Industrial Usability Day 2016 So wird Einfachheit zur Marktmacht

Autor: Karin Pfeiffer

Für Konsumenten längst ein Muss, avanciert Usability nun in der Industrie zum strategischen Thema. Was aber hat sie davon? Offenbar jede Menge, auch finanziell. Die Rendite-Hebel sitzen in den komplexer werdenden Prozessen. Einfachheit erzeugt bald Marktmacht. Auf dem Industrial Usability Day 2016 am 31. Mai informieren Usability-Experten über die Macht der Einfachheit.

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Je komplexer die Arbeitswelt, desto mehr Einfachheit ist gefragt. Gegensteuern, dialogbasierte Interaktion, Touch – technisch geht vieles, all das wird bislang jedoch kaum genutzt. 
Je komplexer die Arbeitswelt, desto mehr Einfachheit ist gefragt. Gegensteuern, dialogbasierte Interaktion, Touch – technisch geht vieles, all das wird bislang jedoch kaum genutzt. 
(Bild: © andrew_rybalko/Fotolia.com)

So mancher von uns kann sich noch an die Zeit erinnern, als der neue PC nur mit einer 200 Seiten dicken Anleitung in Betrieb zu nehmen war – und trotzdem ohne Hotline nichts ging. Inzwischen erledigt der Rechner das selbst. Tablets, Smartphones & Co. erleichtern uns das Leben – Benutzerfreundlichkeit sei dank. Für Konsumenten längst ein Muss, avanciert Usability nun auch in der Industrie zum strategischen Thema inmitten der zunehmenden Komplexität. Was die Automatisierungsbranche fasziniert, ist ihre Tauglichkeit für jeden Blickwinkel: egal ob vom Nutzer aus betrachtet, aus unternehmerischer Sicht oder aus der Entwicklerperspektive.

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Und so gilt sie den Experten bereits als ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor: „Sowohl für Nutzer als auch für Hersteller von technischen Systemen“, sagt Dr.-Ing. Frank Dittrich, Professor für Arbeitswissenschaft und Innovationsmanagement an der TU Chemnitz und Clusterleiter Product Engineering. „Einfach zu bedienende und an die Fähigkeiten der Nutzer angepasste Mensch-Maschine-Schnittstellen (MMS) beschleunigen Bedienabfolgen, reduzieren Bedienfehler und erhöhen damit die Produktivität der Nutzer.“ Besonders bei den repetitiven Aufgaben könnten aus der Beschleunigung einzelner Bedienschritte über die Summe dieser Tätigkeiten hohen Einsparungen resultieren. „Aber auch die Reduzierung von Bedienfehlern beinhaltet großes Kostensenkungspotenzial“, so Dittrich. Durch Fehlbedienung entstandene fehlerhafte Datensätze könnten beispielsweise in ERP-Systemen oft nur mit hohem Aufwand korrigiert werden. „Fehlbedienungen in der Produktion können über Ausfallzeiten und Ausschuss bis hin zu Unfällen führen.“

Auch der Mitarbeiter profitiert, und zwar durch eine geringere Belastung und die Reduzierung des kognitiven Aufwandes, weiß Dr. Dittrich. Die sogenannte kognitive Ergonomie ist auch ein Fokus von CITEC, dem Exzellenzcluster „Kognitive Interaktionstechnologien“ der Uni Bielefeld. Neben CITEC wird im Spitzencluster „It’s OWL“ eine Technologieplattform für Unternehmen aufgebaut, um Methoden für innovative Schnittstellen im Kontext industrieller Anwendungen zu schaffen.

Maschinen pegeln feinfühlig unser Stressniveau runter

„Bei der kognitiven Ergonomie geht es darum: Was muss der Nutzer alles im Gedächtnis behalten, wie viele Ziele und Entscheidungen überdenken? Hohe kognitive Belastungen, die mental work load, sind extrem wichtige Aspekte, gerade in Sicherheitsumgebungen“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Stefan Kopp von CITEC an der Universität Bielefeld. Hier könnten Usability-Lösungen helfen: „Die Maschine kann die kognitive Belastung erkennen.“ Da komme moderne Sensorik ins Spiel, etwa Blickverfolgung durch Eye-Tracking, das Erkennen von Fehlern im Arbeitsablauf, Hautleitwiderstand, Pulsmesser. „Wenn die Maschine entdeckt, dass der Mensch eine hohe kognitive Last hat, kann sie darauf reagieren“, so Kopp. „MMS kann sich anpassen an die Zustände, beispielsweise die Informationsdichte reduzieren oder auch ermöglichen, multimodal zu interagieren, also gleichzeitig mit Sprache, Gestik, Betonung und Blick.“ 

Gestensteuerung und virtuelle Brillen sind Beispiele für die Veränderung unserer Wahrnehmungswelt, die mit der Digitalisierung einhergeht. Dr. Harald Schöning, Vice President Research bei der Software AG, hält da auch „eine IT-Unterstützung bei den Tätigkeiten, die auf intuitive Weise und mit neuen Technologien wie etwa Augmented Reality dem Mitarbeiter Hilfestellung gibt“, für unabdingbar.

