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Fachkräftemangel Mit neuem Testverfahren gegen den Fachkräftemangel

| Autor / Redakteur: Johannes Wiek* / Katharina Juschkat

Mit dem Testverfahren My Skills kann man nach einem vierstündigen Test feststellen, ob ein Mitarbeiter die nötige Erfahrung auch ohne Sprachkenntnisse und Zeugnisse hat, um als Fachkraft zu arbeiten. Wir zeigen, wie das funktioniert.

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Der Test gibt Menschen eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, auch wenn sie keine Zeugnisse oder Sprachkenntnisse mitbringen.
Der Test gibt Menschen eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, auch wenn sie keine Zeugnisse oder Sprachkenntnisse mitbringen.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Fast jede zweite Firma beklagt nach der neuesten DIHK-Umfrage, dass Arbeitskräfte fehlten. Gerade auch im Bereich der Metalltechnik ist der Mangel an fähigen Mitarbeitern zu einem echten Problem geworden. „Die Fachkräfteknappheit ist mittlerweile die mit Abstand größte Sorge der Betriebe in Deutschland“, sagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Neuer Test zeigt, was Menschen mit Berufserfahrung können

Viele Unternehmen suchen voll ausgebildete Alleskönner. Aber die sind immer schwerer zu finden. Dabei erledigen heute schon 70 % der sogenannten „Ungelernten“ Aufgaben und Standardtätigen von Fachkräften. Das sind Mitarbeiter, die über langjährige Erfahrung verfügen, aber eben nicht über einen Ausbildungsabschluss.

Das Testverfahren „My Skills“ zeigt, welches berufliche Handlungswissen sich Arbeitnehmer am Arbeitsplatz angeeignet haben, die keinen formalen oder in Deutschland anerkannten Berufsabschluss haben. Das können Flüchtlinge aus Syrien sein, wie dieser Beitrag der Deutschen Welle zeigt, aber auch viele Deutsche, die heute nicht mehr in ihrem ursprünglichen Ausbildungsberuf arbeiten.

Wie funktioniert My Skills?

My Skills ist ein computergestützter, videobasierter Test, der vom Jobcenter oder der Arbeitsagentur durchgeführt wird. Um Sprachbarrieren zu verringern, ist der Test in sechs Sprachen verfügbar – Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi, Russisch und Türkisch. Er dauert ungefähr 4 Stunden. Den Teilnehmer werden ca. 120 Fragen zu konkreten beruflichen Handlungssituationen gestellt. Der Test kann im Jobcenter oder der Arbeitsagentur durchgeführt werden und ist derzeit für acht Berufe verfügbar – darunter für den Beruf Fachkraft Metalltechnik Fachrichtung Konstruktionstechnik. Im Jahresverlauf sollen Tests für 30 Berufe zur Verfügung stehen.

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Interview mit My-Skills-Testentwicklern

Frank Menge und Eugen Haferstein sind Ausbildungsmeister für Metalltechnik an der Fortbildungs-Akademie Reckenberg-Ems gGmbH. Sie haben als Experten den My-Skills-Tests für den Beruf „Fachkraft für Metalltechnik Fachbereich Konstruktionstechnik“ entwickelt. Im Gespräch mit Johannes Wiek von der Bertelsmannstiftung erzählen sie, was hinter der Entwicklung von My Skills steckt und was Arbeitgeber von den Ergebnissen erwarten können.

J. Wiek: Was ist My Skills?

F. Menge: Das Testverfahren ist ein neues Instrument, um die beruflichen Fähigkeiten eines Menschen auf schnellerem und kürzerem Weg festzustellen als es bisher möglich war. Das kann jemand aus Deutschland sein, der in einem Beruf gearbeitet, aber keinen Abschluss gemacht hat. Genauso wie der syrische Flüchtling, dessen Ausbildung hier in Deutschland nicht anerkannt wird.

J. Wiek: Worin liegen die Vorteile?

F. Menge: Ein Vorteil des computerbasierten Tests ist, dass die Videosequenzen und Momentaufnahmen von Handlungssituationen sprachneutral sind. Bei MYSKILLS sehen die Teilnehmer Videos von echten beruflichen Handlungssituationen und kriegen dazu Fragen in ihrer Sprache gestellt.

