situation trifft nach Einschätzung des Kreditversicherers Euler Hermes die deutsche Wirtschaft besonders hart. Zwar führt die konjunkturelle Aufholjagd nach der tiefen Corona-Rezession 2020 weltweit zu Hamsterkäufen von Unternehmen, die ihre Lagerbestände wieder auffüllen wollen. Doch dabei haben vor allem hiesige Mitspieler oft das Nachsehen, wie die Volkswirte der Allianz-Tochter in einer am Montag veröffentlichten Studie informierten.

Die deutschen Lager leeren sich zusehends

„Hamsterkäufe sind im globalen Handel momentan Usus“, stellte Ron van het Hof, der Chef von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz, zunächst klar. Die USA haben im Rennen um die Waren dabei allerdings klar die Nase vorn. Und das unter anderem aufgrund der früheren Wiedereröffnung der Märkte. Die US-Konjunktur kam laut van het Hof im laufenden Jahr deutlich früher und kraftvoller wieder in Gang als in Europa. Warenlieferungen aus China in die USA nähmen als Folge davon derzeit um rund 30 Prozent zu. Nach Europa hingegen nur um etwa 10 Prozent, zeigt die Studie.

Zwar boome zum Beispiel die Nachfrage nach Maschinen „Made in Germany“ nach dem Corona-Einbruch 2020, aber um die steil steigenden Auftragsbestände abarbeiten zu können, fehle es oft am nötigen Material. Nach einer vor kurzem veröffentlichten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts beklagen inzwischen 64 Prozent der Unternehmen Engpässe und Probleme bei Vorlieferungen, die sie als Hindernis für ihre Produktion einstufen. Bereits im Vorquartal hörte man von einem Rekordwert, der nochmals deutlich übertroffen wurde. Derzeit bedienten die Hersteller die Nachfrage (noch) aus ihren Lagern, aber wann sie auf den Hund kommen, sei abzusehen.

Lieferengpässe bezüglich der Vorprodukte drohen

So erkläre sich die konjunkturelle Erholung in Deutschland vorerst nur mit der Konsumlust der Verbraucher, während die Materialprobleme die Industrieproduktion auf absehbare Zeit weiter dämpfen, erklären die Experten. Außer der vierten Corona-Welle sollen auch anhaltende Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten drohen, die die noch intakte deutsche und europäische Wirtschaftserholung in der zweiten Jahreshälfte gefährdeten, wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bereits gewarnt hat.

Ein weiteres Problem bereiten die gestiegenen Einkaufspreise. Das sei generell ein typisches Phänomen, wenn die Nachfrage anzieht, aber das Angebot nicht im gleichen Maß Schritt halte. Indizien, wie sehr Preiserhöhungen auf der Einkaufsseite der Unternehmen zu Buche schlagen, zeigen jüngste Daten des Statistischen Bundesamtes. Demnach lagen die Großhandelspreise im Juli um 11,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Das sei der stärkste Anstieg seit Oktober 1974, als die Ölkrise das Land im Griff hatte. Das erklären die Statistiker, außer besonders niedrigen Preisen vor Jahresfrist, mit vielen aktuell gestiegenen Preisen für Rohstoffe und Vorprodukte.

Knappe Transportkapazitäten verschärfen die Lage

Für das Gesamtjahr rechnen die Volkswirte von Euler Hermes mit Blick auf das Volumen der weltweit gehandelten Waren und Dienstleistungen mit einem Plus von 7,7 Prozent (nach 8 Prozent Minus im Vorjahr). Wegen der Verteuerung dürfte demnach der Handel dem Wert nach aber sogar um weit über 15 Prozent zulegen (nach einem Minus von 9,9 Prozent 2020). Für den diesjährigen Anstieg des Werts der gehandelten Waren und Dienstleistungen mache die Normalisierung der Angebots- und Nachfragebedingungen allerdings nur etwa 15 Prozent aus, die Aufstockung der Lagerbestände hingegen etwa 50 Prozent, heißt es.

Zusätzlich 35 Prozent gehen demnach auf das Konto drastisch gestiegener Transportkosten im globalen Handel, der zum größten Teil auf dem Seeweg abläuft. Weil Transportkapazitäten knapp seien, schössen die Preise, die Containerreedereien verlangen, nach oben.

Die Gemengelage aus teilweise knapper Ware und steigenden Preisen dürfte leider auch beim Verbraucher ankommen, meint man. Dazu ein Beispiel: Der Fahrradhandel klagte kürzlich darüber, dass manche Räder erst mit monatelanger Verspätung ausgeliefert werden. Und der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) rechnet damit, dass die Preise für Fahrräder um 10 bis 15 Prozent steigen könnten.

Was tun? Behandeln Sie ihre Lieferanten fair!

Aus Sicht von Euler Hermes sollte die Situation durchaus als eine Art Weckruf für viele Unternehmen angesehen werden! Denn wenn nichts dagegen unternommen würde, könnten die Lieferketten brechen, egal ob sie global sind oder lokal, wirft van het Hof ein. Das hat sowohl die Corona-Pandemie gezeigt als auch die kürzliche Flutkatastrophe, bei der auch Lieferketten im eigenen Land gekappt wurden. Der Spezialist rät, Notfallpläne für verschiedene Szenarien in der Tasche zu haben, um schnell und flexibel handeln zu können. Auch dürfte die Beziehungsqualität mit den eigenen Lieferanten eine immer wichtigere Rolle spielen. Denn eine partnerschaftliche Beziehung zu den Lieferanten dürfte sich langfristig eher auszahlen, als wenn man bei Liefervereinbarungen den letzten Cent versucht herauszupressen.

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