Dass es dabei nicht nur um eine Wohlfühlzone für die Mitarbeiter geht, sondern ebenso um Kostenaspekte, erklärt auch Dittrich: „Stress- und Angstsituationen können vermieden werden, nicht nur kurzfristig, auch die langfristigen psychosomatische Gesundheitsprobleme.“

Industrial Usability Day 2015
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Industrial Usability zahlt demnach also auf verschiedene Weise auf eine erhöhte Rendite des anwendenden Unternehmens ein. Das wiederum lässt die Kasse beim auf Usability ausgerichteten Hersteller klingeln. „Die Wahrscheinlichkeit, dass zufriedene Kunden erneut Produkte des Herstellers kaufen, steigt“, ist Dittrich überzeugt. „Zudem wird sie zunehmend zu einem kaufentscheidenden Faktor bei den Nutzern dieser Systeme.“ Überdies gilt die Faustformel: Je gebrauchstauglicher ein Produkt, desto geringer der Support-Aufwand.

Der eigentlich angepeilte Nutzen für die Industrie aber steckt wohl in den Prozessen selbst, der Helix der Wertschöpfungs-DNA. „Durch den integrativen Ansatz von Produktion, Planung Logistik und Lieferketten im Umfeld von Industrie 4.0 werden zukünftig noch mehr Einflussgrößen und Informationen anwendergerecht aufbereitet und dargestellt werden müssen“, meint Thomas Hammermeister, PR-Manager bei Schneider Electric. Gleichzeitig sind es genau diese vielen Infos und Daten in den Anlagen und Prozessen, aus denen sich in Industrie 4.0 die positive Effekte speisen sollen. Integration heißt dort bekanntlich das Schlüsselwort. Einfach, schnell und flexibel, das bedeute auch eine hohen Auslastung, ergänzt Georg Reindl, Geschäftsführer von Mensch und Maschine, was schlanke Prozesse dem Unternehmen bringen.

Wichtig ist da der Blick aufs Ganze: „Wer immer nur isolierte Teile eines Systems betrachtet, dem entgehen die Auswirkungen von Änderungen auf das Gesamtsystem“, erklärt Philipp Schmidt, Branch Office Manager der Copa-Data GmbH. „Ein zentraler Begriff gelungener Ergonomie ist deshalb Vernetzung – Vernetzung auf allen Ebenen.“ Eine gut vernetzte Anlage hingegen benötige nur einen Leitstand, um auch verteilte Anlagen zu visualisieren und zu steuern. Statt zwischen mehreren Leitständen zu pendeln, sieht der Bediener mit einem Blick auf den Status aller Maschinen und Prozesse, kann auf Alarme sofort reagieren und immer auch das Gesamtsystem im Auge behalten. „Ergonomisch vernetzen heißt auch, über den eigenen Prozess hinausschauen, mit anderen Bereichen kommunizieren, sie einbinden und bestmöglich aufeinander abzustimmen“, so Schmidt.

Für all die Rendite-Hebel muss Usability schon am Anfang der Wertschöpfungskette mit hineingedacht werden, meinen die Experten. Nicht nach Schema F, Industrial Usability erfordere eine neue Denke. Copa-Data etwa verfolgt den Grundsatz „Parametrieren statt Programmieren“. „Wer Parameter konfiguriert statt Skripte zu schreiben, ist nicht nur schneller, er hat auch weniger Gelegenheit, Fehler zu machen“, meint Schmidt. „Vor allem aber gewinnt er Überblick.“ Teams könnten ihre Projekte leichter in Module aufteilen, erreichten schneller ihre Ziele. Und was Ergonomie im Engineering und zur Runtime erreiche, werde bei Wartungsarbeiten weiter potenziert. „Die Sprachumschaltung erlaubt es zum Beispiel einem deutschen Wartungstechniker eine in Englisch projektierte Anlage in China problemlos zu warten“, skizziert Schmidt.

Emotionale Faktoren beeinflussen Maschinenbedienung

Ob im Einzelfall eine schicke Bedienoberfläche die zunehmende Komplexität in den Prozessen reduziert oder es um das Konzept eines völlig neuen Ansatzes geht, ist wohl auch eine Frage unserer Konditionierung. „Emotionale Faktoren haben großen Einfluss darauf, wie ich mit der Maschinen umgehe, auch wie ich mich anpasse“, weiß auch Prof. Kopp von der Uni Bielefeld. „MMS spricht nicht mehr von Usability, sondern zunehmend von User Experience. Das ist der größere Begriff, der auch das subjektive Empfinden beinhaltet, nicht nur während, sondern auch vor und nach der Nutzung“, so Experte Kopp. 

Und woran hapert es derzeit noch besonders? An Ressourcen, Zeit und Geld, um die Zusammenarbeit von Entwicklern und Anwendern zu verbessern, glaubt Gieselmann. „Es ist für einen Entwickler nicht einfach, die Anwenderseite inhaltlich zu verstehen.“ Denn jeder hat einen anderen Blickwinkel auf dasselbe Muster einer vernetzten Arbeitswelt. Gerade dem Thema Industrie 4.0 nähert sich jeder aus einer anderen Ecke. Schmidt: „Die eigentliche Innovation dabei ist keine einzelne Technologie, sondern das Umdenken in der Industrie.“

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 Karin Pfeiffer

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Journalistin