E. Haferstein: Der andere Vorteil ist, dass der Test in unterschiedliche Handlungsfelder aufgeteilt ist, die an der tatsächlichen beruflichen Praxis ausgerichtet sind, genauso wie am aktuellen deutschen Ausbildungsstandard. Der Test deckt damit die gesamte Bandbreite des Berufsbildes ab. Dadurch, dass hier beides miteinander vereint wurde, kann man bei Testteilnehmern eine sehr valide Aussage zu den jeweiligen Handlungskompetenzen in einem Beruf treffen. Natürlich ist der Test kein Ersatz für den Gesellenbrief. Aber er gibt klare Hinweise, was jemand in einem Beruf schon kann und welche Lücken durch Weiterbildung geschlossen werden müssen.

J. Wiek: Welches berufliche Wissen wird im Test konkret abgefragt?

F. Menge: Die Testfragen zum Berufsbild Fachkraft Metalltechnik in der Fachrichtung Konstruktionstechnik wurden so zusammengestellt, dass man wirklich sehen kann, ob jemand praktische Berufserfahrung in den verschiedenen Handlungsfeldern hat oder nicht. Das geht von der Herstellung von Bauteilen mit handgeführten Werkzeugen und Maschinen, über das konventionelle Drehen und Fräsen von Einzelteilen, das Montieren und Demontieren von Baugruppen und Metallkonstruktionen, das Umformen und Trennen von Blechen und Rohren bis hin zum Schweißen von Bauteilen und Baugruppen aller Art. Darin enthalten ist die komplette manuelle Bearbeitung, das Zusägen, Entgraten, Bohren, Erstellen von Gewinden, das Messen, Zuschneiden, die Oberflächenvorbereitung, das Schweißen unterschiedlicher Metalle mit den Handschweißverfahren MAG/MIG, LHS, GSS sowie Brennschneiden, Korrosionsschutzmaßnahmen und vieles mehr.

J. Wiek: Wie kann man die MYSKILLS-Ergebnisbögen interpretieren?

E. Haferstein: Der Test ist schwer. Wenn jemand mit einem Testergebnis von zwei Punkten in einem Handlungsfeld kommt, dann können Arbeitgeber diesen Kandidaten unter Anleitung schon in diesem Gebiet einsetzen. Bei drei Punkten in einzelnen Handlungsfeldern ist da jemand, der wirklich etwas kann und direkt eigenständig einsetzbar ist. Für so jemanden ist der Weg zur Fachkraft nicht mehr weit. Vier Punkte kann eigentlich nur jemand mit den Fähigkeiten eines Spitzen-Facharbeiters erreichen.

F. Menge: Das Gute ist aber auch, dass man durch das Testergebnis gleichzeitig immer sehen kann, in welchen Bereichen noch etwas fehlt, das nachgeschult und qualifiziert werden muss, damit dass mal ein guter Facharbeiter wird.

J. Wiek: Was soll durch My Skills für die Metall-Branche verbessert werden?

F. Menge: Auch in unserer Branche ist der Fachkräftemangel ein ernstes Problem. Die meisten Teilnehmer unserer Umschulungen werden direkt in die Festanstellung vermittelt.

E. Haferstein: Der Test kann für Arbeitsuchende mit Berufserfahrung eine Abkürzung in den Arbeitsmarkt und in die Qualifikation sein. Wenn jemand z.B. die konventionelle Zerspanung schon kann, aber im Bereich der Schweißtechnik noch qualifiziert werden muss, dann fängt er in dem einem Bereich schon mal an zu arbeiten, macht eine Fachqualifizierung im anderen Bereich und kann sich dann, wenn auch sprachlich alles passt, die Theorie beherrscht und die Zulassungsvoraussetzungen seitens der jeweiligen Kammer erfüllt sind, für eine Externen-Prüfung anmelden. Das kann für viele Menschen mit mehrjähriger Berufserfahrung einfach ein kürzerer und passenderer Weg sein als die zweijährige Ausbildung zur Fachkraft Metalltechnik der Fachrichtung Konstruktionstechnik.

