Industrial Usability Day 2016

So wird Einfachheit zur Marktmacht

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Der eigentlich angepeilte Nutzen für die Industrie aber steckt wohl in den Prozessen selbst, der Helix der Wertschöpfungs-DNA. „Durch den integrativen Ansatz von Produktion, Planung Logistik und Lieferketten im Umfeld von Industrie 4.0 werden zukünftig noch mehr Einflussgrößen und Informationen anwendergerecht aufbereitet und dargestellt werden müssen“, meint Thomas Hammermeister, PR-Manager bei Schneider Electric. Gleichzeitig sind es genau diese vielen Infos und Daten in den Anlagen und Prozessen, aus denen sich in Industrie 4.0 die positive Effekte speisen sollen. Integration heißt dort bekanntlich das Schlüsselwort. Einfach, schnell und flexibel, das bedeute auch eine hohen Auslastung, ergänzt Georg Reindl, Geschäftsführer von Mensch und Maschine, was schlanke Prozesse dem Unternehmen bringen.

Wichtig ist da der Blick aufs Ganze: „Wer immer nur isolierte Teile eines Systems betrachtet, dem entgehen die Auswirkungen von Änderungen auf das Gesamtsystem“, erklärt Philipp Schmidt, Branch Office Manager der Copa-Data GmbH. „Ein zentraler Begriff gelungener Ergonomie ist deshalb Vernetzung – Vernetzung auf allen Ebenen.“ Eine gut vernetzte Anlage hingegen benötige nur einen Leitstand, um auch verteilte Anlagen zu visualisieren und zu steuern. Statt zwischen mehreren Leitständen zu pendeln, sieht der Bediener mit einem Blick auf den Status aller Maschinen und Prozesse, kann auf Alarme sofort reagieren und immer auch das Gesamtsystem im Auge behalten. „Ergonomisch vernetzen heißt auch, über den eigenen Prozess hinausschauen, mit anderen Bereichen kommunizieren, sie einbinden und bestmöglich aufeinander abzustimmen“, so Schmidt.

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Für all die Rendite-Hebel muss Usability schon am Anfang der Wertschöpfungskette mit hineingedacht werden, meinen die Experten. Nicht nach Schema F, Industrial Usability erfordere eine neue Denke. Copa-Data etwa verfolgt den Grundsatz „Parametrieren statt Programmieren“. „Wer Parameter konfiguriert statt Skripte zu schreiben, ist nicht nur schneller, er hat auch weniger Gelegenheit, Fehler zu machen“, meint Schmidt. „Vor allem aber gewinnt er Überblick.“ Teams könnten ihre Projekte leichter in Module aufteilen, erreichten schneller ihre Ziele. Und was Ergonomie im Engineering und zur Runtime erreiche, werde bei Wartungsarbeiten weiter potenziert. „Die Sprachumschaltung erlaubt es zum Beispiel einem deutschen Wartungstechniker eine in Englisch projektierte Anlage in China problemlos zu warten“, skizziert Schmidt.

Emotionale Faktoren beeinflussen Maschinenbedienung

Ob im Einzelfall eine schicke Bedienoberfläche die zunehmende Komplexität in den Prozessen reduziert oder es um das Konzept eines völlig neuen Ansatzes geht, ist wohl auch eine Frage unserer Konditionierung. „Emotionale Faktoren haben großen Einfluss darauf, wie ich mit der Maschinen umgehe, auch wie ich mich anpasse“, weiß auch Prof. Kopp von der Uni Bielefeld. „MMS spricht nicht mehr von Usability, sondern zunehmend von User Experience. Das ist der größere Begriff, der auch das subjektive Empfinden beinhaltet, nicht nur während, sondern auch vor und nach der Nutzung“, so Experte Kopp. 

Und woran hapert es derzeit noch besonders? An Ressourcen, Zeit und Geld, um die Zusammenarbeit von Entwicklern und Anwendern zu verbessern, glaubt Gieselmann. „Es ist für einen Entwickler nicht einfach, die Anwenderseite inhaltlich zu verstehen.“ Denn jeder hat einen anderen Blickwinkel auf dasselbe Muster einer vernetzten Arbeitswelt. Gerade dem Thema Industrie 4.0 nähert sich jeder aus einer anderen Ecke. Schmidt: „Die eigentliche Innovation dabei ist keine einzelne Technologie, sondern das Umdenken in der Industrie.“

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 Karin Pfeiffer

Karin Pfeiffer

Journalistin