Schutzabdeckung Vom Musikinstrument zum Maschinenschutz

Autor: M.A. Bernhard Richter

Eine Idee, geboren in Zeiten des Umbruchs, verwandelte einen weltbekannten Instrumentenbauer zu einem wichtigen Systemlieferant für Schutzabdeckungen aller Art.

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Faltenbälge haben sich in unzähligen Maschinenschutzeinsätzen bewährt. Die Verwandtschaft zur Musik ist trotz alledem nicht zu übersehen.
Faltenbälge haben sich in unzähligen Maschinenschutzeinsätzen bewährt. Die Verwandtschaft zur Musik ist trotz alledem nicht zu übersehen.
(Bild: Arno Arnold)

Die Arno Arnold GmbH blickt auf einen außergewöhnlichen Wandel zurück. Denn: Wer denkt in den Industriehallen eines Herstellers für Schutzabdeckungen bei laufender Produktion schon an Tango-Rhythmen, Lambada oder den großen Clown Charly Rivel. Bei Arno Arnold in Obertshausen ist der Gedanke an die Musik immer dabei. Das mittelständische Unternehmen zur Entwicklung und Produktion von flexiblen Schutzeinrichtungen für Industrieanlagen war nämlich einst Hersteller von sogenannten Bandoneons – eine Art komplexere Ziehharmonika.

Kein anderes Musikinstrument interpretiert den Tango wie das Bandoneon.
Kein anderes Musikinstrument interpretiert den Tango wie das Bandoneon.
(Bild: Jorge Royan/Wikimedia Commons / BY-SA 3.0)

Während Ende des 18. Jahrhunderts der aus Argentinien stammende Modetanz Tango die Bars und Bordelle von Großstädten in aller Welt eroberte, war es das Bandoneon, das flexible Handzuginstrument, dessen Faltenbalg die Luft für die Töne erzeugt, mit welchem wie keinem anderen Instrument die Musik des Tango interpretiert werden konnte.

Noten im DNA-Strang

Schon seit 1864 stellten die Arnolds in Carlsfeld im heutigen Sachsen Bandoneons her. Die dort gefertigten Instrumente mit dem Markenzeichen „AA“ erlangten Weltruf. Sie galten als die Stradivari der Balginstrumente und sind heute kostbare Raritäten. Arno Arnold war seit 1930 Geschäftsführer und ab 1933 alleiniger Geschäftsführer. Aus dem kleinen Ort im Erzgebirge wurden bis etwa 1945 ungefähr 30.000 Bandoneons nach Argentinien und Uruguay exportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ das Familienunternehmen Carlsfeld. In der sowjetischen Besatzungszone war an einen Neuanfang der Firma hier nicht zu denken. 1949 ließ sich das Unternehmen in Obertshausen nieder. Zu diesem Zeitpunkt gab es dort eine florierende Lederwarenindustrie – und feines Leder war für die Herstellung qualitativ hochwertiger Faltenbälge essentiell. Arno Arnold produzierte nun in der Rhein-Main-Gegend Bandoneons.

In den schwierigen Zeiten des Wiederaufbaus, war die Nachfrage nach hochwertigen Musikinstrumenten aber nicht mehr so hoch. Das Unternehmen konnte also allein mit der Herstellung von Musikinstrumenten nicht mehr bestehen. Glücklicherweise hatte Arno Arnold eine besondere Idee über die dunklen Jahre des Zweiten Weltkriegs gerettet.

Funktioniert auch anders

Die Idee war, die Windlade des Musikinstrumentes zu modifizieren und als Faltenbalg zum Einsatz in der Industrie weiterzuentwickeln. Bereits 1930 meldete Arnold das 1. Patent eines „harmonikaförmig gefalteten Balges als Schutzabdeckung für Führungsbahnen an Werkzeugmaschinen“ an. Die Idee war genial wie einfach: Der Mittelteil des Bandoneons, der sich „ziehharmonikaartig“ zusammenfaltende Schlauch, wird zum Schutz über bewegende Maschinenteile angebracht, um sie vor Fremdeinflüssen, insbesondere Verschmutzung zu schützen und gegenüber der Umgebung abzudichten.