F. Menge: Für Arbeitgeber erhöht der Test die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bewerber bereits anschlussfähige Fähigkeiten hat. Er kann in Zukunft auch gezielt bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter nachfragen, wenn er jemanden mit bestimmten Fähigkeiten sucht. Dadurch hat er ein geringeres Investment bei der Arbeitnehmersuche, das Risiko einer Fehlbesetzung sinkt und er kann fähige und kompetente Mitarbeiter finden, die er aufgrund der Sprachbarriere sonst nie gefunden hätte.

Meine Empfehlung ist: Arbeitgeber sollten sich die Menschen mit ihren Testergebnissen wirklich anschauen. Dieser Test hat Hand und Fuß. Wir waren bei der Testentwicklung auch nicht allein: In großen Expertenrunden haben Vertreter der Innungen, Kammern, Ausbildungsmeister, Betriebsinhaber und Unternehmensvertreter aus Handwerk und Industrie die konkreten Fragestellungen und Testanforderungen überprüft und angepasst. Und alle Vertreter haben hinterher gesagt, dass der Test so für sie passt. Und das ist eine Aussage, die man in unserer ganzen Branche ernst nehmen sollte.

„Der My-Skills-Test ist in unterschiedliche Handlungsfelder aufgeteilt, die an der tatsächlichen beruflichen Praxis und am aktuellen deutschen Ausbildungsstandard ausgerichtet sind“, sagt Eugen Haferstein, Metalltechnik-Ausbildungsmeister an der Fortbildungs-Akademie Reckenberg-Ems und einer der My-Skills-Testentwickler für den Beruf Fachkraft Metalltechnik.

Testfragen offenbaren das Fachwissen

Die Testfragen sind so zusammengestellt, dass man sehen kann, ob jemand praktische Berufserfahrung in den verschiedenen Handlungsfeldern hat oder nicht. An dem Test haben zahlreiche Vertreter der Innungen, Kammern, Ausbildungsmeister, Betriebsinhaber und Unternehmensvertreter aus Handwerk und Industrie an den konkreten Fragestellungen und Testanforderungen beratend mitgearbeitet.

Wichtig ist, die Ergebnisse des Tests richtig zu interpretieren“, sagt Frank Menge, My-Skills-Testentwickler. „Denn der Test ist schwer. Wenn jemand mit einem Testergebnis von zwei Punkten in einem Handlungsfeld kommt, dann können Arbeitgeber diesen Kandidaten unter Anleitung schon in diesem Gebiet einsetzen. Bei drei Punkten in einzelnen Handlungsfeldern ist da jemand, der wirklich etwas kann und direkt eigenständig einsetzbar ist. Für so jemanden ist der Weg zur Fachkraft nicht mehr weit. Vier Punkte kann eigentlich nur jemand mit den praktischen Fähigkeiten eines Spitzen-Facharbeiters erreichen.“

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Arbeitgeber können gezielt nach Fachkräften suchen

Für den Arbeitgeber erhöht der My-Skills-Test die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bewerber bereits anschlussfähige Fähigkeiten hat. In Zukunft können Arbeitgeber auch gezielt bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter nachfragen, wenn jemanden mit bestimmten Fähigkeiten gesucht wird. Dadurch hat er ein geringeres Investment bei der Arbeitnehmersuche, das Risiko einer Fehlbesetzung sinkt und er kann fähige und kompetente Mitarbeiter finden, die er sonst nie gefunden hätte. „Und wenn sich jemand gut anstellt, gibt es immer die Möglichkeit, diesen Menschen intern oder über das Jobcenter gefördert weiterzubilden, damit er eine Qualifikation bekommt“, ergänzt Entwickler Haferstein. „Die Möglichkeiten dafür sind vielfältig. Über My Skills öffnet sich einfach ein neuer Weg, um mittelfristig an Fachkräfte zu kommen.“

Auch für andere Berufe gibt es inzwischen den My-Skills-Test, beispielsweise in der Gastronomie:

* Johannes Wiek, Partner für Strategieentwicklung und Kommunikation

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