Das berühmte Doppel-A im Detail: Tangomusiker, bevorzugen Instrumente aus dem Hause Arnold, dessen einzigartige Klangfarbe gegenüber anderen Harmonikainstrumenten unverwechselbar ist.
Das berühmte Doppel-A im Detail: Tangomusiker, bevorzugen Instrumente aus dem Hause Arnold, dessen einzigartige Klangfarbe gegenüber anderen Harmonikainstrumenten unverwechselbar ist.
(Bild: Petardino/Wikimedia Commons / BY 3.0)

Der finale Wandel vom Instrumentenhandwerk zum Industrieunternehmen vollzog sich in Obertshausen durch Günter Weinmann, dem Schwiegersohn von Arno Arnold. 1971 wurde das letzte Bandoneon gebaut. Es ist bis heute leider verschollen und alle Versuche der Familie das Instrument zurückzukaufen waren bis heute erfolglos. Einige andere Instrumente erinnern aber in einem Schauraum des Unternehmens noch an vergangene musikalischere Zeiten.

Eine Idee geht ihren Weg

Der traditionelle Faltenbalg ist heute von der Technik überholt. Das wurde bereits früh erkannt. Heute konzipiert, konstruiert und produziert Arno Arnold flexible Abdeckungen, die Maschinen und Menschen während Fertigungsprozessen schützen. Die Produktpalette reicht von Faltenbälgen, Faltenbälgen mit Teleskopblechen, über Blechabdeckungen, Rollbandabdeckungen, Gliederschürzen bis zu konischen WMB-Spiralen. Überall in der industriellen Fertigung, in deren Bearbeitungsprozessen bewegliche Maschinenteile geschützt werden müssen, findet man Schutzeinrichtungen aus Obertshausen.

Strapano ist besonders beständig gegen viele Arten von Spänen, besonders heiße und scharfkantige Späne. Im eingefahrenen Zustand ist die Abdeckung bis zu 30 % kürzer als marktübliche Abdeckungen.
Strapano ist besonders beständig gegen viele Arten von Spänen, besonders heiße und scharfkantige Späne. Im eingefahrenen Zustand ist die Abdeckung bis zu 30 % kürzer als marktübliche Abdeckungen.
(Bild: Arno Arnold)

Beispiele sind die den Lmin reduzierenden Schutzprinzipien „Strapano“ und „Elegano“: Diese Schutzabdeckungssysteme haben eine reduzierte Dicke der Abdeckung im zusammengefahrenen Zustand. Im Falle von Elegano ist das System mehr als  40 % dünner als marktübliche Faltenbälge. Auch die Bautiefe, also das Maß senkrecht zur Bewegungsrichtung, wurde bei Elegano auf ein Minimum reduziert. Durch diese Art der formschlüssigen Befestigung mit einem rückseitigen Hochleistungskunststoff sind die zu bewegenden Massen noch kleiner. Dadurch kann besser beschleunigt werden, das Fräßergebnis verbessert sich und es spart Energie. Besonders deutlich wird die Gewichtseinsparung bei der Schutzabdeckung Strapano: Hier kann im Vergleich zu einer Teleskopstahlabdeckung bis zu 90 % an Eigengewicht gespart werden. Darüber hinaus ist die balgfreie Entwicklung einfach und modular aufgebaut. Die Teleskopbleche des Strapano-Schutzsystems lassen sich ohne Werkzeug montieren, demontieren, austauschen und erweitern.

Tradition verpflichtet

Heute wie damals genießen die Produkte aus dem Hause Arnold internationalen Ruf. Geblieben sei – betont das Geschäftsführerehepaar Wolf Mang und Simone Weinmann-Mang – die Verpflichtung, technisch hochwertige Produkte herzustellen. Das zeigt sich in der Art und Weise wie Arno Arnold seine Kunden bereits in der Projektdefinition zur Seite steht: Von aktiver Hilfe in der Entwicklung von passgenauen Abdeckungskonzepten inklusive Auswahl der geeigneten Materialien über Funktions- und Haltbarkeitstests auf Prüfständen im firmeneigenen Technologiezentrum, bis hin zur Hilfestellung bei der Montage. (br)

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Über den Autor

M.A. Bernhard Richter

M.A. Bernhard Richter

Redakteur Online/Print/Video, konstruktionspraxis – Alles, was der Konstrukteur braucht